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Eintracht Frankfurt: Der Fall Hinteregger und seine Folgen

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Von: Ingo Durstewitz

Martin Hinteregger hat seine Karriere beendet. Dies könnte sich auch auf die Transferaktivitäten von Eintracht Frankfurt auswirken.

Frankfurt – Martin Hinteregger kehrt dem Fußballgeschäft den Rücken zu und hinterlässt bei Eintracht Frankfurt eine Lücke. Sollte auch Evan Ndicka gehen, muss noch ein neuer Verteidiger her.

Es war die allumfassende Leere, die jeden noch so großen Sieg irgendwie hat schrumpfen lassen, die ihn zerstört hat. Gerade, wenn die Eintracht-Mitspieler, so etwas wie die Ersatzfamilie, die Kabine verlassen haben und Martin Hinteregger die Einsamkeit überfiel. „Wenn ich privat nach Hause gekommen bin, war ich nicht mehr ganz so glücklich“, sagt der 29-Jährige, der eines Tages für sich entschieden hat, auszubrechen aus diesem erbarmungslosen Geschäft, das ihn geschafft, das ihn gebrochen hat.

Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt: Karriereende mit nicht mal 30

Im Herbst, als er einige Spiele verpasste, habe er gefühlt, „wie schön das Leben sein kann, wenn du keinen Druck hast. Da fingen die ersten Gedanken an“. Die ans Karriereende. Mit nicht mal 30. Natürlich, das erzählte er jetzt in einem bewegenden Interview mit dem klubeigenen TV, habe er sich gefragt: „Warum ist das so, was ist passiert mit mir?“ Er habe auch einige Wochen gehadert und gekämpft und sich gefragt: „Ist es richtig?“ Doch je mehr Zeit verging, desto fester stand sein Entschluss. Feierabend. Er konnte nicht mehr. Eine weitere Saison? „Das wäre sehr, sehr schwer geworden, nahezu unmöglich.“ Deshalb sei er jetzt „sehr, sehr happy“, einen Schlussstrich zu ziehen und ein neues Leben zu beginnen.

Und klar spielte auch mit hinein, dass die Eintracht ihm mitgeteilt hatte, dass er zu den Verkaufskandidaten zählt, sollte ein Angebot reinflattern. Für Hinteregger so etwas wie ein Liebesentzug. „Es ist vieles in die Brüche gegangen“, sagte er vor einigen Wochen.

Eintracht Frankfurt: Hinteregger wollte nicht mehr unter ständiger Beobachtung stehen

Grundsätzlich aber ist der Spieler mit den Anforderungen der Branche nicht mehr klar gekommen, der Wunsch, einfach wie ein normaler Mensch zu leben, nicht durchleuchtet, nicht unterm Brennglas, nahm zu. Auch mal um die Hauser ziehen und ein Bier zu viel trinken zu wollen. Für einen Profisportler ist das nicht drin. Oder zumindest nicht in dem Maße.

Der kernige Typ mit dem weichen Kern hat immer schon an der Grenze gelebt und sie auch mal überschritten, die Eintracht-Verantwortlichen haben häufiger ein Auge zugedrückt, über Disziplinlosigkeiten hinweggesehen. Sie haben vieles toleriert, was eigentlich nicht tolerierbar ist, doch es ging halt um Hinti, den etwas anderen Spieler, den etwas anderen Menschen, aus dem viele nicht so richtig schlau wurden.

Martin Hinteregger beendet mit sofortiger Wirkung seine Karriere bei Eintracht Frankfurt.
Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt hat seine Karriere beendet. (Archivbild) © Francesco Scaccianoce/Imago

Die Eintracht hat sich in dieser Angelegenheit korrekt verhalten, indem sie dem Wunsch nach einer geräuschlosen Vertragsauflösung nachgekommen ist. Denn wenn einer nicht mehr kann, dann kann er nicht mehr, und Hinteregger konnte nicht mehr. Die Gesundheit geht vor.

