Verfahren gegen angebliche Sektenchefin wird zu Mammutmordprozess in Hanau

07. Januar 2020
Hanau

Im August 1988 erstickt der vierjährige Jan an seinem eigenen Erbrochenen in einer Hanauer Wohnung. Ein Arzt stellt den Totenschein aus. Die Polizei kreuzt im Formular „keine Fremdeinwirkung“ an. Nicht ganz eindeutig allerdings. Was sich aber erst viel später, im Prozess, herausstellt. Ein Mammutprozess.

Von Rainer Habermann

Jahrzehnte nach dem Tod des Jungen zweifelt eine Frankfurter Zeitung aufgrund eigener Recherchen im Umfeld der damaligen Pflegeeltern des Knaben an, dass dieser eines natürlichen Todes gestorben ist. Es kommt, wie es kommen muss, denn Mord verjährt niemals: Die Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf. Anfang 2019 wird vom Hanauer Landgericht der Prozess gegen Jans Pflegemutter zugelassen, eine inzwischen 72-jährige Hanauerin.

Am 22. Oktober 2019 beginnt das Verfahren vor der 1. Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Dr. Peter Graßmück. Elf Verhandlungstage waren bisher vom Gericht angesetzt. Oberstaatsanwalt Dominik Mies klagt an: „Es war Mord.“ Die Angeklagte, Sylvia D., bleibt auf freiem Fuß.

Beweisaufnahme längst nicht abgeschlossen

Mit ihrem inzwischen gestorbenen Ehemann hat sie eine angesehene und gut etablierte Medienproduktionsfirma aufgebaut. Sie bestreitet den Mordvorwurf durch ihre Verteidiger, die Frankfurter Strafrechtler Matthias Seipel und Peter Hovestadt. Die Mordanklage sei „durch keinerlei Zeugenaussagen belegt“ und „reine Spekulation des Klageverfassers“.

Genau darum dreht sich der gesamte Prozess, und wird sich auch vermutlich noch lange weiterdrehen. Denn sollte am Montag, 13. Januar, nach zehn bisherigen Verhandlungstagen, eigentlich das Urteil gesprochen werden, so hat die Kammer erklärt, dass die Beweisaufnahme längst nicht abgeschlossen werden kann. Etliche weitere Zeugen müssen gehört werden, und zusätzliche Verhandlungstage sind bis mindestens zum 4. August 2020 terminiert.

Groteske und erschütternde Aussagen

Es gilt der Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten), und ebenso der ethische Grundsatz, dass ein Angeklagter als unschuldig zu gelten hat, bevor er verurteilt ist (Unschuldsvermutung). Gerade im Hinblick auf das riesige Medieninteresse an diesem Fall hat dies entscheidende Bedeutung. Die Presseplätze im Saal A215, wo der Prozess stattfindet, sind von Beginn an in Doppelreihen besetzt.

Doch was konnten die Journalisten bisher beobachten? Im Grunde nur Zeugenaussagen zu Vorwürfen, die – selbst wenn sie sich als richtig herausstellen sollten – längst verjährt sind. Auch wenn es makabre, teils groteske und erschütternde Aussagen waren, wie beispielsweise jene der leiblichen Mutter des kleinen Jungen.

Tötungsbefehl von Gott bekommen?

Ihre und weitere Zeugenaussagen belegen zwar den diffusen Sektencharakter, der um die Angeklagte und ihr Umfeld weht. Doch abgesehen von der Verjährungsfrage, beispielsweise für die Misshandlung von Schutzbefohlenen, wofür einige Aussagen sprechen, bleibt die Frage: Ist das überhaupt „justiziabel“? Sicher, das Interesse an den Hintergründen jener Medienproduktionsfirma, die sehr erfolgreich war, ist riesengroß.

Auch an den finanziellen Zusammenhängen. Die Staatsanwaltschaft scheint nach wie vor davon überzeugt, dass aus diesen Zusammenhängen einer „Sekte“ heraus, also aus den „Befehlen“, welche die Angeklagte direkt von Gott („vom Alten“) bekommen haben will, sie den kleinen Jan in einen Sack geschnürt und ihn zum Sterben ins Bad gelegt hat. Ob sich die Kammer dieser Auffassung am Ende anschließt und zu einem Mordurteil kommt, ist die große Frage in diesem Verfahren, das 31 Jahre nach der Tat allmählich zum Mammutprozess wird.

Unfall als Todesursache unwahrscheinlich

Ein Totschlag, sollte er auch bewiesen werden, verjährt spätestens mit Ablauf von 30 Jahren nach der vermeintlichen Tat. Es müssen also Mordmerkmale nachgewiesen werden. „Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet“, sagt das Strafgesetzbuch (StGB).

Dass der Junge „nur“ durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen ist, erscheint nach der bisherigen Beweisaufnahme zweifelhaft.

Polizei veröffentlicht nach versuchter Vergewaltigung dieses Phantombild

Nachdem ein Mann am 10. Juli 2019 eine Frau unsittlich auf dem Feldweg zwischen Gründau-Rothenbergen und Gelnhausen-Meerholz angefasst hatte, fahndet die Polizei weiterhin nach dem Täter, heißt es in einer vom Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach verschickten Pressemitteilung. Der Täter war damals auf einem Fahrrad mit Gepäckträger und Musikbox in Richtung Rothenbergen hinter die Bahnlinie geflüchtet.

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