Vollstrecker: Rafael Borré (links) schnürt gegen Dortmund einen Doppelpack - seinen ersten in der Bundesliga.
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Vollstrecker: Rafael Borré (links) schnürt gegen Dortmund einen Doppelpack - seinen ersten in der Bundesliga.

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Eintracht Frankfurt: Die guten Aspekte in der bitteren Niederlage

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt bleibt vorne dran, weil die Offensiven Rafael Borré und Jesper Lindström funktionieren.

Frankfurt - Mit einem Leben im Konjunktiv können die Verantwortlichen des Bundesligisten Eintracht Frankfurt nicht allzu viel anfangen, dafür sind sie zu sehr Realisten und zu wenig Träumer. Das was-wäre-wenn-Spielchen läuft ohne die Herren Glasner (Trainer) und Krösche (Sportvorstand) ab. Dass sich die Eintracht also – Achtung Konjunktiv – ganz nah an die Champions-League-Ränge hätte heranrobben können, wenn sie im ersten Spiel des Jahres gegen Borussia Dortmund noch ein paar Minuten länger durchgehalten und nicht noch einen Wirkungstreffer zum 2:2 und den Niederschlag zum 2:3 kassiert hätte – geschenkt. Das wurde im Stadtwald nicht mal thematisiert, der vergebenen Chance nicht lange nachgetrauert.

Es ist, wie es ist, Niederlage statt Sieg, 27 statt 30 Punkte, Platz acht statt Rang fünf. Na und? Die Blitzanalyse ergab schließlich, dass man ja selbst schuld gewesen sei. Und wer so hasenfüßig auftrete wie im zweiten Abschnitt, dürfe sich nicht beschweren. Ende Gelände.

Eintracht Frankfurt: Entwicklung des Spielstils bemerkenswert

Interessant ist aber allemal, dass die Eintracht aus dem Januar 2022 mit der aus dem August 2021 nicht mehr viel gemein hat. Wirkte zu Saisonbeginn vieles abgehackt und gestückelt, alles irgendwie angestrengt und schwerfällig, so ist die Entwicklung des Spielstils bemerkenswert. Am Samstag lief der Ball im ersten Durchgang wie an der Schnur gezogen durch die Reihen, stets war die Mannschaft darum bemüht, fußballerische Lösungen zu finden, oft genug befreite sie sich mit Ein-Kontakt-Kombinationen aus der Bedrängnis und initiierte einen ihrer überfallartigen Gegenangriffe. Die Dortmunder wurden von der Wucht, der Spielstärke und dem Tempo der Hessen überrollt. Nebenbei spulte die Eintracht wieder viele Kilometer ab, 124 insgesamt.

Erst als sich das Team nicht mehr traute, weil es plötzlich etwas zu verlieren hatte und das 2:0 verteidigen wollte, verfiel es in alte Rückzugs-Muster. Diese Verzagtheit, die im Kopf beginnt und den Körper flutet, ist Coach Oliver Glasner ein Dorn im Auge, dort wird er ansetzen.

Und doch: In dieser Verfassung ist mit der Eintracht zu rechnen, es ist ihr zuzutrauen, bis zum Schluss um die Vergabe der internationalen Startplätze ein Wörtchen mitzusprechen. Leicht wird das nicht, weil die Konkurrenz in diesem Jahr breit gefächert ist. Bayer Leverkusen ist der logische und ewige Kandidat für einen der ersten Plätze nach dem designierten Meister Bayern und dem Vize Dortmund, die TSG Hoffenheim spielt zudem eine erstaunliche starke und stabile Saison, mit ihr wird bis zum Schluss zu rechnen sein. Auch der SC Freiburg, Union Berlin und der 1.FC Köln fallen nicht ab – zudem scheint sich Leipzig gefangen zu haben und könnte das Feld von hinten aufrollen – Qualität hat RB zuhauf.

Eintracht Frankfurt: Kann das Niveau gehalten werden?

