Lars Tae-Zun Kempel: „Wenn Ronaldo nicht hierher kommt ...“

02. Dezember 2019
Schlüchtern

Der Bildende Künstler und Filmemacher Lars Tae-Zun Kempel (32) ist als Kreativer in Schlüchtern (noch) wenig bekannt: Vor Kurzem bespielte er mit der Tanzkompanie Artodance das ehemalige Langer-Kaufhaus. Mit einer geheimnisvollen Skulptur beteiligte er sich am Symposion „Grimmige Liebe“. Gelegentlich zeigt er grafische Arbeiten im Kulturwerk, wo er auch unlängst als Moderator in Erscheinung trat.

Von Hanswerner Kruse

Vor sieben Jahren sprach Lars Tae-Zun Kempel während der Kulturwerk-Woche über seine Arbeit als Künstler in der Provinz. Im Jahr darauf stellten ihn die Kinzigtal Nachrichten vor, als er sein Diplom an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach bekam. Seitdem ist viel passiert: Er präsentierte grafische Arbeiten in der Kunststation Kleinsassen und häufig in Frankfurt, wurde durch Weiterbildungen in London Schauspieler und agiert mittlerweile europaweit als Regisseur.

Kempel lebt immer noch in Schlüchtern, obwohl es sinnvoll wäre, in den Metropolen Kontakte zu knüpfen. Doch er entschied sich: „Hier sind alle, die ich lieb habe.“

„In Kontakt mit den Kids“

Über das Internet kann er viel erledigen, aber häufig geht er für Filmprojekte auf Reisen: „Wenn Ronaldo nicht nach Schlüchtern kommt, muss ich halt nach Turin“, meint er lachend. Mit der Agentur Frtwty.Corp in Nürnberg dreht er mittlerweile Videoclips für Adidas und Red Bull (siehe unten). In dem Künstlerkollektiv fing er einst ganz unten an: „Ich musste zunächst Kisten schleppen und Gerätschaften aufbauen, bis ich eines Tages Regisseur sein durfte...“

Für junge Leute gibt er auch Kunst- und Filmkurse, unterrichtet Breakdance oder gestaltet Illustrationen für move36. „Aber nicht des Geldes wegen“, erklärt er, „sondern weil ich so in Kontakt mit den Kids bleibe, der Zielgruppe unserer Clips“.

Er kann gut von der Filmarbeit für Werbung und Musikvideos leben, aber: „Ich habe dazu keine emotionale Bindung.“

„Ich will Geschichten erzählen!“

Radikal unterscheidet er zwischen angewandter Kunst in der Werbung und freier ungebundener Kunst. In letzter Zeit schuf er etliche Skulpturen und Bilder, die sich zwischen Abstraktion und Narration bewegen, um wieder stärker künstlerisch zu arbeiten. Künstler haben zwar schon immer für die Werbung gearbeitet, aber für ihn ist das Design und keine Kunst: „Ich will Geschichten erzählen!“

Deshalb schreibt er bereits seit einiger Zeit an einem Drehbuch für einen genreübergreifenden Film, über den er noch nichts sagen mag. Ursprünglich wollte Kempel Schauspieler werden, schon in der Schule machte ihm das Theaterspielen viel Spaß. Doch weil er Kinofan ist, mochte er lieber Filmschauspieler sein. Seine koreanische Mutter konnte ihm als Kind keine europäischen Märchen erzählen. „Deshalb wurden Star Wars und andere Hollywood-Filme, die ich durch meine ältere Schwester kennenlernte, zu meinen Kindermärchen.“

Pendeln zwischen Schlüchtern und London

Nach dem Studium an der HfG pendelte er von 2015 bis 2018 zwischen Schlüchtern und London, um Filmdarsteller zu werden, denn dafür gibt es hier kaum Möglichkeiten. Er flog oft mit einer Billigfluglinie für zehn Euro nach England und schlief bei einem Freund auf dem Sofa. Natürlich hätte er lieber in der britischen Metropole gewohnt, „vieles wäre dann einfacher gewesen“, aber das Leben dort war zu teuer. Dennoch konnte er sich gut vernetzen, lernte einflussreiche Leute kennen und wird in der professionellen britischen Schauspielerkartei geführt. Londoner Freunde rieten ihm, selbst Drehbücher zu schreiben, Filme zu drehen und darin eigene Rollen zu spielen – er sei doch schließlich Regisseur.

Der Künstler wirkt sehr bescheiden, jedoch weiß er um sein Potenzial und was er erreichen kann. Dafür ist Kempel bereit, ständig aufs Neue hart zu arbeiten und Leute zu suchen, die ihm vertrauen. Er will jedoch immer realistisch sein, denn das „Filmedrehen ist das schwierigste Business, was man machen kann“.

Videos

„Wir sehen aus wie Berufsjugendliche“, sagt Regisseur Lars Tae-Zun Kempel selbstironisch über sich und sein Künstlerkollektiv in der Agentur Frtwty.Corp.

Alle sind zwar noch unter 35, arbeiten jedoch hochprofessionell mit Kamera und Licht, als Cutter oder Produzenten. Als Beispiel für das letzte Projekt berichtet er von der Filmarbeit beim FC Bayern München und Juventus Turin: Beide Fußballvereine werden vom Sporthersteller Adidas unterstützt, der ebenfalls die millionenfach verkauften Fantrikots sponsert. Zur Werbung dafür werden Videoclips produziert, in denen die Topstars beider Mannschaften auftauchen.

„Für jeden Spieler hatte ich im Studio zehn Minuten Zeit zum Aufnehmen“, berichtet der Regisseur und zählt einige auf: „Bei den Bayern waren Gnabry, Neuer und Müller dabei, in Turin Ronaldo, Dybala und Costa.“ Es lag in seiner Verantwortung, was auf die Bilder kam. Da es Shirts für Heim-, Auswärts- und Champions-League-Spiele gibt, wurde für jedes ein sehr schnell geschnittener Musikclip mit eigenen Stimmungen produziert, dessen Zielgruppe junge Leute sind. „Um die überhaupt zu erreichen, müssen wir selber jung bleiben“, meint Kempel. Einige der Clips sind im Internet zu sehen.

Anzeige
Anzeige