Da durfte er noch mitspielen: Eintracht-Abwehrkante Martin Hintereegeer (links), hier gegen den Leipziger Yussuf Poulsen.
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Da durfte er noch mitspielen: Eintracht-Abwehrkante Martin Hinteregger (links), hier gegen den Leipziger Yussuf Poulsen.

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Eintracht Frankfurt: Martin Hinteregger nicht in Top-Form - und deshalb aktuell nur auf der Bank

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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Eintracht-Kultspieler Martin Hinteregger sitzt zurzeit draußen bei Eintracht Frankfurt, wofür es gute Gründe gibt - Comeback in Istanbul?

Frankfurt - Die erwartbare Erkundigung nach der Kultfigur umschiffte Eintracht-Trainer Oliver Glasner einfach und moderierte sie locker ab. Die Frage lautete frei übersetzt: Was ist denn eigentlich mit dem guten alten Martin Hinteregger los, wieso darf er denn jetzt die Spiele nur noch von der Ersatzbank aus verfolgen, schließlich ist der Hinti ja der Hinti, in Frankfurt also ein Matador mit Heldenstatus. Und ja klar, ein guter Verteidiger ist er auch, einer von internationalem Format.

Glasner fand die Einlassung direkt nach der 2:3-Schlappe in Sinsheim nicht ganz so prickelnd, reagierte aber souverän. „Wir sollten über das Spiel sprechen und die Spieler, die gespielt haben“, hob er an und präzisierte dann das, was offensichtlich ist: „Die Dreierkette hat es sehr, sehr gut gemacht die letzten Wochen. Deshalb habe ich mich entschieden, sie so beisammen zu lassen.“ Eine mehr als plausible Begründung. Und genau deshalb taugt das Thema Hinteregger nicht zum Politikum. Eigentlich.

Eintracht Frankfurt: Kein Freifahrtschein

Klar ist aber auch, dass der 29-Jährige über die aktuelle Situation nicht glücklich ist und in Frankfurt einen besonderen Stellenwert genießt. Von den Fans wird er verehrt, weil er eben so ist, wie er ist, authentisch, zum Anfassen, nicht aalglatt und stromlinienförmig, sondern durchaus etwas eigen. Und man darf, siehe oben, nicht vergessen: In Topform gehört der österreichische Nationalspieler sicher zur gehobenen Bundesligaklasse. Doch Hinteregger ist nicht in Topform, seit Saisonbeginn nicht, zuweilen wirkte er seltsam lethargisch und abwesend.

Vielleicht lag das an der kurzen Sommerpause, schließlich war er für sein Heimatland ja noch bei der Europameisterschaft im Einsatz. Topfit hat er seinen Dienst in Frankfurt jedenfalls nicht angetreten, austrainiert sieht anders aus. Und dann war da noch die Geschichte mit der Schulter, in der zwei Bänder gerissen waren. Normalerweise fällt ein Sportler damit aus, die unverwüstliche Abwehrkante aber biss auf die Zähne, warf sich genügend Medikamente ein und stellte sich in den Dienst der Mannschaft – trotzt massiver Schmerzen. Das ehrt ihn und zeigt, aus welchem Holz der urige Kärntner geschnitzt ist. Doch in bester Verfassung war er natürlich nicht.

Vor der Partie gegen den SC Freiburg verletzte er sich zu allem Überfluss auch noch am Knöchel, weshalb er die Pause bekam, die der Immerspieler sehr wahrscheinlich ohnehin mal gebraucht hat; die stetigen Belastungen waren einfach zu viel – für den Körper und auch für den Kopf.

Trainer Glasner installierte für den unpässlichen Abwehrkopf den japanischen Altmeister Makoto Hasebe als Libero, was ein cleverer Schachzug war. Prompt holte die Eintracht nicht nur drei Siege am Stück, sondern steigerte sich auch spielerisch um ein Vielfaches. Das liegt in erster Linie an der fußballerischen Klasse und der Spielintelligenz des Routiniers Hasebe.

