Verstümmelung nach PlayStation-Pleiten: Angeklagter viel älter als angegeben

29. Juni 2017
Hanau/Schlüchtern

Der Angeklagte im Augenstecher-Prozess ist laut Altersgutachten mindestens 26 Jahre alt. Das schließt eine Rechtsmedizinerin aus Röntgenuntersuchungen des Schlüsselbeins und einem Zahnbefund. Er selbst hatte behauptet 20 Jahre alt zu sein.

Bislang stand nach Papieren aus Italien ein Alter von 24 Jahren im Raum. Somit kommt nun nicht mehr Jugend-, sondern das härtere Erwachsenestrafrecht zur Anwendung. Der Angeklagte äußerte sich am Donnerstag erstmals in dem Prozess. Er erklärte am Donnerstag in einer Einlassung, die sein Pflichtverteidiger verlas, an die Tat könne er sich nicht erinnern.

Er habe zuvor mit dem Opfer PlayStation gespielt. Dabei habe der Somalier ihn ständig besiegt und ihn daraufhin ausgelacht und als „Depp“ – das zumindest bedeute das verwendete Wort laut Dolmetscher unter anderem – verspottet. Außerdem habe das spätere Opfer ihm wenige Tage zuvor einen Bleistift, ein Lineal und einen Radiergummi gestohlen.

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Der fünfte Tag im Augenstecher-Prozess vor dem Hanau Landgericht ist nach nicht einmal einer Stunde ergebnislos zu Ende gegangen. Der Grund? Ein Übersetzer für die tigrinische Sprache war nicht erschienen. Heute könnten die Plädoyers gehalten werden.

Schon da habe der Somalier den Eritreer als „Depp“ tituliert und ihn gegen ein Kreuz geschlagen, das der orthodoxe Christ als Anhänger um den Hals getragen habe. Der psychiatrische Gutachter wollte eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung während der Tat nicht ausschließen.

Zweifel bestehen allerdings am Ergebnis eines „sprach- und kulturfreien Intelligenztests“. Demnach hätte der Angeklagte einen IQ von rund 55 und wäre leicht bis mittelschwer geistig behindert. Der Psychiater allerdings geht eher von einem höheren Wert (mindestens) im Bereich 70 bis 85 aus. Diese Einschätzung teilte auch die zweite Große Jugendkammer nach der Beweisaufnahme.

Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Freiheitsstrafe

In ihrem folgenden Plädoyer forderte die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe, weil sie das Mordmerkmal der Grausamkeit erfüllt sehe. Den Vorwurf der Heimtücke ließ die Staatsanwaltschaft am Donnerstag fallen.

Eine gefährliche Körperverletzung sei durch die verwendeten Tatwerkzeuge gegeben, sagte Staatsanwalt Alexander Voigt, eine schwere Körperverletzung durch den Verlust des Augenlichts und die erlittenen Entstellungen. Das Opfer habe körperliche und seelische Schmerzen und Qualen erlitten. Es werde zeitlebens entstellt bleiben.

Die Vertreterin der Nebenklage schloss sich der Staatsanwaltschaft an. Der Pflichtverteidiger des Angeklagten forderte eine Freiheitsstrafe, deren Länge er ins Ermessen des Gerichts stellte – jedoch nicht mehr als zehn Jahre. Das Urteil wird noch am heutigen Donnerstagnachmittag erwartet. / au, dpa