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Der Innenminister von Eintracht Frankfurt

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Von: Ingo Durstewitz

FR-Serie, zweiter Teil: Der baldige Eintracht-Vorstand Philipp Reschke ist eine Koryphäe des Klubs - und ein guter Typ noch dazu.

Frankfurt – Was im Augenblick des monumentalen Eintracht-Triumphs von Sevilla fast unterging oder zumindest in den Hintergrund gedrängt wurde, waren die dramatischen Umstände auf den Tribünen des Estadio Ramón Sánchez Pizjuán. Es herrschte nämlich schlichtweg ein Mangel an Trinkwasser, was bei Temperaturen um die 40 Grad als maximal fahrlässig zu bezeichnen ist. Die Verkaufsstände schlossen mit dem Anpfiff, manche schon deutlich früher, es gab nirgendwo die Möglichkeit, Getränke zu kaufen.

Die Menschen dehydrierten, stürmten in ihrer Verzweiflung die Toilettenanlagen und tranken unreines Wasser – bis auch dort die Leitungen gekappt und das Wasser abgedreht wurde – angeblich wegen eines Rohrbruchs. Es waren skandalöse Bedingungen, eine bedrohliche Situation.

Philipp Reschke von Eintracht Frankfurt – Ein Sevilla-Held aus der zweiten Reihe

Philipp Reschke, der Eintracht-Justiziar und zukünftige Vorstand, hat von diesem Chaos schon früh Wind bekommen, und er hat, noch während dieses flirrende Finalspiel in vollem Gange war, eine „erste Protestnote“ bei der Uefa eingereicht, wie er es formal nennt. Um dann in direkter Philipp-Reschke-Diktion zu präzisieren: „Wir haben uns wüst beschwert und sind auch gewaltig hinterhergestiegen.“ Denn für den für Sicherheit und Spieltagsorganisation zuständigen Prokuristen war schnell sonnenklar, dass diese Situation auch in einer Tragödie hätte enden können. „Es hat sich für manche als extrem gesundheitsschädigend herausgestellt“, sagt der 49-Jährige jetzt in der Rückschau. „Man ist haarscharf, mit viel Glück und mit der Disziplin der Zuschauer an einer deutlich schlimmeren Geschichte vorbeigeschrammt.“

Die Uefa ist zurzeit noch dabei, diesen handfesten Skandal aufzuarbeiten, doch für alle Beteiligten ist klar, dass der FC Sevilla als Gastgeber auf ganzer Linie versagt hat. „Man hat schlicht und ergreifend nicht das erfüllt, was offiziell und protokolliert zugesagt wurde – trotz sehr deutlicher Hinweise auf die Temperaturen und den voraussichtlichen Bedarf an Wasser.“ Übrigens: Philipp Reschke, der Kümmerer, hat die Fans höchstselbst mit Getränken versorgt. Er ist ein Sevilla-Held aus der zweiten Reihe.

FR-Serie

„Wir sind alle Helden“ , hat Kevin Trapp in der magischen Nacht von Sevilla ausgerufen, jeder habe seinen Beitrag zum Europapokal-Gewinn geleistet. Die FR wird in einer mehrteiligen Serie in unregelmäßigen Abständen an diese Helden erinnern, an große und kleine, in Fußballschuhen, Blaumann oder Anzug. Heute: Philipp Reschke. Das nächste Mal: Christopher Lenz.

Nun, ab 1. Juli, wird der Familienvater aus dem Hintergrund in die vorderste Linie rücken, er verstärkt den Eintracht-Vorstand, der künftig aus vier Männern bestehen wird: Sprecher Axel Hellmann, Sportchef Markus Krösche, Finanzexperte Oliver Frankenbach – und eben Reschke, der bisher als Bereichsleiter für Recht, Fanbetreuung, Sicherheit und Spieltagsorganisation zuständig war und nun noch die Verantwortung für den Zuschauerservice, das Merchandising und das Personal tragen wird. „Es ist eine Ehre und eine Aufgabe für mich, jetzt im Vorstand zu sein. Die Vorfreude könnte kaum größer sein“, sagt der 49-Jährige, der einen Vertrag bis 2025 unterschrieben hat.

Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Eintracht-Justiziar Philipp Reschke.
Bei ihm laufen die Fäden zusammen: Eintracht-Justiziar Philipp Reschke. © Jan Huebner / Imago Images

Es gibt niemanden im Eintracht-Zirkel, der dem Urgestein diesen Aufstieg nicht gönnen würde, kaum jemand ist so beliebt wie der Vater zweier Söhne, er ist ein echter Teamplayer, der das Große und Ganze im Blick hat, aber trotzdem auf der Geschäftsstelle jede und jeden mitnimmt, der integriert und verbindet, der als Bindeglied und Brückenbauer fungiert, der die Servicekraft genauso respektvoll behandelt wie den Sportmanager.

Reschke gilt als eine Art Innenminister, der ein offenes Ohr für alle hat. „Unseren Gewerkschaftsführer“ hat ihn der frühere Eintracht-Boss Heribert Bruchhagen genannt, weil sich Reschke stets für die Belange der Mitarbeitenden eingesetzt hat. Gerade jetzt, da sich Axel Hellmann in verstärktem Maße um die Gesamtstrategie des Vereins und die internationale Ausrichtung bemühen wird, ist es wichtig, einen vertrauensvoll nach innen wirkenden Funktionär in seinen Reihen zu wissen. „Philipp ist ein hochloyaler Mitarbeiter, der alle Geschäftsbereiche von uns bestens kennt und bei allen Mitarbeitern hochangesehen ist“, sagte Vorstandssprecher Hellmann einst über den langjährigen Weggefährten, über den auch Aufsichtsratsboss Philip Holzer nur lobende Worte findet: „Er ist ein Eigengewächs, ihn zeichnet eine hohe emotionale Intelligenz aus. Wir sind eine Familie, und er hat die Eintracht-DNA in sich. Er ist eine echte Bereicherung für uns.“

Reschke hat das Herz am rechten Fleck, ist ein launiger, offener, kommunikativer Typ, zudem ein herausragender Entertainer, kann Zuhörer:innen witzig und gehaltvoll unterhalten, seine Anekdoten sind legendär. Wie die vom Pokalfinale, als die Kultband Tankard ihre Bierdosen im Gitarrenkoffer einschleuste, oder die von einer europäischen Nacht, als ein völlig aus dem Ruder laufender Vereinspräsident mit der Pistole Richtung Schirikabine stürmte. Nix passiert. Zum Glück.

Reschke, dessen Vater Hans-Hermann ein einflussreicher Banker war, der ebenfalls mit dem Klub verwoben ist und sich erst im November aus dem Vorstand der „Freunde der Eintracht“ zurückgezogen hat, ist die Idealbesetzung für dieses Vorstandsamt, weil er neben Empathie auch über höchste Kompetenz verfügt. Gerade bei der Uefa ist er hochangesehen, aber auch beim DFB, wo er als Beisitzer im Bundesgericht sitzt, genießt er höchste Wertschätzung. Der studierte Volljurist mit Spezialgebiet Sportrecht ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet.

Er hat seine Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht, denn Reschke ist, obzwar gebürtiger Bremer, auch glühender Eintracht-Fan. Seit 1981 und dem DFB-Pokalsieg gegen den 1.FC Kaiserslautern hält er es mit dem Frankfurter Klub, als Jugendlicher stand er im G-Block, die Eintracht ist peu à peu zu seinem Leben geworden. Seit Januar 2001 arbeitet er für die Fußball-AG, der Dienstbeginn stand unter keinem guten Stern, 1:5-Niederlage mit Felix Magath zu Hause gegen den 1.FC Köln, kurze Zeit später der Abstieg. Nur ein Jahr später folgte der gewonnene Lizenzkrimi, den er bis 2018, den DFB-Pokalsieg, als größten Erfolg bezeichnete. Nur getoppt vom 18. Mai, dem Europapokalsieg, auch Philipp Reschkes größter Triumph. Den hat selbst das Wasser-Fiasko nicht schmälern können. (Ingo Durstewitz)

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