Schnell, technisch stark und Tore schießt er auch noch: Jesper Lindström, Shootingstar. imago images
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Schnell, technisch stark und Tore schießt er auch noch: Jesper Lindström, Shootingstar. imago images

FR-Interview mit Eintracht-Stürmer Lindström

Eintracht-Shootingstar Lindström: „Ich muss nicht allen gefallen“

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Senkrechtstarter Jesper Lindström über seinen Aufschwung, die Arbeit mit seinem Mentaltrainer und weshalb er nicht viel darauf gibt, was über ihn geschrieben wird.

Herr Lindström, es gab ja vor dem Dortmund-Spiel wegen Ihrer vermutlichen Corona-Infektion ein paar Ungereimtheiten. Alles wieder im Lot?

Oh ja, mir geht es gut. Ich habe mich nach dem positiven Testergebnis gefragt, wie kann das passieren? Ich bin doch geimpft, geboostert und habe aufgepasst. Danach war ich gleich wieder negativ getestet. Mir ging es gut, ich hatte keine Symptome. Es war allemal verwirrend, aber natürlich überwog die Freude darüber, von Anfang an spielen zu können und die Partie nicht zu Hause vor dem Fernsehen angucken zu müssen.

Hat Sie das beeinträchtigt in Ihrem Spiel?

Nein, nicht wirklich. Ich habe zwar ein paar Tage mit dem Training aussetzen müssen, aber das ging schon.

Eintracht Frankfurt: Lindström war nicht bei 100 Prozent

Haben Sie sich platt gefühlt im Spiel, weil Sie doch nach 65 Minuten ausgewechselt wurden?

Vielleicht war ich nicht bei 100 Prozent, weil ich einige Einheiten verpasst habe, aber ich war nicht platt. Ich habe versucht, das Beste fürs Team zu geben. Unglücklicherweise habe ich nicht getroffen. Aber das ist Fußball, manchmal triffst du, manchmal nicht.

Sie hätten das Spiel entscheiden können, vor allem nach dem wunderschönen Solo mit dem Beinschuss für Emre Can ...

...ich habe die falsche Entscheidung getroffen, ich hätte in die lange Ecke schießen müssen. Das passiert.

Ihre Entwicklung bei der Eintracht ist atemberaubend. Anfangs hatten Sie Schwierigkeiten, mitzuhalten, inzwischen gelten Sie als Shootingstar. Was ist passiert?

Das Meiste hat mit der Mannschaft zu tun. In den ersten Spielen haben wir nicht die Tore geschossen und die Punkte geholt, die wir gebraucht hätten. Als sich die ganze Mannschaft weiterentwickelt hat, selbstbewusster wurde und wusste, wie sie zu spielen hat, ist es besser geworden. Im Fußball spielt Selbstbewusstsein eine große Rolle. Wenn du selbstbewusst in die Zweikämpfe gehst oder aufs Tor schießt, fällt vieles leichter. So ging es dem Team, so ging es mir.

Eintracht Frankfurt: Lindström stemmte Gewichte

Aber Sie persönlich haben auch an sich gearbeitet?

Ja, klar. Ich habe im Kraftraum Gewichte gestemmt, um mehr Muskeln aufzubauen, damit ich in den Zweikämpfen nicht so leicht weggedrückt werden kann. Ich habe mehr auf meine Ernährung geachtet. Am Anfang war es für mich nicht so leicht. Jetzt habe ich den Fuß in der Tür, und das Verständnis mit den anderen Kollegen wird immer besser. Ich habe nicht nur an meiner körperlichen Fitness gearbeitet, auch an meiner mentalen Stärke. Ich traue mir mehr zu, ich gehe auf den Ball, um ihn zu gewinnen.

Gab es denn in den letzten Monaten einen Knackpunkt, an dem Sie merkten, es geht aufwär ts. Vielleicht eine Vorlage oder Ihr erstes Tor gegen Freiburg?

Ich glaube, von Spiel zu Spiel war bei mir eine Entwicklung zu erkennen. Aber klar, der Elfmeter, der in Antwerpen für mich gegeben wurde, und mein erstes Bundesligator in Freiburg haben mir gut getan. Aber das Wichtigste ist und bleibt: Dass die Mannschaft gewinnt und immer höher klettert in der Tabelle. Dadurch bekomme auch ich das Gefühl, besser und besser zu werden.

Eintracht Frankfurt: Fortschritte bei Lindström

Trotzdem: Es hat den Eindruck, als gäbe es zwei Jesper Lindström, den vom August und den jetzigen. Sehen Sie das auch so?

