Bouffier: Traurig, schmerzlich, kaum fassbar

13. Juni 2019
Kassel

Mit einer Trauerfeier in der Martinskirche in Kassel hat die Region am Donnerstag Abschied von Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke genommen. Rund 1300 Trauergäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Familie und der Freundeskreis Lübckes waren gekommen. „Es ist ein trauriger, schmerzlicher und kaum fassbarer Anlass, der uns zusammenführt“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU).

Es war dieser eine Moment, in dem der Schrecken des Verbrechens für jeden in der Kasseler Martinskirche spürbar wurde. „Lieber Papa, wir müssen heute nach deinem unfassbaren Tod von dir Abschied nehmen“, erklärte Christoph Lübcke nur wenige Meter entfernt vom Sarg seines Vaters Walter Lübcke. In diesem Moment stiegen vielen Trauergästen die Tränen in die Augen. Mehr als 1300 sind gekommen, um von dem erschossenen nordhessischen Regierungspräsidenten Abschied zu nehmen. Sie sitzen in der Martinskirche oder verfolgen auf einer Leinwand draußen den Gottesdienst.

Es ist ein außergewöhnliches Gedenken. Denn es wird um einen Mann getrauert, dessen Tod weiter ungeklärt ist. Klar ist: Lübcke starb in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha an einem Schuss in den Kopf. Wer abdrückte und warum, ist unklar.

Ungewissheit überschattet Trauerfeier

Die Ungewissheit überschattet die Trauerfeier: „Zur Grausamkeit der Tat kommt die Ungewissheit: Wer war es, der diesem Leben kaltblütig und hinterrücks ein Ende setzte?“, sagte Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Er wandte sich direkt an Lübckes Frau und Familie: Es sei kaum zu ermessen, was die Angehörigen hätten durchmachen müssen.

Denn zu den Spekulationen über die Tat seien Schmähungen und Hass aus dem Internet hinzugekommen. „Die Würde des Menschen, auch eines verstorbenen Menschen, muss unantastbar bleiben! Auch im Netz!“, erklärte Hein. Im Internet äußerten nach der Tat insbesondere Nutzer aus der rechtsextremen Szene unverhohlen Freude über den gewaltsamen Tod des CDU-Politikers.

„Es ist ein trauriger, schmerzlicher und kaum fassbarer Anlass, der uns zusammenführt“, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Den Hass im Internet streifte er nur in seiner Trauerrede. Man gedenke heute in erster Linie dem Menschen Walter Lübcke, sagte er: „Er war beliebt, aber nicht beliebig.“

Während der Trauerfeier lag die hessische Landesflagge auf dem Sarg. Eine Ehrenwache der Polizei und Bundeswehr stand daneben. Sie erinnerten daran, dass es um mehr geht als einen Behördenleiter, der Opfer eines Verbrechens wurde. Lübcke war ein überzeugter Demokrat mit klaren Werten. Er galt als bodenständiger Macher. In der Flüchtlingskrise beispielsweise war seine Behörde federführend bei der Unterbringung von Flüchtlingen. Anfeindungen aus der rechte Ecke stellte er sich offen entgegen.

Trauer landesweit

Getrauert wurde am Donnerstag deshalb landesweit. Die hessischen Regierungspräsidien und obere Landesbehörden hatten Trauerbeflaggung gehisst.

Keine Zeit für lange Trauer hatte die 50-köpfige Sonderkommission, die die Tat aufklären soll. „Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren - auch am Tag des Trauergottesdienstes“, sagte Christoph Schulte, Sprecher des Hessischen Landeskriminalamts (LKA). 213 Hinweise waren bis kurz vor der Trauerfeier eingegangen. Diese arbeite man weiter ab. Ob eine heiße Spur dabei ist oder ein Verdächtiger im Visier, verrieten die Behörden nicht.

Laut dem LKA sind die Ermittler dabei, die Abläufe vor, während und nach der Tat zu rekonstruieren. Alle Fakten und Spuren fließen ein. Wie lange diese Arbeit noch dauern werde, sei unklar. „Es wäre unseriös, das zu sagen“, erklärte der LKA-Sprecher.

Am Samstag soll Walter Lübcke im privaten Kreis beerdigt werden.

Die Predigt von Bischof Martin Heim im Wortlaut:

„Gnade sei mir euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der zu uns sagt:

,Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.‘ (Johannes 14,27)

Liebe Frau Braun-Lübcke, lieber Christoph Lübcke, lieber Jan-Hendrik Lübcke, liebe Familie und Angehörige der Familie, verehrte Trauergemein-de!

