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Hinti in Erklärungsnot

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Von: Daniel Schmitt, Ingo Durstewitz

Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt
Martin Hinteregger – der etwas andere Profi. © Revierfoto / Imago Images

Fiasko statt Fußballfest: Eintracht-Profi Martin Hinteregger steht in den Schlagzeilen, weil er eine geschäftliche Beziehung zu einem Rechtsextremen unterhielt.

Frankfurt – Keine 300 Einwohner:innen zählt das beschauliche Örtchen Sirnitz in Österreich, da kennt jeder jeden aus dem Effeff, und umgekehrt, möchte man meinen - geht es nach Martin Hinteregger, aufgewachsen und auch mit 29 Jahren noch heimisch im Dorf in Kärnten, ist dies jedoch nicht in Gänze der Fall. Jedenfalls habe er, der Fußballprofi von Bundesligist Eintracht Frankfurt, „keine Kenntnisse über vergangene oder zukünftige Aktivitäten seitens der Familie Sickl“.

Die Familie Sickl, ebenfalls aus Sirnitz stammend, ist in Österreich eine nicht ganz unbekannte. So war Elisabeth Sickl, mittlerweile 82 Jahre alt, einst Abgeordnete für die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) im Kärtner Landtag, später sogar Bundesministerin. Ihr Sohn, Ex-FPÖ-Gemeinderat Heinrich Sickl, schlug ebenfalls den politischen Karriereweg ein, ihm wird eine deutliche Nähe zum rechten Milieu nachgesagt.

Eintracht Frankfurt: Martin Hinteregger organisiert Fiasko statt Fußballfest

Was geradewegs zum Problem führt: Denn Martin Hinteregger und Heinrich Sickl haben gemeinsam ein Hobbyfußballturnier geplant, den „Hinti-Cup“. Der aktuelle Stand der für die zwischen dem 16. und 19. Juni avisierten Veranstaltung: Fiasko statt Fußballfest. Bis gestern befand sich Hinteregger in einer geschäftlichen Beziehung mit Sickl junior. Das deckten Recherchen des Freien Journalisten Michael Bonvalot auf.

Demnach sei Sickl gleichberechtigter Gesellschafter der „Hinti Event GmbH“, über die der Verteidiger als weiterer Gesellschafter das Hobbyturnier organisiert hat. „Die GmbH wurde von drei gleichberechtigen Gesellschafter:innen gegründet, die jeweils 12 000 Euro eingebracht haben: Martin Hinteregger, einer Gastronomin – und FPÖ-Mann Heinrich Sickl“, schreibt Bonvalot. Mit dem „Hinti-Cup“, bei dem auch Musikacts geplant sind, wollte sich der Frankfurter Europapokalsieger bei seinen Fans für die Unterstützung bedanken. Ein Veranstaltungsort sollte auch das Schloss Albeck ein, dessen Besitzerin Elisabeth Sickl ist.

Martin Hinteregger von Eintracht Frankfurt wehrt sich in Statement

Hinteregger wehrte sich in einem am Donnerstagmittag veröffentlichten Statement auf Instagram entschieden gegen Vorwürfe des Rechtsradikalismus. Es sei „unglaublich“, dass ein Unbekannter, der namentlich nicht genannte Michael Bonvalot, solche Dinge über ihn behaupte. Er wie die Familie Sickl seien in Sirnitz verwurzelt, da sei es „naheliegend“, das Anwesen Schloss Albeck als Location zu nutzen. Und weiter: Er wolle lediglich ein Fußballturnier ausrichten, „mehr nicht“.

Die Geschäftsbeziehung zu Heinrich Sickl brach Hinteregger nach Veröffentlichung des Artikels ab, auch die Austragung des Turniers werde geprüft, hieß es. Hinteregger abschließend in seinem Statement: „Ich weise Anschuldigungen, dass ich rechts orientiert bin, klar ab und setze mich weiter gegen jegliche Art der Diskriminierung ein.“ Sickl teilte derweil mit, dass die medialen Anschuldigungen ein demokratiepolitischer Skandal seien und ihn betroffen machten. Er sprach von Hetze gegen seine Person, die er als Mensch wie auch als politisch aktiver Bürger auf das Schärfste zurückweise.

Da war die Welt noch heile: Peter Fischer (r.) mit Pokal, Martin Hinteregger mit Medaille – jetzt sorgt der Spieler wieder für Aufruhr. imago images
Da war die Welt noch heile: Peter Fischer (r.) mit Pokal, Martin Hinteregger mit Medaille – jetzt sorgt der Spieler wieder für Aufruhr. © Jan Huebner / Imago Images

Den Stein ins Rollen gebracht hatte, wie erwähnt, der Journalist Bonvalot. Der Reporter, der unter anderem auch schon beim „Spiegel“, dem ORF oder der „Wiener Zeitung“ veröffentlicht hat, verfolgt das Treiben des Heinrich Sickl seit vielen Jahren. „Er ist ein Rechtsextremer mit engster Verbindung zum Neo-Faschismus“, sagt Bonvalot im Gespräch mit der FR. Sickl sei in Österreich sehr wohl bekannt, zumindest auf politischem Parkett. „Wer sich im politischen Geschehen auskennt, wird von ihm gehört haben. Er gehört der zweiten Reihe der FPÖ an“, sagt der Journalist. Die FPÖ, über die er 2017 ein Buch veröffentlich hat („Partei der Reichen“), setzt er mit der deutschen AfD gleich. „Das ist die gleiche Suppe.“

