Motiv nach wie vor unklar: Im „Augenstecher“-Prozess geht es nicht voran

06. November 2018
Schlüchtern/Hanau

Auch der vierte Verhandlungstag am Dienstag brachte keine wirkliche Klarheit in die Motivlage des 26-jährigen Eritreers, der einen 18-jährigen Somalier in seiner Schlüchterner Wohnung fast umgebracht, ihm die Augenlider abgeschnitten und die Ohren fast abgebissen hatte.

Der Angeklagte hat sich nun aber erstmals selbst zu Wort gemeldet. Er brach damit sein Schweigen während des laufenden Prozesses, allerdings kam er nicht auf den Punkt zu sprechen: Warum hat er sein Opfer so sehr gequält?

Seine überraschende Aussage, in verständlichem Deutsch übrigens, nährt zunächst weiter Zweifel an der „50-Euro-Version“. Also an den Schulden, die der Angeklagte beim Opfer gehabt habe, und die dieser habe eintreiben wollen, woraufhin es letztlich zum Streit und zur Tat gekommen sein soll.

Nach seinen Worten will er zunächst in der Wohnung des Opfers in Schlüchtern gewesen sein, wo sie gemeinsam gegessen hätten. Abends seien sie dann in seine Wohnung gegangen, um Playstation zu spielen.

„Er hat mich auch beim Playstation-Spielen verhöhnt, wie so oft in letzter Zeit. Wir sind in Streit geraten, und der ist eskaliert. Wir haben und gegenseitig geschlagen, lagen mal auf dem Boden, haben uns hin und her gewälzt. Dann habe ich ihm mit dem Käsemesser in den Hals gestochen.“ Mag sein, dass das alles Schutzbehauptungen des Tatverdächtigen sind. Denn es geht ja in diesem Wiederaufnahmeprozess eigentlich einzig um die Frage: durchgängige Tötungsabsicht, also versuchter Mord, oder nicht?

Die fast schon chirurgische „Meisterleistung“, das Schnippeln an den Augenlidern nämlich, das Stechen mit einem Kugelschreiber in beide Augäpfel, das Knabbern an den Ohren: alles „nur“ Körperverletzung, wie es die vorige Schwurgerichtskammer ausgeurteilt und damit die Revision durch den BGH kassiert hatte? An diese ganzen grausamen Einzelheiten kann sich der Angeklagte – auch nach seinen jetzigen Worten – aber nicht erinnern. / rha

Was am Dienstag unter anderem noch eine ehemalige Betreuerin und eine Psychologin des Angeklagten aussagten, lesen Sie in der Mittwochausgabe der Kinzigtal Nachrichten sowie im E-Paper.

Erster Prozesstag: Anklageschrift zum „Augenstecher-Prozess" verlesen

Erneut steht ein mindestens 26 Jahre alter Angeklagter aus Eritrea vor Gericht. Der Mann muss sich wegen versuchten Mordes und Messerstiche in Hals und Augen eines zur Tatzeit 18 Jahre alten Somaliers in einem Haus in Schlüchtern vor dem Landgericht Hanau verantworten. Am ersten Prozesstag am Montag wurde die Anklageschrift verlesen und das weitere Vorgehen besprochen.

Revision: „Augenstecher-Prozess" muss neu aufgerollt werden

Der sogenannte Augenstecher-Prozess muss neu aufgerollt werden. Gegen das Urteil vom 29. Juni 2017 wegen versuchten Totschlags sowie schwerer Körperverletzung hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung Revision eingelegt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.