Immer noch und immer wieder ist unter uns das Erschrecken darüber spür-bar, dass unser Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke erschossen worden ist und wir seiner nun im Angesicht des Sarges gedenken müssen. Es ist ein unfassbarer Tod, der er uns völlig ratlos macht. Zur Grausamkeit der Tat kommt die Ungewissheit: Wer war es, der diesem Leben kaltblütig und hinterrücks ein Ende setzte?

Wir können kaum ermessen, was Sie, liebe Frau Braun-Lübcke, mit Ihrer ganzen Familie in den vergangenen Tagen durchleben mussten: die schreckliche Tatsache, dass Ihr Mann und Vater tot ist, die Ermittlungen, die wild wuchernden Spekulationen und nicht zuletzt die Schmähung und den schieren Hass, die Walter Lübcke nach seinem Tod in manchen Netz-werken entgegenschlugen. Nicht zum Aushalten war das alles. Und es war nötig, dass von höchster politischer Seite angesichts dieser Widerwärtigkeit in aller Deutlichkeit Abscheu bekundet wurde. Die Würde des Menschen, auch eines verstorbenen Menschen, muss unantastbar bleiben! Auch im Netz!

Manchmal kommt es uns vor, als wäre alles ein böser Traum, als würde Walter Lübcke wieder so mitten unter uns treten, wie wir ihn alle gekannt, geliebt und geschätzt haben: vital, voller Energie und Ideen, den Menschen zugewandt, das ehrliche Wort pflegend, schlagfertig und zugleich mitfühlend, ein Familienmensch, der dies auch blieb, als er längst eine öffentliche Person war.

So sehen wir ihn vor unserem inneren Auge. Wir hören den Klang seiner Stimme. Aber uns wird schmerzhaft bewusst: Er ist nicht mehr. Der ver-traute Umgang mit ihm ist durch eine feige Gewalttat abgebrochen worden. Das macht uns stumm, lässt uns erschrecken, macht uns unruhig angesichts des Bösen, das Menschen anderen Menschen anzutun imstande sind. Es ist unbegreiflich! Wir sehnen uns nach Trost, wo wir keinen Sinn entdecken können.

Niemand hat ihn besser gekannt als Sie, liebe Frau Braun-Lübcke. In der nächsten Woche wären es dreißig Jahre gewesen, die Sie verheiratet waren – dreißig Jahre voller Leben und vieler, vieler glücklicher Augenblicke: die Liebe zu Ihnen, zu Christoph und Jan-Hendrik, zu den Schwiegertöchtern und zu Carl Julius, seinem ersten Enkelkind. Familie war für ihn immer auch die enge Beziehung zu den Familien seiner Brüder und seiner Schwägerin. Er lebte ein intensives Miteinander. So haben wir ihn je auf unsere Weise wohl alle kennengelernt.

Von Haus aus war er Waldecker: am 22. August 1953 in Bad Wildungen geboren und aufgewachsen in dem kleinen Ort Anraff im Edertal. Darauf war er stolz. Hier war er tief verwurzelt, selbst wenn für spätere Jahrzehnte Istha sein Zuhause werden sollte. Auch hier war er mittendrin: ein Mensch, der keine Distanzen aufkommen ließ. Man wusste, woran man bei ihm dran war!

Früh führte ihn sein Weg in die Politik: zunächst im lokalen Umfeld, dann auf Landesebene. Das haben Berufenere als ich zu würdigen. Aber wer hätte gedacht, dass er auch einmal Assistent der Öffentlichkeitsarbeit bei der documenta 7 war? Von seinen Begegnungen mit Joseph Beuys konnte er launig erzählen. Und wer wusste, dass er bei aller Verbundenheit mit seiner Heimat zehn Jahre lang in Thüringen tätig war, um am Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens durch Bildungsarbeit mitzuwirken?

Als er im Mai 2009 als promovierter Wirtschaftswissenschaftler Regierungspräsident in Kassel und damit Leiter einer großen Behörde wurde, be-deutete das eine neue Herausforderung, der er sich gern stellte. Walter Lübcke war ein Mann des klaren Wortes, aber auch ein Mann der klaren Tat. Am deutlichsten kam das zum Ausdruck, als im Sommer 2015 eine unübersehbar große Zahl von geflüchteten Menschen aus dem Vorderen Orient und aus Afghanistan zu uns kam. Da mussten Aufnahmemöglichkeiten geschaffen werden, da waren Kreativität und Initiative gefragt. Dreimal war ich mit Walter Lübcke in nordhessischen Aufnahmeeinrichtungen: in der Landesfeuerwehrschule in Kassel, am Flughafen Calden und in Hessisch Lichtenau. Mit spürbarem Stolz vermittelte er mir, was zu schaffen war, wenn man will. Und, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Regierungspräsidiums: Er war stolz auf Sie, dass Sie selbstverständlich mit-machten – oft völlig unbürokratisch und unkonventionell.