Vieles wird für die Eintracht davon abhängen, wie sie die kommenden Wochen bestreiten und ob sie ihr Niveau wird halten können. Denn im Vergleich zur Hinrunde könnte sie in den nun folgenden Partien eine Menge Boden gutmachen, auf die Frankfurter warten lösbare Aufgaben: Am Sonntag steht das Gastspiel in Augsburg an, dann kommt Bielefeld nach Frankfurt, ehe es nach Stuttgart, gegen Wolfsburg und nach Köln geht. Fünf Begegnungen, in denen die Eintracht in der Hinserie fünf Punkte holte: 0:0, 1:1, 1:1, 1:1, 1:1. Es waren Spiele, die nicht vergnügungssteuerpflichtig waren.

Mittlerweile aber hat sich die Mannschaft gefunden, gerade offensiv passt vieles zusammen, sie spielt sich deutlich mehr Chancen heraus als noch im ersten Drittel der Spielzeit. Das System mit zwei Sechsern, zwei offensiven Außen, zwei Zehnern und einer Spitze hat sich bewährt – es ist altbekannt in Frankfurt. Und es funktioniert auch deshalb, weil Jesper Lindström der Spieler ist, der mit seinem Tempo und seinem Wagemut dem Spiel etwas Ungezähmtes gibt, eine besondere Note, eine gewisse Wildheit. Es ist kein Zufall, dass der flinke Däne in den letzten vier Spielen im alten Jahr drei Tore selbst machte und für zwei weitere auflegte. Auch gegen Borussia Dortmund bereitete er eine Großchance von Evan Ndicka vor (Pfosten) und war durch seine Schnelligkeit gleich zweimal alleine durchgebrochen, scheiterte aber einmal am Außennetz und ein anderes Mal nach schönem Solo samt Tunnel für Emre Can an BVB-Keeper Gregor Kobel. Umso höher ist das zu bewerten, weil der 21-Jährige durch einen positiven Corona-Test kaum mit der Mannschaft trainiert hatte. Ein Fehlen Lindströms könnte die Eintracht derzeit kaum kompensieren.

Eintracht Frankfurt: Borré mit erstem Doppelpack

Genauso wie einen Ausfall von Stürmer Rafael Borré. Der 26-Jährige hat gegen den BVB seinen ersten Doppelpack in der Bundesliga erzielt, es war ohnehin der erste für einen Eintracht-Spieler in dieser Saison. Der kleine Kolumbianer wird immer wichtiger, kommt besser auf Touren. In den letzten fünf Spielen war er an sieben Toren beteiligt (vier eigene Treffer, drei Assists), er ist ein steter Unruheherd vorne drin – und das als Alleinunterhalter und mit einer Körpergröße von nur 1,74 Meter. Borré malocht zudem ohne Ende, gegen Dortmund riss er 12,5 Kilometer runter. Bemerkenswert für einen Stürmer.

Wie hoch seine Leistung einzuschätzen ist, wurde auch deutlich, als am Samstag nach 66 Minuten Sam Lammers für ihn ganz vorne stürmte: Der Niederländer sah in einer halben Stunde keinen einzigen Ball. „Es freut mich besonders für ihn, weil er viel arbeitet und jetzt auch zeigt, was er für eine Abschlussqualität hat“, sagt Sportchef Markus Krösche über den ablösefrei aus Argentinien gekommenen Angreifer.

Vielleicht hängt sein persönlicher Blitzstart ja auch mit dem verlängerten Urlaub zusammen, denn der Südamerikaner durfte wegen der vielen Länderspielreisen in 2021 ein paar Tage länger in den Ferien bleiben als die Kameraden. „Er ist wahnsinnig fleißig, stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft“, lobt Trainer Glasner. Und, nicht zu vergessen: „Bei den Toren war er sehr kaltblütig.“ Nicht das Schlechteste für einen Stürmer. (Ingo Durstewitz)

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