Prozess um Gesichtsverstümmelung: Angeklagter muss knapp zehn Jahre in Haft

29. Juni 2017
Hanau/Schlüchtern

Die Tat erinnert an einen Horrorfilm. Einem jungen Mann wird in den Hals gestochen und grausam das Gesicht verstümmelt. Heute wurde deswegen ein früherer Freund des Opfers zu einer Gefängnisstrafe von knapp zehn Jahren verurteilt.

Nach einem Gewaltexzess, bei dem einem jungen Mann das Gesicht verschandelt worden ist, wurde der Angeklagte am Donnerstag vom Landgericht Hanau zu einer Gefängnisstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt. Und zwar nicht wegen Mordes, sondern wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung.

Nach dem Willen der Staatsanwaltschaft hätte der Mann lebenslang hinter Gitter gesollt. Auch die Nebenklage hatte dieses Strafmaß am Donnerstag im Prozess gefordert. Der Verteidiger des Mannes aus Eritrea hatte dagegen eine Gefängnisstrafe von weniger als zehn Jahren für angemessen gehalten, wie er in seinem Vortrag darlegte.

Die vorsitzende Richterin sprach in ihrer Urteilsbegründung von einer „bizarren und grausamen Tat“, bei der aber das letztliche Motiv noch offen bleibe. Sie zeigte sich überrascht davon, wie viele Ermittlungspannen passiert seien, nahm aber von ihrer Kritik ausdrücklich die Polizeibeamten aus, die zuerst am Tatort eingetroffen war. Ihnen sei es im wesentlich zu verdanken, dass das Opfer noch lebe.

Lesen Sie hier mehr:

Verstümmelung nach PlayStation-Pleiten: Angeklagter viel älter als angegeben

Der Angeklagte im Augenstecher-Prozess ist laut Altersgutachten mindestens 26 Jahre alt. Das schließt eine Rechtsmedizinerin aus Röntgenuntersuchungen des Schlüsselbeins und einem Zahnbefund. Er selbst hatte behauptet 20 Jahre alt zu sein.

Der Flüchtling war angeklagt wegen versuchten Mordes sowie schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Er soll einem befreundeten, 18 Jahre alten Flüchtling aus Somalia im Oktober 2016 in dessen Wohnung in Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) mit zwei Messern in den Hals gestochen haben. Danach soll er ihm mit Stichen und Schnitten das Gesicht entstellt haben.

Augen und Ohren wurden schwer verletzt. Das aus Somalia stammende Opfer ist seither nahezu blind. Den Vorwurf der Heimtücke hatte die Staatsanwaltschaft am Donnerstagmittag fallen gelassen. Das Mordmerkmal der Grausamkeit sei aber übererfüllt, sagte Staatsanwalt Alexander Voigt. Das Opfer habe körperliche und seelische Schmerzen und Qualen erlitten. Es werde zeitlebens entstellt bleiben.

Der Angeklagte hatte sich am Donnerstagmorgen erstmals in dem Prozess geäußert. Er ließ über seinen Anwalt eine kurze Erklärung verlesen. An die vorgeworfenen Taten könne er sich nicht erinnern. Wohl aber, dass er zuvor mit dem 18-Jährigen in dessen Wohnung Playstation gespielt habe. Das spätere Opfer habe gewonnen, ihn ausgelacht und beschimpft.

Lesen Sie hier mehr:

Nächste Dolmetscher-Panne im Prozess wegen Gesichtsverstümmelung

Der fünfte Tag im Augenstecher-Prozess vor dem Hanau Landgericht ist nach nicht einmal einer Stunde ergebnislos zu Ende gegangen. Der Grund? Ein Übersetzer für die tigrinische Sprache war nicht erschienen. Heute könnten die Plädoyers gehalten werden.

Der Dolmetscher übersetzte die Schmähung mit „Depp“. Außerdem habe das spätere Opfer ihm wenige Tage zuvor einen Bleistift, ein Lineal und einen Radiergummi gestohlen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage hielten diese Darstellung als Erklärung für das spätere Tatgeschehen nicht für glaubwürdig. Zu Prozessbeginn hatte die Staatsanwaltschaft einen Streit um Geldschulden als mögliches Motiv angenommen.

Ein psychiatrisches Gutachten, das am Donnerstag vorgestellt worden war, hatte ergeben, dass der Angeklagte womöglich unter einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung leide. Laut einem ebenfalls vorgelegten Altersgutachten ist der Angeklagte 26 Jahre alt oder älter. Er hatte angegeben, 20 Jahre alt zu sein. Somit kam nun nicht mehr Jugend-, sondern Erwachsenenstrafrecht zur Anwendung.

Ein Zeuge hatte ausgesagt, dass der Angeklagte auf der Flucht bei Behörden ein jüngeres Alter angegeben habe, um sich Vorteile im Asylverfahren zu verschaffen. Mehr zum Urteil, inklusive einer ausführlichen Besprechung der Urteilsbegründung, lesen Sie am Freitag in den gedruckten Ausgaben von Fuldaer Zeitung und Kinzigtal Nachrichten sowie im E-Paper. / au, sar, dpa

Lesen Sie hier mehr:

Augenärztin: Als Tatwerkzeug kommt das Käsemesser in Betracht

Die Frage wie alt der Angeklagte im Augenstecherprozess wirklich ist - 20 oder 24 Jahre -, bleibt weiterhin offen. Unklar ist zudem wie stark das Augenlicht des Opfers bei der Attacke im Oktober 2016 wirklich beschädigt wurde.