Das hat ihm nicht nur Freunde gebracht. Unsägliches ist ihm ins Gesicht gesagt, Unsägliches geschrieben worden. Diese offene Aggressivität ging nicht einfach spurlos an ihm vorüber, sondern hat ihn tief getroffen, weil er fühlte, wie sehr die Menschlichkeit und ein humanes Miteinander gefährdet waren.

Er dachte politisch – und handelte, wenn es sein musste, überparteilich. Als sein inneres Geländer bezeichnete er immer wieder die Orientierung an christlichen Werten wie Nächstenliebe und Wahrhaftigkeit. Regelmäßig kam er zu den Eröffnungsgottesdiensten der Synodaltagungen unserer Landeskirche nach Hofgeismar und sprach anschließend Grußworte, die aus dem Herzen kamen. Er war evangelischer Christ – und machte keinen Hehl daraus. Ich glaube, er wäre auch ein guter Pfarrer gewesen! Zuletzt sind wir uns am 9. Mai, am Tag der Wahl unserer neuen Bischöfin, begegnet. Von der Vorfreude auf seinen Ruhestand erzählte er mir. Wer hätte ge-ahnt, dass es ein letztes Mal war!

Wir werden ihn vermissen, vor allem aber wird er Ihnen, liebe Frau Braun-Lübcke, und Ihrer Familie fehlen! Wir fühlen so sehr mit Ihnen!

Was bleibt da zu sagen angesichts des unverstandenen Leids, das uns den Mund verschließt, und angesichts des Sarges, der ein gelebtes Leben in sich birgt? Sie als Familie haben sich hier in St. Martin einen Gottesdienst gewünscht: einen Ort, an dem wir all unsere Ratlosigkeit, auch unseren Zorn über das Geschehene vor den lebendigen Gott bringen können. Und wo unsere eigenen Worte so unvollkommen, so hilflos sind, bergen wir uns in den Worten, die Jesus uns zusagt.

Von Schrecken und Furcht spricht Jesus – und weiß, wovon er redet. Und er kennt uns und weiß, wie es in diesen Tagen um uns bestellt ist. Doch auch vom Frieden spricht er – von einem Frieden, der unser Herz anrührt und in dem wir uns bergen können wie in einem schützenden Mantel. Es ist ein Frieden, der unsere Trauer umhüllt, ohne sie zuzudecken. Denn der Weg des Abschiednehmens ist lang: heute, am Samstag in Istha – und dann in den Wochen und Monaten, die vor Ihnen und vielen liegen, die mit Ihnen trauern. Aber es ist ein Weg, auf dem der auferstandene Christus Ihnen seinen Beistand und Trost verspricht.

Noch herrscht quälende Ungewissheit bei der Frage, warum Walter Lübcke ermordet wurde. Noch sind die Gedanken unruhig und manche Nächte schlaflos. Aber wir hoffen inständig darauf, dass sich das Verbrechen auf-klären lässt, so dass nicht das Unfassbare das letzte Wort behält. Und wir bitten Christus, dass er uns allmählich Ruhe finden lässt und uns seinen Frieden schenkt, damit sich das erschreckende Erleben in eine bleibende Dankbarkeit wandeln kann – in Dankbarkeit für die Zeit und die Begegnungen, die uns mit Walter Lübcke geschenkt waren.

Sie, liebe Frau Braun-Lübcke, hoffen mit Ihrer Familie, Trost und Stärke zu finden, um in seinem Sinn weiterleben zu können. Auf eine unsichtbare Weise wird er bei Ihnen sein. Denn wir sind gewiss, dass Gott ihn zu sich aufgenommen hat und ihm in seiner Ewigkeit den Frieden schenkt, den Christus uns verheißt und der alles Leid und alle Trauer übersteigt.

In der Hoffnung auf die Auferstehung geben wir Walter Lübcke hin – in Gottes Hand. Ihm vertrauen auch wir uns an: Komme, was da mag. Amen.“ / dpa