Eintracht Frankfurt: Lob für Hasebe

„Makoto ist ein Schlüssel für die Art, wie wir Fußball spielen“, sagte Sportvorstand Markus Krösche. An der Seite des 37-Jährigen reiften auch die jungen Tuta sowie Evan Ndicka und fanden zu neuer Stärke. Kurzum: Der Defensivverbund harmonierte und stand stabil, weshalb es für den Coach gar keinen Grund gab, etwas zu verändern. Leidtragender: Martin Hinteregger. Der steckt in einem Dilemma.

„Hinti ist natürlich ein wichtiger Spieler für uns. Momentan spielt er nicht so oft, aber das ist nicht dem geschuldet, dass er nicht so gut ist, sondern dem, dass die anderen es gut gemacht haben“, sagt Sportchef Krösche. Genau das trifft des Pudels Kern: Glasners völlig nachvollziehbare und richtige Entscheidung ist ja keine gegen seinen Landsmann, sondern für die Spieler, die zumindest drei Spiele lang einen herausragend guten Job verrichtet haben. In Hoffenheim klappte das dann nicht mehr ganz so gut.

Generell, findet Krösche, müsse Hinteregger die Situation annehmen und sich auch über das Training anbieten. Einen Freifahrtschein gibt es selbst für solch einen verdienten Spieler nicht, was auch absurd wäre und das Leistungsprinzip außer Kraft setzen würde. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, stellt Krösche klar. „Er muss auf seine Möglichkeiten warten. Wir haben ja noch viele Spiele.“

Überraschend wäre es nicht, wenn der frühere Augsburger schon am Donnerstag (18.45 Uhr/RTL +) im letzten Europa-League-Gruppenspiel bei Fenerbahce Istanbul zum Einsatz kommen würde. Zum einen könnte Hasebe sicherlich mal eine Pause vertragen, zum anderen wäre das Spiel im Hexenkessel am Bosporus genau das richtige für den kernigen Typen Hinteregger, der in heißen, hitzigen Partien oftmals über sich hinauswächst. In Istanbul geht es um den Gruppensieg und die direkte Qualifikation fürs Achtelfinale.

Bei „normalen“ Begegnungen gegen ein Leichtgewicht der Liga kann es schon mal passieren, dass ein kleines Motivationsloch aufreißt und er nicht so auf Touren kommt. Hinteregger braucht den Kick, das Adrenalin und einen entsprechenden Gegner für seine bestmögliche Performance. Bis heute unvergessen ist der gladiatorische Abnutzungskampf gegen Chelsea-Stürmer Olivier Giroud.

Eintracht Frankfurt: Hase und Hinti? Eher nicht

In jedem Fall wird sich der erfahrene Defensivakteur steigern und sein Spiel an die veränderten Anforderungen anpassen müssen, die vielen langen Bälle sollte er aus seinem Repertoire verbannen, sie entsprechen nicht der Idee, wie die Eintracht ihr Spiel aufziehen will. „Für die Art, wie wir spielen wollen und für die Spieler, die wir haben, sind lange Bälle nicht optimal“, wirft Krösche ein. Hinteregger kann auch scharfe Flachpässe durchs Mittelfeld spielen, er muss es nur tun.

Ex-Trainer Adi Hütter, zurzeit arg gebeutelt in Gladbach, fühlte sich übrigens immer am wohlsten, wenn Hasebe und Hinteregger gemeinsam auf dem Feld standen, weil dann der Spielaufbau um Klassen besser gewesen sei. Das Problem damals wie heute: Dann müsste entweder der formstarke und ohnehin im Schaufenster stehende Evan Ndicka weichen (höchst unwahrscheinlich) oder einer der Linksfüßer (Hinteregger oder Ndicka) auf der rechten Seite an Stelle von Tuta verteidigen. Das mögen die meisten Fußballlehrer nicht. So wird es wohl über kurz oder lang heißen: Hasebe oder Hinteregger. Es kann nur einen geben. (Ingo Durstewitz)

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