Revision: „Augenstecher-Prozess“ muss neu aufgerollt werden

30. Mai 2018
Schlüchtern/Hanau

Der sogenannte Augenstecher-Prozess muss neu aufgerollt werden. Gegen das Urteil vom 29. Juni 2017 wegen versuchten Totschlags sowie schwerer Körperverletzung hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung Revision eingelegt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Vor elf Monaten war der wohl 26 Jahre alte Dawit W. aus Eritrea von der 2. Großen Jugendstrafkammer in Hanau dafür verurteilt worden, dass er am 7. Oktober 2016 in einem Wohnblock an der Schlüchterner Obertorstraße einen damals 18-jährigen Somalier in den Hals gestochen und sein Opfer danach grausam verstümmelt hat.

Die Revision hatte jetzt vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe Erfolg, was vor allem die Argumentation der Staatsanwaltschaft Hanau bestätigt. Die Verteidigung hatte eher wegen einer allgemeinen rechtlichen Überprüfung des Urteils eine Sachrüge formuliert. Das oberste deutsche Strafgericht bemängelt an dem Urteilsspruch aber vor allem, dass das Landgericht in seiner Entscheidung von einem durchgehenden Tötungsvorsatz des Angeklagten abgesehen hatte. Dieser Vorsatz habe nur bei den anfänglichen Stichen in den Hals bestanden.

Die Staatsanwaltschaft verfolgte in der Hauptverhandlung den Tatvorwurf des versuchten Mordes, den das Gericht jedoch nicht übernahm. Die Feststellung der Richter unter Vorsitz von Gerichtspräsidentin Susanne Wetzel, der Angeklagte habe bei den verstümmelnden Schnitten sein Opfer ohne Tötungsvorsatz „nur noch körperlich verletzen“ wollen, ist aus Sicht des Bundesgerichtshofs „nicht tragfähig belegt“.

Der von der Strafkammer angeführte Umstand, dass „es allgemein bekannt ist, dass derartige Augen- und Ohrenverletzungen nicht ohne Weiteres zum Tode eines Menschen führen können“ und dies dem Angeklagten bewusst gewesen sei, lasse keinen Rückschluss darauf zu, dass Dawit W. während der Tat den Vorsatz aufgegeben habe, sein Opfer töten zu wollen. Denn „die Annahme, dass die Schnitte an den Augenlidern und Ohren nicht tödlich sein würden, besagt nichts zu der Frage, was das handlungsleitende Motiv des Angeklagten war und welches Vorstellungsbild er insgesamt hatte“, heißt es in der Begründung des BGH (Aktenzeichen 2 StR 551/17).

Nicht aufgehoben hat der Bundesgerichtshof die Feststellung des Alters von Dawit H. Eine Gutachterin der Frankfurter Rechtsmedizin hatte ausgesagt, der Angeklagte sei mit großer Sicherheit älter als die behaupteten 20 Jahre und als die angenommenen 24 Jahre. Nach Röntgenaufnahmen des Schlüsselbeins und Zahnbefunden sei er mindestens 26 Jahre alt.

Als Tatmotiv wurde bei dem ersten Prozess angeführt, dass der Täter dem Opfer 50 Euro geschuldet habe und diese nicht zurückzahlen wollte. In Rede stand auch ein homosexueller Hintergrund, die Kammer sah für eine „Beziehungstat“ aber keine ausreichenden Anhaltspunkte. Ein Ethnologe der Universität München hatte in dem Prozess erklärt, der Täter könne sich zwischen Selbsthass und nicht länger zu unterdrückender Erotik und Sehnsucht zerrissen gesehen haben. Dies würde auch Gewalt provozieren, zumal in Ostafrika Homosexualität verboten und gesellschaftlich geächtet sei. / hgs

Tathergang und Folgen

Mit jeweils einem Messer in der Hosentasche soll Dawit W. sein Opfer Mustafa H. schon erwartet haben, als dieser an der Tür der Einzimmerwohnung des Täters in Schlüchtern klingelte. Dann soll er ihn in die dunkle Wohnung eingelassen, die Tür hinter seinem bisherigen Freund geschlossen und sofort mit beiden Messern in den Hals gestochen haben. Danach habe sich Dawit W. auf Mustafa H. geworfen und dessen Gesicht verstümmelt. Bis zum Eintreffen von Polizeibeamten, die den Angreifer von seinem Opfer wegzerrten, habe der Eritreer den Somalier gewürgt. Gesplitterte Türen von Glasvitrinen, Blutspuren an Wänden und in einem Besteckkasten deuten auf einen vorherigen Kampf hin. Medizinische Gutachter sind sich darin einig, dass der Somalier bei den Schnitten und Stichen an Augen und Ohren – unter anderem wurden Ohrmuscheln und Lider abgetrennt – nicht bei Bewusstsein war.

Das Opfer wurde nach der Tat mehr als ein Dutzend mal in Würzburg operiert. Der Geschädigte ist nun dennoch auf einem Auge blind und verfügt auf dem anderen nurmehr über fünf Prozent Sehkraft. Außerdem bleibt Mustafa H. dauerhaft stark entstellt. / au

Wie es weiter geht

Die vom Bundesgerichtshof aufgezeigten Rechtsfehler führen zur Aufhebung des Schuldspruchs und der Strafbemessung. Der Angeklagte bleibt weiter in Untersuchungshaft. Weil nach der nicht bezweifelten Altersbestimmung Dawit W. unter das Erwachsenen-Strafrecht fällt, wird das Verfahren an eine als Schwurgericht tätige Strafkammer nach Hanau zurückverwiesen. Für die neue Hauptverhandlung, die nach Informationen unserer Zeitung womöglich noch in diesem Sommer oder im Frühherbst aufgenommen werden soll, weist Karlsruhe darauf hin, dass das Schwurgericht für die Bewertung des während der Tat womöglich durchgängig vorhandenen Tötungsvorsatzes „das neu festzustellende Gesamtgeschehen umfassend in den Blick wird nehmen müssen“. / hgs

Prozess um Gesichtsverstümmelung: Angeklagter muss knapp zehn Jahre in Haft

Die Tat erinnert an einen Horrorfilm. Einem jungen Mann wird in den Hals gestochen und grausam das Gesicht verstümmelt. Heute wurde deswegen ein früherer Freund des Opfers zu einer Gefängnisstrafe von knapp zehn Jahren verurteilt.