Arbeiten auf der Palliativstation: Wo der Tod zum Alltag gehört

24. November 2019
Schlüchtern

Das Lachen von Dr. Diana Mäser (54) zur Begrüßung ist herzerfrischend und ansteckend. Keine Spur von der Gratwanderung zwischen Leben und Tod, die sie täglich in ihrer Tätigkeit als Leitende Ärztin Palliativmedizin an den Main-Kinzig-Kliniken in Schlüchtern machen muss.

Die Patienten, die hier eingeliefert werden, haben in der Regel eine monate- oder gar jahrelange Odyssee in medizinischen Einrichtungen hinter sich. Die Diagnose steht fest: 90 Prozent haben Krebs, daneben beispielsweise neurologische Erkrankungen oder chronische Organleiden. Eine Heilung ist nicht möglich. Dennoch können Mäser, Pflegedienstleiterin Monika Dietz-Geis und das rund 20-köpfige Team ganz viel Positives für die Patienten bewirken.

Ziel der gesamten Behandlung ist die Erhaltung von Lebensqualität. Dafür ist eine ganzheitliche Begleitung der Menschen „auf Augenhöhe“ von größter Bedeutung. Beim Eingangsgespräch wird nicht nur nach dem Krebs, sondern beispielsweise auch nach dem Namen des Haustiers gefragt; nicht nur das richtige Medikament gesucht, sondern auch eine psychosoziale Begleitung angeboten.

Ziel ist die Linderung von Schmerzen

„Die Palliativmedizin ist eines der letzten Fächer, das sich des Menschen ganzheitlich annimmt“, ist die Ärztin stolz: „Von der Locke bis zur Socke.“ Dazu passt der Leitgedanke der Abteilung: Sawubona. Ein afrikanisches Wort zur Begrüßung, das so viel heißt wie: „Ich sehe dich, du bist mir wichtig und ich schätze dich.“

Sterbende können ihre Wünsche nicht detailliert äußern. Die Aufgabe des Teams ist es daher, zu erspüren, was jeder individuell benötigt. Ziel ist die Linderung von Schmerzen und Symptomen. Dem Patienten soll ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben bis zuletzt ermöglicht werden. Der größte Erfolg für das Team ist es, wenn der Kranke so exakt eingestellt ist, dass ihm ein „gutes Sterben“ ermöglicht wird. Doch „Palliative Care“ geht weiter. Auch um die Nahestehenden wird sich gekümmert. Viele sind emotional stark belastet. Mit viel Fingerspitzengefühl und Empathie werden sie in die Behandlung einbezogen.

„Warum muss mit dem Lebensende Profit gemacht werden?“

Für Diana Mäser „ureigenste Tätigkeiten“, die aber zum Teil nicht gewürdigt werden. Beispiel: Wenn ein Aufnahmegespräch vier Stunden dauert, bezahlt das keine Krankenkasse angemessen. Das sorgt intern für Kostendruck. Doch die 54-Jährige steht zu dem Leistungsspektrum über das Normalmaß hinaus: „Warum muss mit dem Lebensende Profit gemacht werden?“

Jahrelang hatte die Medizinerin für eine Palliativstation in Schlüchtern zum Wohl von Schwerstkranken gekämpft. Seit der Inbetriebnahme am 2. Januar dieses Jahres wurden 176 Patienten im Alter von Anfang 20 bis über 90 behandelt. Neun Betten in fünf wohnlich gestalteten Einzel- und zwei Doppelzimmern stehen zur Verfügung. Jeder Raum hat einen Zugang zu einem eigenen Balkon, auf dem sogar das Pflegebett Platz findet, einen Kühlschrank sowie ein Zusatzbett, in dem Angehörige kostenlos übernachten können. Es gibt eine Gemeinschaftsküche sowie einen „Raum der Stille“. Im gemütlichen Wohnzimmer der Abteilung umfasst das Getränkeangebot auch ein kühles Bier oder einen Wein. Überhaupt versucht das Team, sich größtmöglich auf den natürlichen Lebensrhythmus des Patienten einzustellen.

„Platz zum würdevollen Sterben“

Rund 60 Prozent von ihnen werden nach einer Symptomlinderung wieder nach Hause oder in eine weiterbetreuende Einrichtung entlassen. Natürlich bietet die Palliativstation auch „einen Platz zum würdevollen Sterben“ und für persönliche Rituale, betont Monika Dietz-Geis.

Diana Mäser ist sehr stolz auf das gesamte Umfeld in Schlüchtern. Da ist zum einen das multiprofessionelle Team von Mitarbeitern mit unterschiedlichsten Spezial-Ausbildungen, die alle dort freiwillig arbeiten. Mehr noch: Es gibt sogar eine Warteliste von Kollegen, die gerne anfangen würden. Ein so tolles gemeinschaftliches Arbeiten wie hier habe sie in ihrem Berufsleben noch nicht erlebt. Dietz-Geis stimmt zu: „Die Stimmung im Team ist einfach klasse.“

Große Unterstützung

Doch auch von außerhalb erfahren sie große Unterstützung, angefangen von Sachspenden von Privatleuten bis hin zu den ehrenamtlichen Helfern wie „Grüne Damen“ sowie Hospizhelfer.

Großes Lob bekommt das Palliativ-Team von Patientenseite. „Das sind alles Engel“, freut sich Nicole Scheuermann aus Schlüchtern, die selbst schon einige Wochen dort behandelt wurde. Mäser bezeichnet sie als „Ärztin zum Anfassen“, die ihr und ihrer Familie viel geholfen habe. Dort fühle sich der Patient sofort aufgehoben. Es sei beruhigend zu wissen, wo sie im Notfall hingehen könne.

Therapiehund integrieren?

Fast ein Jahr Aufbauarbeit bedeuteten für die Medizinerin regelmäßig Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden, ausgefüllt mit viel patientennaher Arbeit – aber auch reichlich bürokratischem Aufwand. Doch für Mäser gibt es keinen Stillstand.

Sie hat weitere Ideen. Ein Therapiehund soll integriert werden. Das gesamte Konzept will sie irgendwann auf drei Beine stellen. Neben der stationären Palliativ-Klinik sei eine Tagesklinik sowie eine Ambulanz wünschenswert. Insgesamt empfindet sie ihre Tätigkeit als eine „ganz, ganz befriedigende Arbeit“. Sie lernt sogar von den Patienten: Selbst bewusster leben, die eigenen Ressourcen schonen und regelmäßig etwas Gutes für den eigenen Körper tun. Und jeden Tag mindestens einmal lachen.

„Bleiben sie gesund“, verabschiedet Mäser den Gast. Und dazu schenkt sie ihm ein herzerfrischendes Lachen.

Wer die Palliativstation finanziell unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende an die Main-Kinzig-Kliniken Schlüchtern, Kreissparkasse Schlüchtern, IBAN DE52 5305 1396 0000 0211 68. Verwendungszweck: „Spende Palliativstation“.

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