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Der Architekt des Eintracht-Erfolgs

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Von: Thomas Kilchenstein

Oliver Glasner von Eintracht Frankfurt
Einer von vielen Frankfurter Helden: Oliver Glasner mit dem Pokal. © MIS/Imago Images

Mit dem Europapokal-Sieg gegen die Glasgow Rangers ist Oliver Glasner in den Olymp Frankfurter Trainer eingezogen – und bleibt dabei angenehm bescheiden.

Sevilla/Frankfurt – Das mit dem Diver hat schon mal besser geklappt, in Barcelona zum Beispiel. Aber auch das war egal, der Rasen in Sevilla war zu trocken, so dass die Rutschpartie des Oliver Glasner deutlich vor dem Podium endete, auf dem ihm und der gesamten Entourage von Eintracht Frankfurt gleich die Siegermedaille um den Hals gehängt werden sollte. Aber der Diver durchs Spalier der Mannschaft musste sein, gerade jetzt, da der Fußballlehrer aus Österreich ganz oben angelangt ist im Olymp erfolgreicher Frankfurter Trainer.

Paul Oswald, Gyula Lorant, Branco Zebec, Dragoslav Stepanovic, vielleicht Friedel Rausch, Klaus Toppmöller, Armin Veh, Niko Kovac - sie alle haben Eintracht Frankfurt auf ihre ganz spezielle Art und Weise geprägt, hatten Meilensteine in der Entwicklung des Klubs gesetzt, in dieser Reihe hat sich Oliver Glasner an die Spitze gesetzt. Dass er seit Ernst Happel (1983) erst der zweite österreichische Trainer ist, der einen europäischen Titel geholt hat, empfindet er bestenfalls als „nice to have“. Einbilden tut er sich nichts darauf.

Oliver Glasner lässt Eintracht in ungeahnte Höhen fliegen

Der erste Europapokaltitel seit 42 Jahren ist vor allem der Erfolg dieses Trainers, eines Trainers, der anfangs fast farblos herüberkam, der in Frankfurt aber sehr schnell an Statur, an Autorität und Persönlichkeit gewinnen konnte. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass es Oliver Glasner, dieser angenehm nahbare, immer menschlich gebliebene Zeitgenosse ist, der den Kreis nach vielen, vielen vergeblichen Anläufen schließt und den Klub in ungeahnte Höhen fliegen lässt. Denn Glasner hat verstanden, wie Eintracht Frankfurt tickt, auch weil das seinem Ideal von Führung entspricht, seiner Vorstellung von einer intakten, funktionierenden Gruppe am nächsten kommt: „Entscheidend im Mannschaftssport ist der Teamspirit“, lautet sein Credo.

Teamspirit, mannschaftliche Geschlossenheit, Zusammengehörigkeitsgefühl - das ist der Kitt, der diese Frankfurter Mannschaft, im Grunde eine Elf des Mittelmaßes, zusammengehalten hat und größer werden ließ, als sie ist. „Wenn du mit einer Mannschaft wie Eintracht Frankfurt im Europa-League-Finale stehst, kommst du nicht nur über die individuelle Qualität. Teamgeist ist das Schlüsselelement, das uns so weit getragen hat“, hatte Kapitän Sebastian Rode vor dem Endspiel gesagt. Der Hesse mit dem großen Kämpferherzen kennt seine Frankfurter gut.

Oliver Glasner bei Eintracht Frankfurt: Leidenschaft und E-Roller

Diese vorhandenen Frankfurter Elemente hat Glasner weiter entwickelt, hat sie herausgekitzelt. Der 47-Jährige ist einer, der sehr genau hinschaut, beobachtet, Schlüsse zieht. Er ist klar in seiner Analyse, ist strukturiert, akribisch, er sucht die Perfektion, er hat einen Plan. Und „findet immer die richtigen Worte“, sagt Ansgar Knauff, der Shootingstar, der noch im Januar in der dritten Liga kickte, bei Borussia Dortmund II.

Und Glasner, der fast sein ganzes Leben im österreichischen Ried verbrachte, ehe er 2019 zum VfL Wolfsburg wechselte, nimmt alle Spieler mit, gibt allen das Gefühl, wichtig zu sein. „Er hat einen guten Draht zu uns“, sagt Knauff. Selbst nach dem Abpfiff in Sevilla, im dichtesten, hektischsten Getümmel, dachte Glasner an jene Spieler, die nicht spielen durften, die nicht mal für diese Europa League gemeldet waren, wie Stefan Ilsanker oder Erik Durm. Glasner hat sich ein hohes Maß an Empathie und Demut bewahrt, seine Antennen sind immer ausgefahren. Nach dem Coup in Barcelona hat er sich öffentlich als erstes beim Kollegen Xavi entschuldigt, weil er nach dem 3:0 möglicherweise zu exaltiert gejubelt haben könnte. Glasner ist keiner, der großspurig auf den Putz hauen würde, er zieht das Florett dem Säbel vor, erklärt viel und geduldig. Dabei kann er Emotionen zeigen, das Ballwegschießen in Piräus etwa, das zornige Gestikulieren in Mainz zuletzt oder auch sein roter Kopf in Sevilla am Mittwochabend zeugen davon, dass „unser Trainer heißblütig“ sein kann, wie Rode sagt.

Glasner und Eintracht Frankfurt - das passt, nicht gleich von Beginn an, auch der Coach musste warmwerden mit dem Klub. Aber dann hat Eintracht Frankfurt etwas mit ihm gemacht, hat etwas geweckt, von dem er vielleicht selbst nicht wusste, dass er es in sich trägt: Lockerheit mit großer Professionalität zu verbinden. Er hat sich auf dieses Hemmungslose, auf Wucht und Strahlkraft des Vereins eingelassen, nun profitieren beide davon.

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Glasner fühlt sich längst pudelwohl in der Stadt, der 47-Jährige, der am Main wohnt, genießt das Flair dieser Stadt, in die er regelmäßig eintaucht, zu Fuß, auf E-Rollern. Er geht in Ebbelwoi-Kneipen, zum Edel-Italiener auf der Freßgass, er lässt sich in Cafés sehen, scheut nicht den Kontakt zu den Menschen. Er mag das, er mag auch die Internationalität der Stadt, das bunte Zusammenleben. Und er blüht förmlich auf, erlebt in Frankfurt eine andere Welt als die, die er bislang im beschaulichen Österreich, wo Ehefrau Bettina und die drei Kinder leben, oder im gesichtslosen Wolfsburg erlebt hat. Dort hat er bis zum Schluss im Hotel gewohnt, dort galt er als verschlossen. Wie man sich täuschen kann.

Der einstige Verteidiger, der BWL an der Fernuni Hagen studiert und abgeschlossen hat, sagt, das Wichtigste sei, dass man seinem Beruf mit Leidenschaft nachgehe, mit Begeisterung, Herzblut, einerlei ob als Arzt, Pianist oder Trainer. Diese Leidenschaft färbt ab, führt zu Erfolg: Den VfL Wolfsburg, einen der unstetesten Klubs der Liga, führte er, der No-Name-Trainer, in die Champions League, ehe er nach Querelen mit Sportdirektor Jörg Schmadtke im Sommer zur Eintracht kam, die er sofort ebenfalls in die Königsklasse hievte.

Es ist Oliver Glasner, der Architekt des großen Fußballwunders vom Main, der Eintracht Frankfurt in andere Sphären katapultiert hat, der dem Klub einen Quantensprung ermöglicht hat. Oliver Glasners hat jetzt schon eine Duftmarke in Frankfurt gesetzt, und was für eine. (Thomas Kilchenstein)

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