Djibril Sow macht Meter. Foto: AFP
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Djibril Sow macht Meter.

13:50SGE

Eintracht Frankfurt hat mit dem VfL Wolfsburg noch eine Rechnung offen

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Das verlorene Hinspiel beim VfL Wolfsburg war eine Zäsur für Eintracht Frankfurt. Danach wechselte Trainer Hütter das System. Nun soll mal wieder ein Heimsieg her.

Frankfurt - Auf seiner bald endenden Abschiedstour durch die Bundesliga hat Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner immer noch Großes vor. Der 60-Jährige nennt es: „Etwas Außergewöhnliches erreichen.“ Damit meint er in erster Linie die Zulassung zur Champions League am Ende der Saison, was eine sehr wohl historische Dimension hätte. Aber der Manager kann sich auch über kleine Schritte diebisch freuen, feine Etappensiege nimmt er gerne mit.

Da wäre zum einen der 2:0-Erfolg in Mainz aus dem Januar dieses Jahres: Ein Dreier beim Nachbarn war der Eintracht zuvor noch nie vergönnt gewesen – und auch Bruno Hübner nicht. Oder der jüngste Triumph in Dortmund: Auch da musste für den Sportdirektor erst die letzte Chance kommen, ehe es nach neun erfolglosen Versuchen endlich mit dem ersten Sieg klappte. „In meiner letzten Saison haben wir schon einiges geschafft, was uns zuvor nicht geglückt war“, sagt Hübner lachend.

In diese Reihe passt die seltsame Serie der Eintracht gegen den samstäglichen Widersacher VfL Wolfsburg. Gegen die Niedersachsen haben die Frankfurter eine Heimbilanz zum Fürchten, die letzten vier Begegnungen im Waldstadion gingen allesamt verloren, zu Hause konnte die Eintracht in der zehnjährigen Hübner-Ära nur einmal gegen den VfL die Oberhand behalten, im Januar 2016, ein schmeichelhafter 3:2-Sieg, dreifacher Torschütze: Alex Meier, wer sonst?

Da in der aktuellen Spielzeit aber sowieso alles anders ist als in den Jahren zuvor, machen sich die Frankfurter Hoffnung auf eine Verschönerung der grauenhaften Bilanz. „Vielleicht können wir auch diese Serie ad acta legen“, hofft Trainer Adi Hütter.

Anders ist in 2021 auch, dass die Begegnung am Samstag (15.30 Uhr) das Duell zweier absoluter Topteams mit Champions-League-Ambitionen ist: Wolfsburg grüßt mit 54 Zählern von Platz drei, die Eintracht liegt vier Zähler und einen Rang zurück. „Wir wollen an sie ranrücken, das ist unser klares Ziel“, berichtet der Coach. Platz drei hätte was, „aber es ist auch ratsam, in den Rückspiegel zu schauen“. Dort sind in einiger Entfernung Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen zu erspähen – beide sieben Zähler zurück und nicht eben im Vollgasmodus unterwegs. Wolfsburg und Frankfurt – sicher die größten Überraschungen dieser Runde.

Hütter wird seine Mannschaft mit großer Wahrscheinlichkeit unverändert in das nächste Spitzenspiel schicken: Abwehrchef Martin Hinteregger fällt mit seiner Zerrung weiter aus, soll nach Möglichkeit eine Woche später bei Borussia Mönchengladbach eine Option sein. Dafür hat sich Spielmacher Amin Younes nach Adduktorenproblemen zurückgemeldet. Dass der alte, neue Nationalspieler zuletzt nicht mehr so zündete, findet Trainer Hütter nicht ungewöhnlich: „Auf ihn ist vieles eingeprasselt, er stand voll im Fokus. Und er hat sehr hohe Ansprüche, immer kann man denen nicht standhalten.“

Wenn der 51-Jährige über den Opponenten vom Mittellandkanal spricht, dann hört es sich fast so an, als müsse die Eintracht gegen eine halbe Weltauswahl bestehen. Der VfL sei variabel, diszipliniert, wehrhaft, „schnell in beide Richtungen“, hinten mit hünenhaften Abwehrrecken, zudem mit einem prima Schlussmann, im Mittelfeld mit viel Laufstärke und vorne, ja Freunde, da knipst ja dieser Riese Wout Weghorst, nicht ganz so häufig wie Eintracht-Torjäger André Silva (22 Tore), aber immerhin auch schon 17-mal. Und: Die „Wölfe“ haben in der Rückrunde erst drei Gegentore kassiert. „Eine sehr unangenehme Mannschaft, unglaublich stark.“ Aber, natürlich, nicht unschlagbar. Zumal es die Eintracht auch gegen die Topteams kann, die Bayern, Dortmund und Leverkusen je einmal bezwungen und gegen Leipzig zweimal Remis gespielt hat. „Es ist wichtig, die direkten Duelle für sich zu entscheiden“, findet Hütter, der gerade deshalb den Sieg in Dortmund als „psychologisch unheimlich wichtig“ verortet.

Mit dem VfL Wolfsburg gibt es noch ein paar Verwebungen mehr, denn die 1:2-Niederlage im Hinspiel stellt so etwas wie eine Zäsur dar. Damals enttäuschte die Eintracht mit einer defensiven Taktik, weshalb die seinerzeit ohnehin schon tobende „Mutlos-Debatte“ ihren Höhepunkt fand. Danach stellte der Frankfurter Coach um, baute mehr Fußballer (und die Doppel-Zehn) ein und verschob das Spiel mehr und mehr nach vorne. Mit durchschlagendem Erfolg: In den nachfolgenden 16 Begegnungen holte die Eintracht elf Siege und 37 Punkte, nur die Bayern machten drei Zähler mehr, Wolfsburg vier weniger.

Hütter möchte das in der Autostadt Erlebte zwar nicht ganz so hoch hängen, spricht aber sehr wohl von einem Fingerzeig. „Das war der Grund, warum wir nachgedacht und umgestellt haben.“

Die aktuelle Erfolgsformel sei neben spielerischer und individueller Klasse sowie der Mentalität auch das „unglaublich tolle Mannschaftsklima“. Hütter lobt explizit die Spieler aus dem zweiten Glied, die Druck erzeugten und das Niveau im Training hochhielten. Akteure wie Steven Zuber, Timothy Chandler oder auch Ajdin Hrustic. „Wir holen sie ab, sie sind mit im Boot.“ Keiner fühle sich wie das fünfte Rad am Wagen. Er, Hütter, könne vor dieser Einstellung nur den Hut ziehen. „Das beeindruckt mich.“

Ganz schmallippig wurde der Trainer plötzlich, als er auf seine ungeklärte Zukunft angesprochen wurde. „Ich habe keine Lust, immer etwas dazu zu sagen“, bemerkte er genervt. „Ich will mich nicht immer wiederholen, sondern mich aufs Wesentliche konzentrieren.“ Das Thema sei ohnehin ein geschürtes. „Die Unruhe kommt von außen.“ Kann man so sehen, muss man nicht.

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