Augenstecher-Prozess startet holprig: Täter schweigt, Opfer ist verschwunden

15. Mai 2017
Hanau/Schlüchtern

Holpriger Start im Augenstecher-Prozess in Hanau: Nicht nur wegen sprachlicher Barrieren droht das Verfahren gegen den 20-Jährigen Eritreer zu einer zähen Angelegenheit zu werden. Das Opfer ist derweil verschwunden.

Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Ungermann

Der Angeklagte will sich nicht zu den Tatvorwürfen des versuchten Mordes sowie der schweren und gefährlichen Körperverletzung äußern. Auch zu seiner Person will er keine Angaben machen. So bleiben dann erst einmal die Angaben des psychiatrischen Gutachters, der die rund eineinhalbjährige Flucht des Angeklagten über den Sudan, Libyen, Lampedusa und Bari nach Frankfurt, Gießen, Bad Soden-Salmünster und schließlich Schlüchtern schildert.

Unklar ist für das Gericht zu diesem Zeitpunkt allerdings schon, wer da überhaupt auf der Anklagebank sitzt. Denn: Beim förmlichen Asylbewerberverfahren in Italien hatte der Mann noch einen anderen Namen angegeben und auch ein anderes Geburtsdatum. Demnach wäre er ganze vier Jahre älter.

Richterin Susanne Wetzel zieht nun ein forensisches Altersgutachten in Betracht. Dem Angeklagten riet sie zudem, sich zur Tat einzulassen. Das Gericht werde wohl feststellen, dass sich die Tat wie angeklagt zugetragen habe. Unklar sei der Kammer jedoch das Motiv. „Es spricht wenig dafür, dass es wegen 50 Euro zu einer solch bizarren und brutalen Tat kam. Es muss noch etwas anderes geben“, sagte die Richterin.

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Ein Streit um Geld unter zwei Flüchtlingen artet zu einem unfassbaren Gewaltexzess aus. Der Täter entstellt das Gesicht seines Opfers mit seinen Zähnen, mit Messern und einem Kugelschreiber. Es überlebt, aber erblindet. Ein Kriminalpsychologe vermutet, dass es um mehr als Geld ging.

Aufschluss darüber könnte der Angeklagte geben – oder das Opfer. Das allerdings blieb der Verhandlung fern. Wieder einmal. Bereits in einem anderen Prozess vor dem Amtsgericht Gelnhausen war der 18-Jährige Somalier nicht erschienen. Damals wurde gegen einen Landsmann verhandelt, der ihn in Schlüchtern mit einem Messer attackiert haben soll.

Jetzt ist der junge Mann, der nach dem Angriff erblindet und dauerhaft entstellt ist, untergetaucht. Wegen seiner Augenverletzungen war er zunächst im Klinikum Würzburg und anschließend in einer Einrichtung für Sehbehinderte in Unterfranken untergebracht. Von dort verschwand der verängstigte 18-Jährige bislang spurlos. Die Kammer hat die Suche nach ihm angeordnet.