Frankfurter Jubeltraube.
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Erfolg in Dortmund

„Ein ganz, ganz großer Sieg“: Eintracht Frankfurt vor Einzug in Champions League

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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  • Daniel Schmitt
    Daniel Schmitt
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Eintracht Frankfurt marschiert nach einem 2:1-Erfolg beim direkten Konkurrenten Borussia Dortmund in Siebenmeilenstiefeln auf die Champions League zu.

Von Harsewinkel im Ostwestfälischen ins Dortmunder Stadion sind es rund 100 Kilometer, eine gute Stunde Autofahrt, und die hat Heribert Bruchhagen auf sich genommen, um „das beste Auswärtsspiel der Eintracht in Dortmund“ zu sehen, seit er mit den Hessen reist. Das tut der frühere, langjährige Vorstandsvorsitzende aktuell nicht mehr so häufig, aber ab und an wird er von der Eintracht-Entourage zu Spielen eingeladen, meist in Frankfurt, und Bruchhagen, der die Verbindung zum alten Klub nie hat abreißen lassen, nimmt diese Einladungen immer sehr gerne an. Er hängt halt noch an der Eintracht.

Eintracht Frankfurt: Platz an der Sonne keine Sensation

Nun schwingt sich sein Ex-Arbeitgeber allen Ernstes und voller Selbstvertrauen auf, geradewegs in die Champions League zu stürmen. Das wäre ein absolutes Novum in der Historie des Vereins, noch nie war dem Traditionsklub der Sprung in die sehr lukrative Königsklasse gelungen. Doch nach einem wahrlich nicht unverdienten 2:1 (1:1)-Triumph beim direkten Konkurrenten um den Platz an der Sonne, bei Borussia Dortmund, ist dieser Coup inzwischen mit Händen zu greifen. Und: Es wäre wirklich keine Sensation mehr.

Seppl Rode: „Unser Champions League-Traum lebt, absolut“

Der mit unglaublicher Leidenschaft, unbändigem Willen, aber auch mit spielerischem Witz in einem, wie so häufig, wilden Spiel mit offenem Visier errungenen Sieg wurde hinterher allenthalben als Meilenstein gewertet, als „großer Schritt“ (Trainer Adi Hütter) auf dem Weg zu etwas „Außergewöhnlichem“, man habe eine „Message“ (Djibril Sow) ausgesandt, ein Statement gesetzt.

Es war ja in der Tat ein vorweggenommenes Endspiel um die Champions League, mehr für die Dortmunder, die sich nun (gemeinsam mit Bayer Leverkusen) schon sieben Punkte hinter Eintracht Frankfurt verorten lassen müssen, sieben Punkte bei noch sieben ausstehenden Spielen: das ist schon so etwas wie eine kleine Vorentscheidung. „Das war heute“, fasste der scheidende Sportvorstand Fredi Bobic diese mitreißenden, aufregenden 90 Minuten zusammen, „ein ganz, ganz großer Sieg“. Frankfurts Mittelfeldackerer Sebastian Rode, der genau zum richtigen Zeitpunkt zu seiner alten, nimmermüden Form zurück gefunden hat, brachte es auf den Punkt: „Unser Champions League-Traum lebt, absolut“, jetzt gelte es, „dieses Polster zu verteidigen und auf „Biegen und Brechen durchzuhalten“.

Klares Statement von Eintracht Frankfurt

In der Tat: Eintracht Frankfurt hat ein deutliches Zeichen gesetzt, dieser nicht erwartete Dreier war ein Paukenschlag und eine klare Ansage an die Konkurrenz: Diesen Platz will man in Frankfurt nicht mehr hergeben. Und es gibt momentan auch wenig Anzeichen dafür, warum dieses Team auf der Zielgerade noch einbrechen sollte.

Eintracht-Profis ignorieren Störfeuer

Auch dafür war das Dortmund-Spiel ein Gradmesser. Angesichts der Störfeuer, die derzeit im Hintergrund lodern, hätte sich kaum jemand wundern brauchen, wenn diese Dinge Einfluss genommen hätten auf die Leistung: Die Hängepartie um den abwanderungswilligen Bobic, die Suche nach einem neuen Chef, der Abgang von Sportdirektor Bruno Hübner und die in den Tagen vor dem Schlüsselspiel aufploppenden Gerüchte, wonach Trainer Hütter, der Architekt des Ganzen, vielleicht doch und entgegen seiner glasklaren Aussagen von vor vier Wochen den Abflug plant. Auch rund um die Partie am Ostersamstag vermied der Fußballlehrer ein eindeutiges Bekenntnis zur Eintracht. „Die Frage ist, ob ich immer Aufklärung betreiben muss, weil ich mich schon öfter geäußert habe“, sagte der 51-Jährige vor dem Spiel, er wolle sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das ist weiterhin das, was die FR bereits zuvor als „Treuebekenntnis light“ umschrieben hat.

Kein Anzeigen, dass Adi Hütter abspringt

Tatsächlich ist es so, dass Borussia Mönchengladbach auf den Frankfurter Trainer mit Vertrag bis 2023 zugegangen ist und die Hütter-Seite hat sich die Abwerbungsgespräche angehört. Der Österreicher hatte aber auch eine längere Unterredung mit der Frankfurter Chefetage mit dem Ergebnis: Es gibt derzeit keine konkreten Anzeichen dafür, dass Hütter abspringen wird, und doch könnte dieser Fall dennoch eintreten. So sind eben die Usancen dieses Geschäfts, man muss mit allem rechnen.

