NSU-Mord: Semiya Şimşek über die ARD-Verfilmung ihrer Familiengeschichte

23. April 2016
Schlüchtern

Enver Şimşek aus Schlüchtern wurde im Herbst 2000 das erste Mordopfer der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Seine Tochter Semiya und deren Familie wurden jahrelang von der Polizei wegen seines Todes mit Verdächtigungen und Lügen überzogen. Ihre Geschichte wurde von der ARD für den Dreiteiler „Mitten in Deutschland“ verfilmt und ist an diesem Montag zu sehen.

Von unserem Mitarbeiter Hanswerner Kruse

Semiya Simsek war gerade für einige Tage in Deutschland, zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Sohn auch in Schlüchtern. Zum Gespräch mit unserer Zeitung kam sie ins Café Fabrice. Die 31-jährige lebt seit drei Jahren in der Türkei, nachdem sie dort ihren Mann kennenlernte und später ihren Sohn zur Welt brachte. Nach dem Studium der Sozialpädagogik in Fulda und einer sozialen Tätigkeit in Frankfurt lebt sie nun in Şarkikaraağaç, gut 200 Kilometer nördlich von Antalya, wo sie in einem Sozialamt arbeitet.

Was ist das für ein Gefühl, hier zu sein?

Ich bin in Schlüchtern zu Hause und komme immer sehr gerne hierher. Schlüchtern bleibt meine Heimat, ich habe viele Freundinnen hier und meine Familie lebt ja in Friedberg. Eigentlich bin ich eine Pendlerin, denn ich komme oft nach Deutschland. 2012 bin ich in die Türkei gegangen, habe dort mein Buch geschrieben – und bin geblieben. Seitdem bin ich aber oft zum NSU-Prozess und zu den Dreharbeiten für die Verfilmung meines Buches hergekommen.

Sind Sie jetzt Türkin?

Ich bin eine Deutsch-Türkin, doch die Türkei ist mittlerweile meine zweite Heimat geworden. Manchmal glauben die Leute das gar nicht, weil ich Türkisch mit Akzent spreche. Anfangs war es sehr schwierig, ich kannte niemanden, hatte keine vertrauten Personen. Aber jetzt fühle ich mich dort wohl, mein Sohn wird drei Jahre alt, wir haben gebaut. Ich bin glücklich und fühle mich integriert.

Hatten Sie anfangs einen Kulturschock?

Nein, überhaupt nicht. Wir Deutsch-Türken holen uns doch sowieso aus beiden Kulturen, was uns passt. Es ist wirklich nicht schlimm, in zwei Kulturen zu leben. Und vor allem, in der Türkei sind die Menschen oft viel lockerer als die Migranten hier, die hängen da gar nicht so streng an den Traditionen.

Wie geht es Ihnen mit dem NSU-Prozess?

Der Prozess zieht sich ja schon ewig hin, ich bin sehr unzufrieden. Ich habe kaum Antworten auf die Fragen bekommen, die ich vor drei Jahren im Gespräch mit Ihnen geäußert habe. Ich habe keine Hassgefühle auf die (Beate) Zschäpe – aber mich ärgert, dass sie so viel Aufmerksamkeit bekommt, ja sie scheint den Prozess zu lenken. Wir müssen uns alle nach ihr richten. Ich bin auch schon völlig umsonst aus der Türkei angereist, weil sie Termine platzen ließ.

Hat der Schmerz nach dem Verlust Ihres Vaters nachgelassen?

Der Schmerz ist nicht kleiner geworden, ich finde es gerade jetzt so traurig, dass mein Sohn seinen zweiten Opa nicht kennenlernen kann. Er versteht einfach nicht, dass der „tot“ ist: „Der soll doch mal aufstehen“, sagt er immer, wenn wir am Grab sind.

Aber trotz alledem, Deutschland ist meine Heimat!

Hat es Sie gefreut, dass die „Schmerzliche Heimat“ verfilmt wurde?

Insgeheim hatte ich das immer gehofft. Durch einen Film, der ja auch im Fernsehen läuft, kann man noch mehr Leuten zeigen, was hier Schlimmes passiert ist und wie unsere Familie – die Familien aller Ermordeten – behandelt wurden. Wir durften ja nicht Opfer sein und trauern. Manchmal haben wir sogar gezweifelt, ob an den Verdächtigungen der Polizei nicht doch etwas dran ist.

Sind Sie von der ARD in die Filmarbeiten eingebunden worden?

Ja, sehr stark! Das fing mit der Drehbuchautorin Laila Stieler an. Die hat mich in der Türkei einige Tage lang besucht und mein Leben kennengelernt. Laila kannte natürlich mein Buch, also meine Geschichte, sehr gut. Sie hat aber trotzdem noch sehr viel mit mir gesprochen. Wir haben dann oft miteinander telefoniert und sind Freundinnen geworden. Züli Aladag, der deutsch-türkische Regisseur, hat sich intensiv in mich und die Situation meiner Familie eingefühlt. Wir haben eigentlich gemeinsam fast jedes Detail besprochen.

Es wurde auch bei Ihnen in der Türkei gedreht?

Ja, dadurch wird der Film sehr echt, finde ich. Es wurde in unserem Haus gedreht und die Komparsen bei der Beerdigung oder in anderen Situationen kamen aus unserem Dorf. Zum Beispiel gab es den Wechsel der Kommissare tatsächlich, sie hatten natürlich andere Namen. Der neue Kommissar Bronner, den Tom Schilling spielt, der war wirklich fix und fertig, als sich seine Vermutung bestätigte, dass die Mörder Rechtsradikale waren.

Wie war das, sich selbst als eine andere auf der Leinwand zu erleben?

Die Schauspielerin Almila Bagriacik war sehr sensibel, sie hat ebenfalls viel mit mir geredet, sich in mich eingefühlt und war stark mit ihrer Rolle identifiziert. Manchmal musste sie nach den Dreharbeiten weinen. Also, wir alle haben den Rohschnitt zusammen gesehen, ich war völlig fix und fertig und habe viel geweint. Aber ich bin mit dem Film sehr zufrieden, noch besser kann ich ihn mir überhaupt nicht vorstellen.

„Vergesst mich nicht“, der zweite Teil der ARD-Trilogie über die Mordserie der NSU, wird am Montag, 4. April, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Er erzählt die Geschichte der Familie des ersten Mordopfers Enver Simsek. Semiya Şimşeks zusammen mit Peter Schwarz verfasstes Buch mit dem Titel „Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater“ ist 2013 bei Rowohlt erschienen.