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Mario Götze bei Eintracht Frankfurt – Liebe auf den zweiten Blick

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Von: Ingo Durstewitz

Der Weltmeister hinterlässt bei seiner Vorstellung bei Eintracht Frankfurt einen aufgeräumten Eindruck und wirkt sichtlich gereift.

Frankfurt – Um kurz nach zwölf brandete in der prallen Sonne an Platz sechs des Frankfurter Waldstadions erstmals Jubel auf. Und das kam so: Flanke von Neuzugang Jerome Onguene, Kopfball von Neuzugang Lucas Alario, drin. Der Eintracht-Premierentreffer in dieser Saison, ein schöner, keine Frage. Okay, war nur Training, aber was soll’s, die rund 1000 zum Auftakt erschienenen Fans freuten sich und applaudierten artig, genauso wie beim zweiten Treffer, erzielt wieder von einem Neuen, Randal Kolo Muani, ebenfalls per Kopf. Auch gut, das Ding. Mario Götze, der Heilsbringer in orangefarbenen Tretern, ging leer aus, um ein Haar hätte er eine Bude vorbereitet, doch seine kluge Rückgabe brachte der völlig blank stehende Goncalo Paciencia nicht im Kasten unter. Verdammt schwer, den nicht zu machen. Oder aber: Künstlerpech.

Seinen großen Auftritt hatte Mario Götze dann eine gute Stunde später, die offizielle Vorstellung im dritten Stock des ehemaligen Nike-Gebäudes, einen festen Abstoß von der Arena entfernt. 33 Journalisten hatten sich eigens akkreditiert, ein gutes Dutzend Fotografen, 50, 60 Leute lauschten um die Mittagszeit den Worten des Mannes, der einst als Wunderkind gehypt wurde und zwischenzeitlich ganz schön abgestürzt war. Mario Götze wirkte sehr überlegt, gereift, souverän und mit sich im Reinen. Vor allem aber machte er einen entschlossenen und fokussierten Eindruck. Die wilde Vergangenheit, die vielen Schlagzeilen, diese Reise zwischen Himmel und Hölle – all das gehört zum WM-Helden von 2014, natürlich, aber er sieht das nun, im gesetzten Fußballeralter, etwas differenzierter. „Ich bin jetzt 30 geworden, habe eine andere Sichtweise bekommen“, sagt er. „Mir ist nicht so wichtig, was die letzten Jahre war. Mein Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Ich will das Spiel genießen.“ Er freue sich auch auf „Kleinigkeiten“, wie er sagt. Die Kabine, das Training, den engen Spielrhythmus, die Dynamik einer Gruppe.

Mario Götze bei Eintracht Frankfurt – Kicken im Hafenpark

Natürlich ist er in die Bundesliga zurückgekehrt, weil er den ruckeligen Abgang aus Deutschland vor zwei Jahren begradigen, es noch mal wissen und zeigen will, was in ihm steckt. Aber nicht anderen, sondern sich selbst. Sagt er. „Ich will nur mir etwas beweisen. Ich möchte alles rausholen, was ich kann.“ Von einigen Vorschusslorbeeren ist seine Rückkehr begleitet worden, eine Welle des Zuspruchs schwappte durchs Land, alte Wegbegleiter wie Ex-Bundestrainer Joachim Löw oder Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm gratulierten zu diesem Schritt. „Das ist schon eine Wertschätzung, das spricht dafür, was ich geleistet habe“, sagt der Belobigte, aber nicht hochnäsig, sondern eher dankbar und demütig.