Die Mannschaft funktioniert, sie ist heiß auf die Königsklasse

Viel wichtiger als diese Personalie aber ist: Die Mannschaft lässt dieses Geraune im Hintergrund völlig kalt, darum kümmert sie sich nicht. Offenbar kann sie die Kulissenschieberei komplett ignorieren, sie ist zu 100 Prozent auf das große Ziel fokussiert. Die Mannschaft ist heiß und sie funktioniert, ob mit oder ohne Hütter. Wäre das Team, durch Verletzungen und Sperren ohnehin geschwächt - auf der Ersatzbank nahmen mangels Masse zwei Ersatztorhüter Platz - , labil oder anfällig, hätte es sich nie und nimmer zu einer solchen Energieleistung wie gegen Dortmund aufraffen können.

Für Borussia Dortmund ist die Schlappe „eine Katastrophe“

Um diese Mannschaft muss man sich in der Endphase der Meisterschaft und trotz des schweren Programms (noch gegen Wolfsburg, Gladbach, Leverkusen) keine Sorge machen. Und sowohl die bereits leicht abgeschlagenen Dortmunder (gegen Wolfsburg, Leipzig und Leverkusen), die ein mögliches Verpassen der Champions League unisono als „Katastrophe“ umschrieben, als auch Leverkusen (gegen Bayern, Frankfurt und Dortmund) müssen ihre Hürden ja auch erst einmal aus dem Weg räumen.

Hinteregger und Hasebe werden überhaupt nicht vermisst

Es spricht für die breite Brust der Frankfurter, dass sie mutig und offensiv in dieses Duell gegangen ist. Adi Hütter hatte in André Silva und Luka Jovic zwei Stürmer für die Startelf nominiert, hatte Amin Younes die Schaltzentrale übergeben und dem reisemüden Daichi Kamada eine schöpferische Pause gegönnt. Die Ausfälle von Makoto Hasebe und Martin Hinteregger waren mit dem überragenden Stefan Ilsanker und dem erstaunlich unbekümmert und abgezockt aufspielenden Tuta nahezu gleichwertig ersetzt, ja hinterher war das Fehlen dieser beiden Leistungsträger überhaupt kein Thema mehr.

Als Stefan Ilsanker noch „ein Schäufelchen“ drauflegt

Ilsanker hatte noch „ein Schäufelchen draufgelegt“ (Hütter) und einen der weltbesten Stürmer, Erling Haaland, nahezu komplett „im Griff“ (Bobic), gestattete ihm drei Einschussmöglichkeiten, mehr nicht. Und Tuta, dieser 21 Jahre alte Bengel, kochte auf seiner rechten Seite den alternden und vorzeitig ausgewechselten Marco Reus ab als hätte er nie was anders getan - dabei war dies erst sein zwölftes Bundesligaspiel.

Filip Kostic spielt weiterhin auf Weltklasseniveau

Und es wurde in Dortmund keck und couragiert nach vorne gespielt. Die Eintracht hatte sich diesen Sieg auch durch ein deutliches Plus an klareren Torchancen verdient, allein der permanent auf Weltklasseniveau spielende Filip Kostic hätte neben seinen beiden brillanten Vorlagen zu den Toren, dem Eigentor von Niko Schulz (11.) und dem Lucky Punch von André Silva (87.) auch selbst noch mindestens zwei Treffer beisteuern können.

Die seltsamen Pfiffe des Manuel Gräfe

Das Tüpfelchen auf dem I eines Gala-Tages wäre gewesen, wenn Kostic in der ersten Halbzeit einfach zugegeben hätte, den Ball noch berührt zu haben und es folglich keinen Eckball für die Eintracht hätte geben dürfen. Schiedsrichter Manuel Gräfe, der normalerweise eine partnerschaftliche Spielführung beinahe auf Augenhöhe pflegt, hatte ihn eigens gefragt, Kostic hatte das - wider besseres Wissen - verneint.

Das hat Gräfe offenbar richtig geärgert, denn in der Folgezeit ließ er dem BVB praktisch alles durchgehen und den Hessen nichts mehr, vor allem Amin Younes wurde ständig attackiert und gefoult, ohne dass der Berliner Schiedsrichter eingegriffen hätte. Younes musste nach einer fiesen Beinschere von Mats Hummels, dem Dortmunder Schützen zum zwischenzeitlichen 1:1 (45.), wegen einer Wadenblessur vorsichtshalber in der Kabine bleiben. Gräfes Pfeife blieb auch bei einem Handspiel im Strafraum von Thomas Delaney stumm und bei einem Foul von Hummels an Erik Durm. Das hätte jeweils auch Strafstoß geben können.

In der Halbzeitpause muss Fredi Bobic ein Machtwort sprechen

Diese gewisse, ungewohnte Einseitigkeit des eigentlich angesehenen Unparteiischen war so offensichtlich, dass Eintracht-Vorstand Fredi Bobic in der Pause erzürnt auf Gräfe zuging und ihn auffordern musste, wieder fair zu pfeifen. Aber auch diesen Nachteil steckte Eintracht Frankfurt genauso weg wie die hauchdünne Abseitsentscheidung beim wunderschönen Kopfballtor von Stefan Ilsanker, der sich sekundenlang unglaublich gefreut hatte über den vermeintlichen Treffer. Hinterher sagte der Stopper: „Ich war nicht enttäuscht darüber, dass mein Tor nicht zählte. Ich wusste, dass wir noch ein zweites erzielen.“

Der Schwur von Dortmund

Nach diesem Diadochenkampf standen Kevin Trapp, Sebastian Rode und Adi Hütter noch lange auf dem Rasen beieinander. Was das Triumvirat da im einzelnen besprochen hatte, wollten sie hinterher trotz Nachfrage nicht verraten. „Das bleibt intern.“ Das sah aber schon sehr nach einem Schwur aus, frei nach dem Motto: Diesen vierten Platz geben wir nicht mehr her, wir nicht. (Thomas Kilchenstein und Daniel Schmitt)

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