„Gageliges Ding“ oder „ein Traum“: Der Weihnachtsbaum aus Schlüchtern im Medienecho

10. November 2018
Schlüchtern/Frankfurt

Das Internet ist grausam. Wer wüsste das nicht. Darunter muss auch der Frankfurter Weihnachtsbaum leiden, der in diesem Jahr aus Schlüchtern kommt. Die Medien sind da gnädiger.

Auf der Facebook-Seite der „Frankfurter Weihnachtsbaumnörgler“ – quasi die hauptamtlichen Meckerer der Main-Metropole – wird die 30 Meter hohe Schönheit aus unseren Wäldern tatsächlich wahlweise als „gageliges Ding“ bezeichnet, als „son Verrecker“, als „Hungerhaken“ oder als „schebisches Ding“. Gemeint ist wohl schäbig, aber was soll’s.

Kommentatorin Petra schreit entsetzt auf: „aaaach du scheisse wasn jammerbild“, während „Wolfgang“ findet: „Der muss aber uffgepeppelt und ausgestopft werden.“ Robert vermutet: „Kost wohl nix.“ Ja, richtig, aber nur für die Frankfurter. Was Spessart-Tourismus und Stadt Schlüchtern in die Werbetanne investiert haben, ist bislang nicht bekannt. Jan meint: „Hauptsache bio und öko“, meint das aber wohl nicht so ernst. Und Christian fällt dazu nur ein: „O Gott, oh graus.“

Video: Schlüchterner Weihnachtsbaum steht jetzt am Frankfurter Römer

Am Donnerstagmittag ist am Frankfurter Römer die 30 Meter hohe Fichte aus Schüchtern aufgestellt worden. Diese wurde vor einer Woche am Distelrasen geschlagen.

Nun hat schon Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) die Schlüchterner ermutigt, die Nörgeleien nicht so nahe an sich heranzulassen. So sei der Frankfurter eben. Immer was auszusetzen. Aber eigentlich meine es dieser auch nicht so ernst. Wenn der Baum erstmal mit 4500 LED-Lichtern und über 300 roten Schleifen geschmückt sei, erfasse auch den gemeinen Frankfurter die allgemeine Begeisterung, und er freunde sich mit „seinem“ neuen Weihnachtsbaum an.

Feldmann ist überzeugt: „Er wird ein leuchtendes Wahrzeichen unserer Stadt.“ Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kennt offenbar ihre Pappenheimer. Es sei immer dasselbe mit den Frankfurtern: Erst schimpften sie, dann jammerten sie, und schließlich seien sie glücklich mit ihrem Baum. Mut dürften die Schlüchterner auch schöpfen, wenn sie sich ein wenig im Blätterwald umschauen. Die „Bild“, die sich und ihren Lesern gerne mal eine Meinung bildet, kommt jedenfalls zu dem meinungsbildenden Schluss, geradezu ekstatisch: „Dieser Baum ist ein Traum!“

Und weiter: „Die 80 Jahre alte Fichte macht sich prima vorm Römer!“ Unwahrscheinlich, dass es jemals ein positiveres Urteil in der „Bild“ gegeben hat. Die „Hessenschau“ hält sich weitgehend mit einer Bewertung zurück, lobt zwar wenigstens den „kerzengraden“ Wuchs der Fichte, weiß aber auch: „Ob die Freude so ungeteilt ist, ist zu bezweifeln. Erfahrungsgemäß scheiden sich die Geister an der Frage, ob die Auswahlkommission wirklich ein gutes Händchen hatte.“

Fichte aus Schlüchtern schmückt Frankfurter Weihnachtsmarkt

Den Weihnachtsmarkt in Frankfurt auf dem Römer wird in diesem Jahr eine 30 Meter hohe Fichte aus dem Schlüchterner Forst schmücken.

Die „Hessenschau“ stellt schnippisch fest, dass der Baum des vergangenen Weihnachtsmarktes drei Meter höher gewesen sei und mit 124 Jahren deutlich älter. Allerdings – echte Frankfurter werden sich erinnern: Der damalige Stecken aus dem Sauerland konnte trotz Größe nicht punkten. „Irrwisch“ und „Bäumchen Kümmerling“ hieß es im Internet. Die unteren Äste hingen hinab, viele waren beim Aufstellen abgebrochen. Jetzt ist auch die Kollegin der Frankfurter Rundschau begeistert, die der Auswahlkommission angehörte. Sie spricht von „einem Baum mit Charakter. Sprich: nicht aus dem Bilderbuch, sondern eben aus der Natur“. Richtig erkannt.

Das mit dem Charakter, der Bäumen aus dem Bergwinkel zueigen ist (von den Menschen dort ganz zu schweigen), scheint auch anderen aufgefallen zu sein. Bloggerin Vicky von der Webseite Frankfurt-Du bist so wunderbar erinnert sich an ihr Mitwirken in der Jury: „Der Weg führt die Delegation mitten in den Wald. Das gefällt uns, da gehört ein Baum hin. Gerade ist er schon mal, hoch ebenfalls: geschätzte 30-32 Meter. Charakter hat er auch.“ Und nachdem die Motorsäge ihre Arbeit verrichtet hat notiert sie: „Spätestens als sich die Fichte dort hoch in der Luft noch einmal von allen Seiten zeigt, muss ich zugeben: Man kann für einen simplen Baum sehr viele Gefühle entwickeln!“

Auch das „Journal Frankfurt“ lässt die Jury-Entscheidung noch einmal Revue passieren: „Der ist es!, tönte es von den meisten Juroren beim Anblick dieses rund 80 Jahre alten Baumes mitten im Wald. Und auch Thomas Feda von der Tourismus + Congress GmbH Frankfurt stimmte dem zu: „Er ist groß, gerade gewachsen, oben dicht genug und die Äste können die Lichterketten tragen.“ Schlüchterns Herz, was willst du mehr? / ag

Video: So wurde die 30-Meter-Fichte für den Frankfurter Weihnachtsmarkt gefällt

Die Fichte, die dieses Jahr den Weihnachtsmarkt in Frankfurt schmücken soll, ist am Mittwochmorgen in Schlüchtern gefällt worden.