Vor 90 Jahren stürzte die Lufthansa-Maschine D 757 über Elm ab

26. August 2019
Schlüchtern

Der aus Schlüchtern stammende bekannte Fotograf und Journalist Gustav Hildebrand (1929 – 2017) hatte für die Elmer Chronik zur 1200-Jahr-Feier des Schlüchterner Stadtteils im Jahr 1995 über den verheerenden Flugzeugabsturz am 24. August 1929 geschrieben. Ein Rückblick:

Dröhnendes Motorengeräusch lässt die Bürger besorgt zum Himmel blicken. Die Lufthansa-Maschine D 757 ist auf dem Flug von Frankfurt nach Berlin. Doch am Morgen des 24. August 1929 muss sie mehrmals über dem Schlüchterner Talkessel kreisen.

Es ist 8.30 Uhr. Dichter Nebel liegt über dem Landrücken, der zum Weiterflug nach Norden überquert werden muss.

Für die drei Jahre zuvor gegründete Lufthansa ist die Nebelbildung über dem Höhenkamm des Landrückens, die eine Barriere für die damaligen Flugzeuge bildet, nichts Neues. Die Höhenleistung der Maschine ist gering. Es gibt noch kein Blindfluggerät. Aufgrund der schlechten Wettermeldungen hat sich der Start in Frankfurt um 40 Minuten verzögert. Vier Fluggäste und Post starten um 7.40 Uhr in Richtung Erfurt, wo die erste Zwischenlandung eingelegt werden soll.

Absturz im Wald

Dreimal umkreist die Maschine den Schlüchtemer Talkessel, ehe sie in nordöstliche Richtung über Elm weiterfliegt. Es gelingt zwar, den Wald oberhalb des Elmer Bahnhofes zu überfliegen, doch der undurchsichtige Nebel über dem „Breiten Feld“ zwingt den Piloten zur Umkehr. Mit fatalen Folgen: Wohl ohne Sicht steuert er das Flugzeug über dem bergigen Gelände zu tief – in einen Buchenwald. Die Wipfel reißen das Fahrwerk ab, das Flugzeug schlägt krachend, zwei starke Stämme umreißend, in den Wald.

Den aus der Nähe herbeieilenden Waldarbeitern bietet sich der Anblick eines grauenvollen, mit Trümmern der Maschine übersäten Unglücksplatzes. Schon von Weitem sehen sie die zerfetzten Tragflächen in den Bäumen hängen und zwischen abgeschlagenen Baumkronen den zertrümmerten Rumpf des Flugzeuges, dessen Kabinendach durch einen umgerissenen Baumstamm völlig zusammengedrückt ist. Etwas abseits, zwischen weiteren Trümmern, liegt der Benzintank – der nicht explodiert ist.

Passagiere werden aus Kabine geschleudert

Der Pilot stirbt schon beim Aufprall. Drei Fluggäste werden aus der Kabine geschleudert. Zwei davon sterben sofort, eine junge Frau, die schwer verletzt wird, stirbt später im Krankenhaus. Der vierte Passagier, ebenfalls eine Frau, wird in der schwerbeschädigten Kabine gefunden. Sie ist die einzige, die den Unfall überlebt. Und das verhältnismäßig leicht verletzt.

Landratsamt Schlüchtern und Bürgermeisteramt Elm organisieren die folgenden Hilfsmaßnahmen. Die Verletzten werden in das Kreiskrankenhaus Schlüchtem gebracht, die Toten im Elmer Gemeindehaus aufgebahrt. Zur Untersuchung der Unfallursache kommt noch am Unfalltag eine Untersuchungskommission aus Fachleuten der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, der Luftpolizeilichen Uberwachungsstelle Frankfurt und der Technischen Kontrollabteilung der Deutschen Lufthansa nach Elm.

Pilot von besonders großem Können

Ebenfalls vor Ort ist eine Gerichtskommission aus Schlüchtern und zahlreiche Menschen, die mit Auto, Fahrrad und zu Fuß aus den umliegenden Ortschaften zur abgesperrten Unfallstelle eilen und diese dicht umsäumen. Der tödlich verunglückte Pilot, Alfred Bauer (38), stammte aus Cannstatt. Er war als Kriegsflieger schon 1915 im Einsatz und befand sich seit Juni 1927 im Dienst der Lufthansa.

Als „erster Pilot“ hatte er 183.742 Kilometer auf größtenteils schweren Gebirgsstrecken im planmäßigen Luftverkehr geflogen, auf der Strecke Frankfurt–Berlin allein im Jahr 1929 bis zum Tage des Unfalls 35.400 Kilometer. Bauer galt als Pilot von besonders großem Können und wurde deshalb auch oft zu schwierigen fliegerischen Aufgaben herangezogen. Er wurde mit der Bahn nach Berlin überführt und dort beigesetzt.

Dorfbürgermeister im Flugzeug

Elms damaliger Bürgermeister Johannes Möller gab ihm das Geleit und erledigte in Berlin, dem damaligen Sitz der Lufthansa, mit dem Unfall zusammenhängende Formalitäten. Die Rückreise unternahm er, auf Einladung der Lufthansa, bis Frankfurt im Flugzeug. Das war in der damaligen Zeit etwas Ungewöhnliches für einen Dorfbürgermeister.

