„Fast animalisch“: Experten analysieren brutale Gesichtsverstümmelung

15. Mai 2017
Hanau/Schlüchtern

Ein Streit um Geld unter zwei Flüchtlingen artet zu einem unfassbaren Gewaltexzess aus. Der Täter entstellt das Gesicht seines Opfers mit seinen Zähnen, mit Messern und einem Kugelschreiber. Es überlebt, aber erblindet. Ein Kriminalpsychologe vermutet, dass es um mehr als Geld ging.

Die grausame Gesichtsverstümmelung, die vom heutigen Montag (9.30 Uhr) an am Landgericht Hanau verhandelt wird, erstaunt selbst langjährige Experten. „Von solch einem Fall habe ich noch nicht gehört. Das sind schon archaische Methoden“, beurteilt der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg (68).

„Dass dem Opfer die Ohren abgebissen werden, wie von einem wilden Tier, wirkt fast animalisch – ein ungewöhnlicher Fall“. Die Aufsehen erregende Tat aus dem Oktober 2016 in Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) sei „keinesfalls eine normale Schlägerei“ gewesen. „Wenn man sein Opfer verletzten möchte, muss man nicht solche Dinge tun.“

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Brutale Gesichtsverstümmelung: Prozess beginnt heute

Vor der zweiten großen Strafkammer am Landgericht Hanau wird ab dem heutigen Montag, 15. Mai, wegen versuchten heimtückischen und grausamen Mordes sowie schwerer gefährlicher Körperverletzung gegen einen heute 20-Jährigen aus Eritrea verhandelt. Die Tat hatte wegen der brutalen Verstümmelung des 18-jährigen Somaliers im Herbst für Entsetzen gesorgt.

Die Ermittler konnten bislang nicht ergründen, wieso die Situation in der Wohnung zu einem Gewaltexzess ausartete. Kriminalpsychologe Egg vermutet, dass es um mehr als Geld gegangen sein muss. „Womöglich hat Eifersucht eine Rolle gespielt. Denn der Täter wollte sein Opfer nicht nur verletzen, sondern entstellen. Er wollte, dass es danach hässlich und geschändet aussieht.“

Solch eine Motivation gebe es auch, wenn Täter ihren Opfern ätzende Säure ins Gesicht kippen. Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle, Martin Rettenberger, sagte in Wiesbaden: „Ein rationales Nachvollziehen dieses Gewaltexzess ist nicht möglich.“ Auch er ist der Meinung, dass die Geldforderung dieses „extreme Ausmaß“ an Brutalität nicht erklären könne.

Dieser Gewaltausbruch habe jedes erwartbare Maß überstiegen. „Das Opfer wurde zu einer Projektionsfläche für die Gewaltfantasien des Täters.“ Möglicherweise verberge sich eine intensive Kränkungsgeschichte hinter dem Fall. Alkohol und/oder Drogen könnten auch eine Rolle gespielt haben und den mutmaßlichen Täter enthemmt haben. „Aber das war nicht der entscheidende Faktor.“

Rettenberger vermutet, dass das Gericht die Schuldfähigkeit des Angeklagten prüfen werde. „Möglicherweise steht eine schwere psychische Erkrankung im Zusammenhang mit der Tat.“ Der Angeklagte könne sich in einem „wahnhaften Zustand“ befunden haben. / dpa, sar

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Grausame Details: Opfer fehlen Teile von Ohren und Augenlidern

Nach einer Auseinandersetzung zwischen zwei Männern am Freitag in Schlüchtern sind grausame Details ans Licht gekommen. Als das Opfer, ein 18-Jähriger, ins Krankenhaus kam, fehlten ihm Teile seiner Ohren und Augenlider. Ob der Täter sie abgeschnitten oder abgebissen hat, steht nicht fest.