Abschied im Vogelsbergkreis: Deutschlands dienstältester hauptamtlicher Bürgermeister hört auf

11. März 2019
Kirtorf

Ulrich Künz ist der Rathaus-Rekordhalter. Doch nach 42 Jahren ist für den Bürgermeister von Kirtorf Schluss. Herzensprojekte hat er umgesetzt, doch rechte Umtriebe sorgen bei ihm immer wieder für erhöhten Pulsschlag.

Von Jörn Perske, dpa

Nein, einen Skandal hat sich der Mann nicht geleistet. Aber es stand wohl noch nie so viel über ihn in den Zeitungen wie in den vergangenen Tagen. Ulrich Künz sammelt die Artikel. „Nicht nur in Zeitungen aus Hessen, auch in überregionalen Blättern“, sagt der CDU-Politiker und deutet auf Kopien auf einem Tisch.

Der 68 Jahre alte Bürgermeister von Kirtorf im Vogelsbergkreis ist bundesweit der Rekordhalter in einem Rathaus. Genauer gesagt ist er Deutschlands dienstältester hauptamtlicher Bürgermeister. Das bestätigt auch der Deutsche Städte-und Gemeindebund. Er könne auf eine „außergewöhnliche Lebensleistung zurückblicken“, lobt Sprecher Alexander Handschuh.

Noch 100 Tage Urlaub

Am Samstag (18 Uhr) wird das Urgestein der Kommunalpolitik mit einer Feier verabschiedet. Am Montag ist letzter Diensttag. Dann übernimmt sein Nachfolger Andreas Fey, ein als unabhängiger Kandidat angetretenes SPD-Mitglied. Künz hätte glatt weitermachen können, wie er versichert. „Aber irgendwann muss halt mal Schluss sein.“

Dabei existiert keine Altersgrenze mehr für Bürgermeister in Hessen. Noch sei was zu tun, sagt er. Im Endspurt komme keine Langeweile auf - hier noch ein Termin, dort noch ein Spatenstich. Den Spaten habe er fast häufiger in der Hand, als einen Schreibstift, scherzt er. Künz versichert pflichtbewusst: „Ich arbeite bis zum letzten Tag.“ Dabei habe er eigentlich noch über 100 Tage Urlaub – aber geschenkt.

Der 68-Jährige sitzt in seinem Büro in einem Fachwerkhaus von Kirtorf mit seinen 3200 Einwohnern. Eine Deutschland-Fahne steht dort, von der Wand lächelt der eingerahmte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Auch Künz lächelt und sagt: „Ich kann zufrieden sein mit meiner Bilanz.“ Neulich habe er sich von den Menschen bei zwei Bürgerversammlungen verabschiedet. „Da gab es Standing Ovations.“

Bürgernähe ganz wichtig

In Kirtorf war er der Unantastbare. Im März 1977 wurde er im Alter von 26 Jahren erstmals gewählt, danach sechsmal wiedergewählt. Zuletzt wurde Künz mit rund 91 Prozent – die Wahlbeteiligung lag bei rund 56 Prozent – im Amt bestätigt. „Die Menschen sind offenbar zufrieden mit meiner Arbeit“, sagt er.

Wer den Diplom-Verwaltungswirt erlebt, bekommt nicht den Verdacht, dass man als Rathauschef auf dem Land eine ruhige Kugel schieben kann. „Ich habe zwar ein großartiges Team, aber ich bin der Haupt-Sachbearbeiter“, sagt er. „Wenn die Leute Fragen haben bei Formularen, dann machen wir das zusammen in der Sprechstunde.“

Wie man 42 Jahre den Job durchhält und das Vertrauen der Bürger genießt – dafür hat Künz Erklärungen: Bürgernähe sei ganz wichtig. „Man muss für die Menschen da sein. Und man muss für neue Entwicklungen offen bleiben.“ Seine drei Kinder hätten ihn jung und fit gehalten.

Gestaltung der „Neuen Ortsmitte“

Fit halten wollte er stets auch Kirtorf im Kampf gegen die Folgen des demografischen Wandels und die Probleme im ländlichen Raum trotz zahlreicher Herausforderungen. Die Infrastruktur muss erhalten bleiben und modernisiert werden, Wohnen muss attraktiv bleiben, Einkaufsmöglichkeiten müssen vorhanden sein, auch Ärzte und Kinderbetreuung.

Ein Großprojekt, ein vom Land gefördertes Leuchtturmprojekt, wurde möglich. Bei der Gestaltung der „Neuen Ortsmitte“ entstehen für 15 Millionen Euro ein Einkaufsmarkt, ein Gesundheitszentrum mit Flächen für Wohnungen und Gewerbe. Das Projekt lag ihm besonders am Herzen.

Für erhöhten Pulsschlag sorgt bei Künz, dass es immer wieder Schlagzeilen wegen Rechtsextremisten in Kirtorf gibt. Dann und wann gab es Partys bei einem Landwirt. Die Stadt verbot im Dezember das Entzünden eines Feuers für eine Sonnenwendfeier. Zudem brachte der Bauer neulich mit Dung ein hakenkreuzähnliches Symbol auf einem Acker aus. Der Mann musste das mehrere Meter große Zeichen entfernen, wie die Polizei in Lauterbach mitteilt.

„Kein braunes Nest“

Und Ermittlungen zu möglichen Rechtsextremisten in Hessens Polizei führten auch schon nach Kirtorf. „Aber Kirtorf ist kein braunes Nest“, versichert Künz. Einzelne Personen würden die Stadt in Verruf bringen. „Das Image ist angekratzt“, räumt er ein. Doch wie er hätten sich viele Mitbürger wiederholt eindeutig gegen Rechtsradikale ausgesprochen.

Im Ruhestand freut sich Künz aufs Reisen, auf die Zeit mit den Enkelkindern. Und seine Frau wolle er wieder mehr in Haus und Garten unterstützen. „Sie hat mir über Jahrzehnte den Rücken freigehalten“, erzählt er. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sagt über den Rekordhalter: „Ulrich Künz ist ein Unikat als erfolgreicher Bürgermeister.“ Er sei sich immer treu geblieben.

Die beiden kennen sich seit der Zeit in der Jungen Union, der CDU-Nachwuchsorganisation. Bouffier sprach Künz „großen Dank“ für seine Arbeit aus. Der Bürgermeister war auch langjähriger CDU-Kreisvorsitzender und Vorsitzender im Vogelsberger Kreistag. / dpa