Weshalb sich Hinteregger, der laut Autor ebenso wie die Eintracht 24 Stunden vor Veröffentlichung des Artikels eine Anfrage zur Stellungnahme erhalten habe, die jeweils unbeantwortet geblieben sei, geschäftlich mit Sickl einließ, vermag Bonvalot nicht zu sagen. „Jugendfreunde sind es eher nicht, vielleicht kommt die Verbindung über den Vater zustande. Da kann ich nur mutmaßen.“ Klar ist für ihn: „Sirnitz ist ein kleiner Ort. Da kennen sich alle.“

Besondere Brisanz erhält die Causa dadurch, dass es sich bei Hintereggers Arbeitgeber um die Eintracht handelt. Der Klub ist zu Recht stolz auf seine weltoffene Haltung. Schon vor 30 Jahren brachten die Fans mit dem Aktionsshirt „United Colors of Bembeltown“ ihre antirassistische Haltung zum Ausdruck. Auch die aktuelle Mannschaft zählt 16 verschiedene Nationen im Kader.

Kommentar

Causa Hinteregger: Eine unheilvolle Verquickung

Und da wäre natürlich noch der Präsident, Peter Fischer, der Vorzeigemann des deutschen Profifußballs, wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus geht. Erst Ende Mai wieder rief der 66-Jährige auf einer Veranstaltung in Hanau, dem „Abend der Demokratie“, den Gästen entgegen: „Ich will euch radikalisieren, lauter zu werden gegen die Drecksäcke von rechts.“

Fischer, ausgezeichnet mit dem Fair-Play-Preis des deutschen Sports sowie der renommierten Buber-Rosenzweig-Medaille, tritt seit Jahren in der Öffentlichkeit lautstark für die Werte der Eintracht auf, legte sich vielbeachtet mit der AfD an und zeigte klare Kante nach dem rechtsterroristischen Anschlag von Hanau. Ohnehin ist die Frankfurter Fanszene mehrheitlich dem linken Spektrum zuzuordnen. Gerade die Ultras sollen nach Bekanntwerden von Hintereggers Verbindung zu FPÖ-Mann Sickl in heller Aufruhr sein.

Martin Hinteregger: Karriereende – oder Wechsel zu Eintracht Frankfurt

Dass Martin Hinteregger ein etwas anderer Fußballprofi ist, ist kein Geheimnis. Er fährt schon mal einen Fan nach Hause oder lädt ihn nach Hause auf ein kühles Blondes ein. Er zieht gerne um die Häuser, taucht seine Siegermedaille ins Bier und schleckt sie ab. Er wankt über die Straße und fliegt anderntags einen Helikopter – mit ihm selbst als Pilot am Steuerknüppel. In Augsburg ist er mit dem Eintracht-Rucksack zum Training gekommen, ist im Trainingslager über ein Altstadtfest getorkelt, er schreibt Bücher, in denen sich vieles um Alkohol dreht. Er drohte FCA-Manager Stefan Reuter damit, seine Karriere zu beenden, wenn er ihn nicht nach Frankfurt gehen lasse.

Auch bei der Eintracht drehte sich zuletzt viel um den Verteidiger. Erst wurde ihm von Vereinsseite ein Abgang in diesem Sommer nahegelegt, Hinteregger bereits auf dem Markt angeboten. Nach einem Gespräch mit Cheftrainer Oliver Glasner sollte der 29-Jährige dann doch bleiben, worüber er zwar froh war, medial aber nachkartete („In diesem Jahr ist sehr viel in die Brüche gegangen“). Nun also noch die geschäftliche Verstrickung von Hinteregger mit Sickl. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt?

Die Eintracht wartete am Donnerstag bis um 17.45 Uhr, ehe sie eine Stellungnahme abgab. Sie hatte zuvor vergeblich versucht, Hinteregger zu erreichen, konnte nur mit dessen Berater sprechen. Das lässt tief blicken. Der Klub habe keine Kenntnis von Inhalt und Form der Geschäftsbeziehung zwischen Hinteregger und Sickl gehabt, hieß es, der „Hinti-Cup“ sei „vollständig selbständig und in Eigenregie geplant und gestaltet“ worden. „Die nun zu Tage getretene geschäftliche und gesellschaftsrechtliche Nähe zu einem Vertreter des rechten politischen Spektrums in Österreich verlangt eine klare Distanzierung“, schrieb der Verein, der für Toleranz, Weltoffenheit und Internationalität steht. „Diese Haltung wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu einem klaren Leitbild des Klubs“ und sei ein „nicht verhandelbares Grundprinzip“.

Wer das Eintracht-Trikot trage, könne nicht eine bewusste Geschäftsbeziehung zu einer Person eingehen, die für Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus und gesellschaftliche Spaltung stehe. Die Eintracht habe aber keine Zweifel daran, dass Hinteregger zwar ein heimatverbundener, aber auch ein weltoffener und toleranter Charakter sei, „dem Diskriminierung fremd ist“.

Wie es nun mit Hinteregger bei der Eintracht weitergeht? Dazu äußerten sich die Frankfurter nicht, aber klar ist: Das Tischtuch ist zerschnitten, der Verein würde den Spieler liebend gerne abgeben, es ist zu viel vorgefallen und es geht um zu viel Geld. Irgendwann läuft das Fass halt über. (Daniel Schmitt, Ingo Durstewitz)

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