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Die Kraft der zweiten Reihe

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Von: Daniel Schmitt

Selbst Eintracht-Ersatzleute wie Hauge, Paciencia, Lammers und Co. haben ihren (kleinen) Anteil am Frankfurter Titelgewinn

Sevilla ‒ Inmitten der nächtlichen Feierlichkeiten, auf der Busfahrt zurück vom Estadio Ramón Sánchez Pizjuán ins Mannschaftshotel, wurde Erik Durm, der Ersatzmann vom Ersatzmann bei Eintracht Frankfurt, mal eben kräftig Hops genommen von den Kollegen. Nicht bösartig, dafür war die Stimmung viel zu ausgelassen, auch bei Erik Durm natürlich, eher pfiffig-charmant. Timothy Chandler also, der Spaßvogel unter den Spaßvögeln im Team des hessischen Fußballklubs, fragte seinen Kameraden freundlich, ob er denn überhaupt noch wisse, wohin mit all dem von Durm errungenen Edelmetall. Oder, so Chandler nun laut flachsend und mit der Medaille um den Hals, „am besten richtest du dir gleich ein extra Zimmer für all das Zeug ein.“

Man muss dazu wissen: Erik Durm, 30 Jahre alt, darf sich neuerdings nicht nur Europa-League-Sieger 2022 nennen, sondern auch deutscher Pokalsieger 2017, zweifacher nationaler Supercupsieger 2014 und 2015 sowie, na klar, Weltmeister 2014. Der ruhige, nette Kerl aus Pirmasens ist ganz offensichtlich ein Garant für sportlichen Erfolg, ohne dass er - so ehrlich muss man sein - bei den allermeisten seiner Titel eine sonderlich große Rolle auf dem Rasen gespielt hätte. Auch beim Triumph gegen die Glasgow Rangers nicht, Durm war ja nicht einmal für den Europapokal-Kader der Eintracht nominiert worden.

„Es waren immer alle positiv.“

Oliver Glasner über die Ersatzspieler

Oliver Glasner aber, der Eintracht-Trainer, hob im Anschluss an das Märchen von Sevilla, bewusst solche Leute wie Durm hervor, jene also, die fast nie spielen und dennoch wichtig sind fürs Binnenklima. „Es waren immer alle positiv“, sagte Trainer Glasner, „obwohl manche nicht mal nominiert waren für unseren Kader. Sie waren trotzdem immer bei der Mannschaft.“ Immer mit auf Reisen.

Ersatzspieler mit wichtiger Rolle bei Eintracht Frankfurt

Fernab dieses weichen Gute-Laune-Faktors oder manch sportlicher Bundesliga-Entlastung für die Stammkräfte in den anstrengenden letzten Wochen - es seien Spieler wie Stefan Ilsanker, Ajdin Hrustic oder Ragnar Ache genannt - haben doch tatsächlich mehr Ergänzungsspieler als auf den ersten Blick ersichtlich ihren (kleinen) Anteil am Frankfurter Titelgewinn.

Mit dem Cup in der Hand: Timothy Chandler.
Mit dem Cup in der Hand: Timothy Chandler. © PA Images/Imago Images

Erinnert sei zum Beispiel ans erste internationale Eintracht-Spiel der Runde, lang ist’s her, September 2021. Dort also schoss Sam Lammers, längst vergessener und bald wieder aus Frankfurt verschwundener Stürmer, die Eintracht zum 1:1-Unentschieden gegen Fenerbahce Istanbul. Oder Goncalo Paciencia. Der Angreifer fiel nicht nur als Taktgeber des Party-Marathons auf, sondern ebenfalls als Torschütze. In Antwerpen, zweites Europa-Spiel, verwandelte der Portugiese in der Schlussminute den siegbringenden Elfmeter zum 1:0, um dann im Rückspiel gegen die Belgier ebenfalls in der Nachspielzeit den 2:2-Ausgleich zu köpfen.

Beim Feiern vorn dabei: Goncalo Paciencia.
Beim Feiern vorn dabei: Goncalo Paciencia. © AFP

Eintracht Frankfurt hat sichere Elfmeterschützen

Weitere Beispiele gefällig? Kein Problem. Christopher Lenz, gefühlt immer verletzt und daher nur in zwei Europa-League-Spielen im Einsatz, behielt ebenso wie Kollege Hrustic im Hexenkessel zu Sevilla die Nerven. Kurz zuvor eingewechselt verwandelten beide ihre Elfmeter präzise wie sicher. Almamy Touré half mehrfach in dieser Saison als Vertreter in der Verteidigung aus, besonders herausragend in großen Camp Nou gegen den riesigen FC Barcelona.

Verwandelt seinen Elfmeter: Christopher Lenz.
Verwandelt seinen Elfmeter: Christopher Lenz. © AFP

Selbst die unstete Offensivkraft Jens Petter Hauge, der zwar am Mittwoch gegen die Rangers nach seiner Einwechslung für den müden Jesper Lindström einen mehr als unglücklichen Auftritt hinlegte und etliche Bälle leichtfertig an den Gegner weitergab, hatte im europäischen Saisonverlauf seine wichtigen, entscheidenden Momente. In Piräus, Anfang November 2021, vollendete der Norweger ebenfalls kurz vor Ultimo einen Konter der Eintracht zum 2:1-Erfolg. Der Anstoß für den Positivlauf bis zur Winterpause.

Das Fazit des stolzen Trainers Oliver Glasner über seine zweite und dritte Reihe an Profis fiel entsprechend aus: „Wir brauchen jeden, um solch ein Spiel zu gewinnen.“ Und um solch einen Titel nach Frankfurt zu holen. (Daniel Schmitt)

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