Deutschlands zweitkleinste Volk- und Raiffeisenbank steht im Vogelsbergkreis

Deutschlands zweitkleinste Volk- und Raiffeisenbank steht im Vogelsbergkreis

12. Mai 2014
stockhausen

Es gibt sie noch: Banken mit einem ehrenamtlichen Vorstand und Chefs, die im Pullover hinter ihrem Schreibtisch sitzen. Eine davon ist die Spar- und Darlehnskasse Stockhausen. Sie ist Deutschlands zweitkleinste Volks- und Raiffeisenbank.

Übertroffen werden die Stockhäuser – gemessen an der Bilanzsumme – in der Rangfolge der kleinsten Banken nur von der Raiffeisenbank Struvenhütten in Schleswig-Holstein. Diese bringen es auf 14 Millionen Euro, während in Stockhausen 17 Millionen Euro zu Buche schlagen. "Wir rutschen immer weiter nach hinten. Die anderen Strecken die Füße vor den administrativen Pflichten", erzählt Bankvorstand Werner Eichenauer.

Diese bereiten auch den Vogelsbergern Kopfzerbrechen. "Pro Million Bilanzsumme zahlen wir jährlich 2000 Euro an Prüfungsgebühren. Das ist in der Relation mehr als die Großen bezahlen. Das quält uns", betont er. Mit 60 000 Euro sind die Kosten für das Rechenzentrum ein anderer großer Kostenblock neben den Ausgaben für das Personal. Dieses zählt sieben Köpfe, Eichenauer und sein Vorstandskollege Horst Wanka eingeschlossen. Ein Kundenberater, zwei Halbtagskräfte und zwei Geringverdiener gehören ebenfalls zum Team. "Von der Kundschaft her könnten wir auch mit weniger Personal auskommen. Aber die Verwaltung frisst Personal."

Werden auch die Stockhausener die "Füße strecken", wie es der Bankchef formuliert hat? So bald wohl nicht. Fusionsangebote gebe es jedenfalls nicht. "Die wussten alle schon, dass wir das nicht wollen. Sich nach der Decke strecken und keine riskanten Kredite vergeben oder riskante Geschäfte machen, macht das Überleben einfacher."

Auf der anderen Seite könnte sich schon in einigen Jahren ein Problem auftun, das vielleicht nur durch den Zusammenschluss mit einem Nachbarn gelöst werden kann: Eichenauer ist 58 und möchte mit 63 gerne in Rente gehen. Sein Kollege Wanke ist 55. Schon jetzt schaue man sich nach einem Nachfolger um, der "ein bisschen herumgekommen sein" sollte: "Es muss jemand eingearbeitet werden. Im Ernstfall müssen wir einen fertigen nehmen."

Dass ein künftiger Vorstand der Spar- und Darlehnskasse Stockhausen ähnlich lange auf dem Posten aushalten wird, wie der aktuelle Chef, ist unwahrscheinlich. Dessen 32 Dienstjahre auf der Position sind für einen Banker genauso ungewöhnlich bodenständig wie seine Kleiderordnung: Er sitzt im Pullover hinter dem Schreibtisch. "Ich bin in der vierten Generation Rechner – was heute der Vorstand ist – unserer Bank. Meine Familie hat diese Aufgabe im Prinzip seit der Gründung inne", nennt Eichenauer nicht ohne Stolz eine weitere der zahlreichen Eigentümlichkeiten seiner Darlehnskasse. Zu diesen gehört auch die "aussterbende Spezies" der ehrenamtlichen Bankvorstände, von denen es in Stockhausen drei gibt. Oder das Geschäftsgebiet: Es umfasst offiziell die Ortschaften Stockhausen und Schadges. Viele Mitglieder und Kunden kommen aber auch aus den umliegenden Dörfern des Fuldaer Landes oder aus Rixfeld und Schlechtenwegen. "Wir legen Wert auf ehrliche Beratung. Seit ich da bin, gab es keine Zwangsversteigerung aus Kreditgeschäften. Dieses ist bei uns unterdurchschnittlich ausgeprägt. Es macht nur 30 Prozent der Bilanzsumme aus. Bei uns wird mehr angespart als wir für Kredite benötigen", gibt der 58-Jährige einen Einblick in die Philosophie der Bank. "Der Rest wird in krisenfesten Anleihen angelegt." Unter dem Strich bleibt ein Gewinn vor Steuern von "etwa 70 000 bis 100 000 Euro. Unser Ziel sind 0,5 bis 0,6 Prozent der Bilanzsumme. Das ist für unsere Verhältnisse nicht schlecht."

Als die "Spar- u. Darlehnskasse Stockhausen-Schadges" 1880 aus der Taufe gehoben wurde, war dies ein Schritt gegen Wucher. Und heutzutage? Werner Eichenauer: "Die Ziele haben sich nicht wesentlich geändert. Wir sehen uns auch als Übersetzer des Finanztechnischen für die Kunden. Damals ging es darum, Leute vor finanziellem Schaden zu bewahren – also um Verbraucherschutz im eigenen Ort."

In Zahlen:

Gründung: 1880

Mitglieder: 430 (Jahresende 2013)

Kunden: 1309

Bilanzsumme 2013: 17 Millionen Euro

Ehrenamtlicher Vorstand: Gerhard Wahl, Alexander Wahl, Horst Müller (alle Stockhausen)

Hauptamtlicher Vorstand: Werner Eichenauer, Horst Wanka

Aufsichtsrat: 6 Mitglieder

Mitarbeiter: 7 (inklusive Vorstand, Halbtagskräfte und Geringverdiener)

Geschäftsstellen: 1 (mit Geldautomat)

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 8 bis 12 Uhr, Montag und Freitag zusätzlich 13.30 Uhr bis 16 Uhr, Dienstag und Donnerstag auch 13.30 bis 18 Uhr.

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