Fall Hinteregger wäre für Eintracht Frankfurt noch kompliziert geworden

Sportvorstand Markus Krösche, das gehört auch zur Wahrheit, ist damit erspart geblieben, den kniffligen Fall Hinteregger irgendwie zu lösen, so dass es allen gerecht wird und alle ihr Gesicht wahren können. Denn den Verantwortlichen war im Grunde klar, dass es mit dem Verteidiger nicht mehr weitergehen würde, was die Gemengelage vor dem Hintergrund seiner ungebrochenen Popularität und seiner unzweifelhaften sportlichen Befähigung nur noch komplizierter machte. Doch zu viel ist vorgefallen, zuletzt die Verbindung zu einem Rechtspopulisten, von dem sich Hinteregger zwar distanzierte, aber mit einer aufrichtigen Entschuldigung quasi bis zu seinem Abschiedsstatement wartete. Auch das Verhältnis zu Trainer Oliver Glasner, der seinen Landsmann immer stützte, war zum Schluss belastet. Im Nachhinein wird einiges klarer, auch, weshalb der Spieler für die Frankfurter Bosse tagelang nicht erreichbar war. Da hatte er schon abgeschlossen.

Die Eintracht hätte es im Normalfall wahrscheinlich erst einmal mit einer letzten Warnung versucht, den Abwehrspieler zunächst integriert, um ihn dann gegen eine Entschädigungssumme an einen anderen Verein abzugeben. Denn ein Spieler, auch wenn es sich kalt anhört, ist in diesem hochgezüchtete Business vor allem Kapital. Zur Verdeutlichung: Vor drei Jahren hat die Eintracht für den Österreicher zwölf Millionen Euro an den FC Augsburg überwiesen – nun geht sie leer aus. Die Frankfurter haben den Fußballer seinerzeit übrigens nur aus der Fuggerstadt loseisen können, weil Hinteregger dem FCA-Manager Stefan Reuter auf den Kopf zusagte, er werde seine Laufbahn beenden, wenn er ihn nicht nach Frankfurt gehen lasse. Reuter spürte ganz genau, dass es Hinteregger ernst meinte.

„Wenn ich privat nach Hause gekommen bin, war ich nicht mehr ganz so glücklich“: Martin Hinteregger.
„Wenn ich privat nach Hause gekommen bin, war ich nicht mehr ganz so glücklich“: Martin Hinteregger. © Imago

Die Eintracht verliert, vom menschlichen und wirtschaftlichen Aspekt abgesehen, sportlich einen Topspieler, ihren Abwehrchef. Die Frage wird sein, wie sie diesen Verlust auffangen will und kann. Denn in Bestform gehörte der Kärtner zu den besten Innenverteidigern der Liga, Ex-Trainer Adi Hütter attestierte ihm mehrfach Champions-League-Niveau.

Den Eintracht-Fans wird ihr Hinti fehlen

Und er wird auch emotional fehlen, als Einpeitscher und absoluter Publikumsliebling, die Fans feierten ihren Hinti quasi bei jeder Grätsche frenetisch ab. Unvergessen auch seine packenden Kolossduelle gegen Chelseas Olivier Giroud. Oder das mit letztem Willen erzwungene Ausgleichstor gegen Betis Sevilla im Achtelfinalrückspiel der Europa League, das den späteren Triumph erst möglich machte und der Eintracht zwei Jahrhundertspiele gegen den FC Barcelona ermöglichte. In beiden Partien gegen den Weltklub performte Hinteregger überragend, war nah dran an der Weltklasse. In Camp Nou feierte er lange nach dem Abpfiff alleine mit den Fans. Da ahnte er schon, das wird es nicht mehr oft geben.

Die Eintracht steht gerade dann vor einer schwierigen Aufgabe, wenn auch Evan Ndicka den Verein verlassen sollte. Dann würde sie auf einen Schlag zwei erstklassige Verteidiger verlieren, beide Linksfüßer übrigens. Dann müsste sie, obwohl sie nominell genügend Abwehrmänner beschäftigt, auf dem Transfermarkt zuschlagen. Dringend sogar.

Und Martin Hinteregger? Der wird sich in seinen Helikopter setzen und ein neues Leben beginnen. Vielleicht spielt er auch noch ein bisschen Fußball, als Torjäger dann. „Nach meiner Profikarriere würde ich nur noch für meine SGA Sirnitz in der Unterliga stürmen“, sagte er kürzlich. Der Tag ist schneller gekommen als gedacht. (Ingo Durstewitz)

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