Nach seiner in der Schlüchterner Zeitung (dem Vorläufer unserer Zeitung) veröffentlichten Schilderung, hat bei ihm auf dieser Flugstrecke die Romantik der Landschaft, im besonderen das Thüringer Land um Langensalza und der Wartburg aus der Vogelschau betrachtet, einen schönen und nachhaltigen Eindruck hervorgerufen. „Obschon noch im Banne der furchtbaren Flugzeugkatastrophe, hat Herr Bürgermeister Möller die Fahrt im Flugzeug von Berlin nach Frankfurt mit sicherem Gefühl in zwei Stunden dreizehn Minuten zurückgelegt“, schrieb die Schlüchterner Zeitung damals.

Leichentransport nach Übersee

Unter den Unfall-Opfern war auch ein amerikanischer Fluggast: Der Maler und Graveur Joseph Gross aus Louisville. Da ein Leichentransport nach Übersee zu dieser Zeit noch ein großes Problem mit hohen Kosten bedeutete, die Uberführung konnte ja nur im Zinksarg und per Schiff erfolgen, sollte der Tote zunächst auf dem Elmer Friedhof beigesetzt werden.

Man entschied jedoch anders: Der Leichnam kam zur Einbalsamierung nach Frankfurt und wurde später in die Vereinigten Staaten überführt. Aus der Maschine geschleudert und dabei getötet wurde Polizei-Oberwachtmeister Georg Rückert (31) vom Luftüberwachungsdienst Frankfurt. Mit seiner Frau wollte er in Erfurt das Flugzeug verlassen, um dort Urlaub zu verbringen. Vier Tage nach dem Absturz wurde er in Anwesenheit einer großen Trauergemeinde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Das Grab ist noch heute erhalten.

Nur Karoline Rückert überlebt

Seine verletzte gleichaltrige Ehefrau, Karoline Rückert, lag noch mit einer Gehirnerschütterung, einem Oberarmbruch und erheblichen Hautabschürfungen im Schlüchterner Krankenhaus. Sie sollte als einziger Passagier den Absturz überleben. Nach ihrer Genesung lebte sie in Frankfurt und heiratete drei Jahre später, 1932, den Inhaber einer Metzgerei in Eschborn im Taunus. 1978 starb sie während eines Kuraufenthaltes in Bad Kissingen, ein Jahr nach dem Tod ihres zweiten Mannes. Sie lebte fast fünfzig Jahre mit dem Trauma des schrecklichen Erlebnisses.

Von besonderer Tragik ist auch das Schicksal der im Krankenhaus Schlüchtern gestorbenen Thekla Neubauer (26). Die auf dem Frankfurter Flughafen arbeitende Sekretärin starb an ihrem Geburtstag im Krankenhaus Schlüchtern an den Folgen des Absturzes. Sie war auf dem Flug zu ihrem Bräutigam in Berlin, wo die Hochzeit stattfinden sollte.

Fliegen ohne Bodensicht

Der Absturz der Lufthansa-Maschine im Nebel über dem Landrücken löste heftige Diskussionen unter Fachleuten und in der Presse aus. Sie behandelten fast ausschließlich die damaligen Probleme des Fliegens im Nebel. So schlug zum Beispiel die Schlüchterner Zeitung vor, zur Verhütung weiterer Unfälle in Schlüchtern einen erhöhten Meldedienst einzurichten.

Der Absturz im Nebel bei Elm hat wesentlich mit dazu beigetragen, dass es etwa ein halbes Jahr später zu einer Umwälzung innerhalb der nicht einmal fünf Jahre alten Lufthansa kam. Bisher waren die Flüge bei Bodensicht und damit verbundenem guten Wetter durchgeführt worden.

Jetzt sollte das Fliegen ohne Bodensicht praktiziert werden, dazu der sogenannte Blindflug. Die technischen Voraussetzungen dazu hatte der neu erfundene Wendezeiger geschaffen, ein Kreiselgerät, das sich durch keine Eigenbewegung des Flugzeuges ablenken ließ. Er zeigte, im Gegensatz zum Magnetkompass, das Kurven eines Flugzeuges sofort und unabgelenkt an.

Der Instrumentenflug führte, trotz aller vorangegangenen Schwierigkeiten und Querelen, zu einer Revolutionierung des Zivilflugverkehrs. Für die deutsche Luftfahrt bedeutete die neue Methode einen unaufholbaren Vorsprung vor der ausländischen Konkurrenz.

Stichwort: Bereits einen Tag nach dem Unfall ist das Wrack der Maschine mit einem Lastwagen zum Schlüchterner Bahnhof gebracht und am Nachmittag verladen worden. Es handelte sich um eine Fokker-Grulich F II, eines der rund 180 Flugzeuge aus 28 verschiedenen Typen, über die die Lufthansa im Jahr 1929 verfügte.

Die Unglücksmaschine ist 1925 gebaut und auf den Namen „Spree“ getauft worden. Der Hochdecker hat eine Spannweite von 17,10 Metern bei einer Länge von elf Metern und konnte vier Passagiere aufnehmen. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 150 Stundenkilometer und die Reichweite 1200 Kilometer. / tim