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Harter Aufprall für Eintracht Frankfurt

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Von: Daniel Schmitt, Ingo Durstewitz

Und wieder drin: Serge Gnabry überwindet Kevin Trapp zum 5:0 für die Bayern - noch in Halbzeit eins.
Und wieder drin: Serge Gnabry überwindet Kevin Trapp zum 5:0 für die Bayern - noch in Halbzeit eins. © Sven Simon/Imago

Beim Bundesliga-Auftakt gegen Rekordmeister Bayern München erleben die Frankfurter Europa-Helden ein böses Erwachen.

Frankfurt - Irgendwann in dieser desaströsen, indiskutablen, ja peinlichen ersten Hälfte war Oliver Glasner der aktivste Frankfurter. Nicht nur verbal, das sowieso, der Eintracht-Trainer schrie und schrie und schrie, sondern auch läuferisch. Glasner wetzte in seiner Coaching Zone von links nach rechts, überholte parallel an der Seitenlinie den nur wenige Meter entfernt trabenden Filip Kostic ohne Mühe, bedeutete dem Serben wie auch dessen Kollegen, wohin sie denn jetzt bitte, bitte, ach was, wohin sie verflixt noch mal hinzulaufen hätten. Bloß: Sie taten es nicht. Weder Kostic noch die anderen. Mit 0:5 lag Eintracht Frankfurt, der Europa-League-Sieger, zur Pause gegen Bayern München, den deutschen Meister, im Eröffnungsspiel der 60. Bundesligasaison zurück, nach 90 Minuten hieß es 1:6. Auch nicht besser.

„Das haben wir uns ganz anders vorgestellt“, sagte Kapitän Sebastian Rode: „Es war ein absolutes Debakel, gerade in der ersten Halbzeit. Sie hatten Räume, die sie hervorragend bespielt haben. Da hatten wir nicht die Mittel. Wir haben den Arsch aufgerissen bekommen.“

Eintracht Frankfurt - FC Bayern: Glasner verzichtete auf Konsequenzen

Dabei hatte die Eintracht sich im Vorfeld der Partie durchaus etwas ausgerechnet gegen die Bayern, das Selbstvertrauen auf Frankfurter Seite war groß nach dem Fußballmärchen von Sevilla, der überaus guten Vorbereitung und dem lockeren Erstrundensieg im DFB-Pokal. Es war wohl zu groß. Die Eintracht jedenfalls erlebte einen Freitagabend, den sie am liebsten nicht erlebt hätte. Schlimmer hätte es kaum kommen können. Der Aufprall auf dem Boden der Tatsachen war ein harter.

Dabei verzichtete Oliver Glasner auf großartige Personalwechsel im Vergleich zum souveränen Sieg in Magdeburg. Lediglich Rode rückte in die Startelf. Er ersetzte Daichi Kamada, der zwar derzeit in Hochform kickt, dem Trainer als offensiv denkender Spieler im defensiven Mittelfeld jedoch zu gewagt für ein Spiel gegen das beste Team des Landes erschien. Bloß: War es ja trotzdem, also zu gewagt, im Grunde völlig vogelwild, was die Frankfurter Fußballer zeigten. Rode hin, Kamada her - war dann irgendwie auch egal. Mario Götze übrigens, der Star im Eintracht-Kosmos, ging mit seinen neuen Kollegen gegen die ehemaligen unter.

Eintracht Frankfurt - FC Bayern: Weißer Rauch hinter dem Kasten von Kevin Trapp

Erstaunlich auch: Glasner verzichtete trotz des von Minute zu Minute immer klarer werdenden Übels auf personelle Konsequenzen, wechselte überhaupt nicht im ersten Abschnitt. Erst zur zweiten Hälfte schickte er mit Randal Kolo Muani, Kristijan Jakic und Christopher Lenz drei frische Profis aufs Feld - da war’s freilich längst zu spät.

