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Daichi Kamada: Des Literaten Lieblingsspieler

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Von: Thomas Kilchenstein

Überragende Leistung im Testspiel der Japaner gegen Paraguay (4:1): Daichi Kamada (rechts).
Überragende Leistung im Testspiel der Japaner gegen Paraguay (4:1): Daichi Kamada (rechts). © AFP

FR-Serie, sechster Teil: Eintracht-Regisseur Daichi Kamada macht glücklich, auch weil er Verantwortung übernimmt.

Es ist jetzt bald drei Jahre her, dass sich der große Fußballbuchautor Ronald Reng verliebt hat. In einen Fußballer, in Daichi Kamada. Und das kam so. Am 1. August 2019 war Reng, der ein paar ziemlich gute Bücher über Fußballer (Lars Leese, Robert Enke, Miro Klose), die Bundesliga („Spieltage“) oder Scouts und Spielerberater („Mroskos Talente“, „Meine Spielzüge“, Volker Struth) geschrieben und allerhand Preise gewonnen hat, im Frankfurter Waldstadion, Flora Tallinn war zu Gast, es war ein Qualifikationsspiel zur Europa League, 48 000 Fans waren da, wie immer, wenn Eintracht Frankfurt international spielt, und da hat er ihn gesehen, an diesem Tag, als „die Sommerluft die Haut streichelte“: Daichi Kamada.

Und bei einem Literaten wie Reng liest sich das dann so: „Es war nur eine Ballannahme und ein Pass. Der Eintracht-Spieler aber hatte den Ball mit solch einer ästhetischen Feinheit angenommen und mit solcher strategischen Klugheit gepasst, dass ich augenblicklich ganz bei ihm war. Da war eine unerhörte Leichtigkeit in seinen Bewegungen. Er schien geradezu ohne Körper zu spielen, als würde er ganz von seinem erhabenen Gespür für den Ball und dem blitzenden Geist leben. Ich meinte, so einen Spieler ganz selten gesehen zu haben. Was er mit dem Ball machte, ob beim Stoppen, Passen oder Dribbeln, sah so mühelos und majestätisch aus, als schwebe er über den Dingen.“

Eiskalt vom Punkt

Drei Jahre ist das her, aber im Kern gilt das immer noch für den Japaner: Mit einem Pass, mit einer Finte kann der bald 26-Jährige die Statik eines Spiels verändern, er sieht und öffnet Räume, die eben noch geschlossen waren, erkennt instinktiv Situationen, macht oft das Unerwartete und von daher Brillante. Daichi Kamada ist einer, der den Unterschied ausmachen kann, im Guten wie im Schlechten. Denn schlechtere Tage streut der elegante Techniker, der inzwischen gelernt hat, seinen Körper einzusetzen, auch in sein Spiel ein. Dann lässt er den Kopf sinken. Er weiß um diese Schwäche, in Belgien, hat er mal gesagt, hätten sie seine Körpersprache als raffiniert interpretiert, er wiege den Gegner in Sicherheit, um dann zuzuschlagen, beim VV St. Truiden war das, zu dem Klub hatten die Hessen den schmächtigen Asiaten in die Lehre geschickt. Schlechtere Tage aber werden bei ihm immer seltener.

Und Tage, an denen er Verantwortung übernimmt, dafür mehr. Im Finale zu Sevilla zum Beispiel, da trat er an zum dritten Elfmeter. Dem Spiel in den 120 Minuten zuvor hatte er nicht so viele Impulse verleihen können, er spielte ordentlich, aber nicht brillant, konnte dem Spiel nicht den Stempel aufdrücken wie sonst häufig, beim Elfer aber war er eiskalt geblieben. Fast zu eiskalt. Vom Innenpfosten sprang die Kugel ins Netz, ein paar Zentimeter weiter nach rechts und die Gesichter wären lang geworden. Nach seinem Volltreffer freilich scheiterte Aaron Ramsey an Torwart Kevin Trapp.

Gala gegen Paraguay

Rein statistisch betrachtet war diese gerade abgelaufene Saison für Kamada die schwächste der letzten fünf Jahre, seit er in Europa spielt. Der Familienvater, dessen Vertrag noch ein Jahr läuft bei den Hessen, kam bei 46 Pflichtspielen auf 13 Torbeteiligungen, neun Tore und vier Vorlagen. Im Jahr zuvor waren es 19 Beteiligungen, in der Saison 2019/20 ebenfalls 19 (zehn Treffer, neun Assists) und bei seiner Station in Belgien schaffte er in 36 Pflichtspiele sogar 16 eigene Treffer und neun Vorlagen.

Aber natürlich überstrahlt der Europa-League-Gewinn alles. Ohnehin blüht Kamada auf, wenn es um europäische Meriten geht, auch dieses Mal schaffte er es, fünf der 21 Treffer zu erzielen, womit er auf Platz drei der Torjägerliste kam, nur drei Akteure trafen in der Europa League häufiger. Nicht umsonst trägt er den Spitznamen „Euro-Daichi“. Das Kuriose daran: Tatsächlich hat der Nationalspieler, der erst vor wenigen Tagen beim 4:1-Erfolg Japans gegen Paraguay eine Galavorstellung zeigte (ein Tor, zwei Beteiligungen), gerade vor dem Tor deutlich Luft nach oben, häufig befällt ihm beim Abschluss eine seltsame Schwäche, die so gar nicht zu seiner sonstigen Spielweise zu passen scheint..

Ronald Reng schaut da großzügig drüber hinweg und flechtet seinem Lieblingsspieler einen letzten Kranz: „Ihm zuzuschauen, macht mich einfach glücklich.“

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