Mario Götze von Eintracht Frankfurt
Mario Götze im Training bei Eintracht Frankfurt. © Arne Dedert / dpa

Er wirkt, als sei ihm wirklich einerlei, ob die Leute ihn in den Himmel heben oder ob sie sein Engagement für eine Schnapsidee halten. „Das kann ich nicht beeinflussen, es ist extern“, bedeutet Götze, der seinen Lebensmittelpunkt nach Frankfurt verlegen und sich mit seiner kleinen Familie eine stadtnahe Bleibe suchen wird. Große Berührungspunkt habe er zu Frankfurt bisher nicht gehabt, „ich will die Stadt jetzt neu erleben“, erzählt er. Kürzlich war er mit seinen Kumpels schon ein bisschen kicken auf einem Bolzplatz im Hafenpark am Main. Hat er heil überstanden, der Super-Mario.

Eine fast kindliche Freude überkommt den einstigen Nationalspieler, wenn er über das Projekt Eintracht spricht. Er habe da richtig Bock drauf, „ich finde es gut, interessant und spannend.“ Natürlich habe er den Siegeszug des Klubs quer durch Europa verfolgt, und mit jedem Spiel wuchs in ihm die Lust, ein Teil des großen Ganzen zu sein, denn die Mannschaft habe ihn schwer beeindruckt. „So einen Pokal gewinnt man nicht einfach so“, sagt der, der es wissen muss. Man müsse ein ganz spezielles Team haben, das „in den entscheidenden Momenten konstant und effizient“ sei, das widerstandsfähig ist, schwierige Situationen durchsteht und füreinander da ist. „Dazu kommt die Emotionalität im Stadion. Durch diese Synergie und den Top-Charakter kann man besondere Leistungen bringen.“ Er weiß, wie sich so etwas anfühlt, und er hat es jetzt aus der Entfernung als Zuschauer gespürt. „Am Ende das Ding zu gewinnen, ist eine große Leistung, sensationell.“

Aber nicht nur durch den Europa-League-Triumph habe die Eintracht eine andere Wahrnehmung erfahren, die Entwicklung in den vergangenen Jahren sei erstaunlich und niemandem verborgen geblieben. „Ich hatte die Eintracht immer auf dem Schirm, die letzte Saison habe ich noch mal intensiver verfolgt.“ Denn vor einem Jahr wäre er schon einmal fast in Frankfurt gelandet, zumindest gab es die Anfrage der Hessen. Doch für Götze war die Zeit noch nicht reif, er wollte die Geschichte in Eindhoven mit dem von ihm geschätzten Trainer Roger Schmidt „zu Ende bringen“. Ob nun die zusammengekommen sind, die zusammengehören? Es ist, wenn man so will, Liebe auf den zweiten Blick.

Mario Götze: WM? „Nicht im Kopf“

Der Ex-Dortmunder nimmt sich nicht allzu wichtig. Er wolle den jungen Spielern helfen, „ein Beispiel für sie sein“, aber nicht verbal, „ich will auf dem Platz vorangehen.“ Eine Sonderrolle beansprucht er nicht. „Ich will mich einbringen, zusehen, schnell ins System reinzukommen“, sagt er. „Ich möchte Impact auf die Mannschaft haben, das Puzzleteil sein, das vielleicht fehlt.“

Läuft gleich vorne mit: Neuzugang Mario Götze.
Läuft gleich vorne mit: Neuzugang Mario Götze. © imago

Die Teilnahme an der Champions League war auch ein gewichtiges Argument für seinen Wechsel an den Main. Ohne diese Aussicht wäre der Techniker vielleicht doch woanders hingegangen. „Das ist wichtig für mich, wir wollen in der Champions League angreifen.“ Deutlich zurückhaltender äußerte er sich zu den Ambitionen in der Nationalmannschaft. Dem Vernehmen nach hat er sich durch den Wechsel nach Frankfurt und der deutlich höheren Präsenz auch Chancen auf ein Comeback in der DFB-Elf erhofft. Im November schon beginnt ja die WM. „Das ist aktuell kein Thema“, wiegelt er ab. „Das nicht in meinem Kopf.“ Immerhin: Bundestrainer Hansi Flick gehörte auch zu den Gratulanten, die ihn zu seiner Rückkehr beglückwünschten. (Ingo Durstewitz)

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