Das hessische Staunen über diesen Fehlstart begann bereits nach fünf Minuten. Als sich gerade der Rauch zu lichten begann, den die Frankfurter Fans hinter dem Kasten von Kevin Trapp in die Luft entsandt hatten, verlor der Eintracht-Torhüter den Durchblick. Einen Freistoß, 30 Meter, halbrechte Position, unterschätzte Trapp, vermutete, wie viele andere, eine Flankenhereingabe. Joshua Kimmich aber, das bajuwarische Schlitzohr, schlenzte den Ball mit Schmackes direkt aufs Tor, traf den Innenpfosten, der Ball sprang rein, das 1:0, der schlechtestmögliche Start aus Eintracht-Sicht. Zumal die Hessen schon nach elf Minuten mit 0:2 zurücklagen. Infolge einer Ecke feuerte Benjamin Pavard den Ball stramm ins Netz.

Die Eintracht antwortete mit Wut, mit blinder Wut. Sie rannte den Münchnern reihenweise ins offene Messer und lernte nicht daraus. Zwar köpfte zwischendurch Tuta, als Abwehrchef-Nachfolger von Martin Hinteregger an diesem Abend heillos überfordert, einen Ball an die Bayern-Latte (12.), auch scheiterte Jesper Lindström nach einem feinen Solo mal wieder vor dem Kasten an seinen Nerven (26.). Alles in allem aber war der Frankfurter Pausenrückstand auch in der Höhe verdient. Der Stimmung im weiten Rund tat das Ergebnis jedoch keinen Abbruch, die Heimfans feierten ihre Jungs, ihre Helden, Europas beste Mannschaft. War halt blöderweise diesmal Bundesliga. Geschenkt.

Eintracht Frankfurt - FC Bayern: In Hälfte zwei nahmen die Münchner Fahrt aus ihrem Spiel,

Quasi ebenso geschenkt bekamen die Münchner ihre weiteren Treffer: Erst die neue Bundesliga-Attraktion, Sadio Mané (29. Spielminute), dann der in einer sehr guten Gästemannschaft noch mal herausragende Jamal Musiala (35.), sowie kurz drauf dessen Nationalmannschaftskollege Serge Gnarby (43.) trafen vor den Augen der DFB-Führung um Bundestrainer Hansi Flick und Direktor Oliver Bierhoff für die Bayern ins Netz.

In Hälfte zwei schließlich nahmen die Münchner einiges an Fahrt raus aus ihrem Spiel, die Eintracht ihrerseits verteidigte nun mit einer Viererkette deutlich kompakter als noch zuvor, was freilich auch ziemlich einfach war. Das Spiel wurde nun ausgeglichener, der Sturmzugang Kolo Muani luchste Nationaltorsteher Manuel Neuer noch einen Ball ab und traf zum 1:5 (64.), auch gingen die Hessen nun nicht mehr völlig unter, spielten seriös, wie es sich in der Bundesliga eben gehört. An der Frankfurter Abreibung aber sollte dies natürlich nichts mehr ändern. Die Bayern machten nicht mehr als nötig. Das langte locker. Der alle überragende Musiala stellte den Fünf-Tore-Abstand mit dem Treffer zum 6:1 wieder her (83.).

Peinlich auch: ein Teil der Frankfurter Fans. Erst pfiff der harte Kern in der Kurve die deutsche Nationalhymne aus, dann zündeten die Anhänger während des Spiels reihenweise Rauchtöpfe und Bengalos, ehe es schließlich in der Halbzeitpause mitten auf dem Feld zu körperlichen Auseinandersetzungen kam. Ein Flitzer, quer über den Rasen geeilt, wurde von Ordnern in der Nähe des Eintracht-Fanblocks niedergerungen, einige Ultras übersprangen sofort die Zäune, dann die Bande, eilten zur Hilfe und befreiten ihn mit Fausthieben gegen die Ordner aus der Umklammerung. Dann wanderten sie zurück in den Block. Ganz offenbar ein rechtsfreier Raum. Bedenklich. Wie der gesamte Eintracht-Auftritt. (Ingo Durstewitz und Daniel Schmitt)

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