Auf jeden Fall. Schauen Sie: Am Anfang war für mich alles neu. Ein anderes Land, eine andere Liga, ein anderes Umfeld, ein neuer Trainer, ein neuer Sportvorstand. Und wir mussten eine Wohnung finden, und, und, und. Da ist viel auf mich eingeprasselt.

Zur Person

Jesper Lindström , 21, ist das, was man einen Shootingstar nennt. Zu Beginn der Saison im wahrsten Sinn gewogen und für zu leicht befunden, saß er dann irgendwann auch mal auf der Ersatzbank. Manche schüttelten schon vorschnell den Kopf. Doch dann startete die schnelle Offensivkraft durch, legte sich Muskeln zu - und schoss prompt vier Tore, lieferte drei Vorlagen. Der Däne, der für rund 6,5 Millionen Euro von Bröndby IF kam, wo er seit der Jugend spielte, ist längst angekommen in Frankfurt. Im Augenblick findet er, der vertraglich bis 2026 an die Eintracht gebunden ist, „alles perfekt“, zumal der im Westend wohnende Lindström mittlerweile gut 80 Prozent versteht, was auf Deutsch gesprochen wird. „Ich muss mich nur trauen, auch selbst mehr zu sprechen. Aber das kommt schon noch.“ FR

Hatten Sie Ihren persönlichen Start so holprig erwartet?

Ich glaube, dass ich die Qualitäten habe, um in der Bundesliga mithalten zu können und nicht nur gut genug für die dänische Liga. Mittlerweile glaube ich, mich an die Bundesliga angepasst zu haben. Ich versuche, jeden Tag besser und besser zu werden.

Eintracht Frankfurt: Lindström gibt sich selbstbewusst

Hat Ihnen vorher die Stärke der Bundesliga Sorge bereitet, dass Sie es womöglich nicht schaffen?

Ich habe die Bundesliga in Dänemark sehr genau verfolgt, ich liebe es, wie hier gespielt wird. Klar, ich hatte eine schwächere Anfangsphase, als ich drei Spiele lang nicht auf dem Rasen stand. Aber statt aufzugeben habe ich das Beste daraus gemacht, bin, wie gesagt, in den Kraftraum gegangen, habe im Training Gas gegeben, um dem Trainer zu zeigen: ,Ich bin gut genug für die Mannschaft, für die Bundesliga.‘ Und die letzten beiden Monate waren sehr gut für mich und die Mannschaft, ich habe Tore geschossen und Vorlagen geliefert.

Wer hat Ihnen in den schweren Zeiten zur Seite gestanden?

Mein Mentaltrainer aus Dänemark. Mit ihm habe ich bald jeden Tag gesprochen, um zu erfahren, was ich tun und was ich besser machen kann. Dann natürlich meine Familie, und ebenso die Eintracht, die mich immer unterstützt hat. Meine Familie, die Eintracht und mein Mentaltrainer haben einen sehr großen Anteil an meiner Entwicklung.

Haben Sie die anfängliche Kritik an Ihnen und den Neuzugängen insgesamt verfolgt?

Ich bin nicht der Typ, der ständig in den Zeitungen nachliest oder Fernsehen schaut. Es kann so schnell nach oben, und so schnell nach unten gehen. Ich kümmere mich nicht darum, was geschrieben wird, sondern wie mein Team stärker werden kann. Klar bin ich glücklich, wenn Leute sagen, ich mache meinen Job gut. Aber in erster Linie bin ich verantwortlich für meine Leistung.

Können Sie ein bisschen mit Sam Lammers fühlen, der im Augenblick gewaltig in den Fokus der Kritik geraten ist?

Schwierige Frage: Sam ist meiner Meinung nach alt genug zu wissen, was zu tun ist und was nicht. Wenn er Hilfe möchte, stehe ich bereit. Wir sind gute Freunde im Team, spielen auch mal zusammen Fußball-Tennis, aber wir sprechen nicht über Kritik von außen. Er weiß, was er tun muss – im Training und auf dem Rasen. Schauen Sie: Wenn es im Fußball gut läuft, haben wir den besten Beruf der Welt, und wenn es nicht gut läuft, muss man einen Weg zurück finden. Damit Leute nicht Sachen über dich schreiben, die du nicht lesen magst. Mein Motto ist: Ich bereue nichts, ich schaue nicht zurück, sondern nach vorne. Und wenn es nicht läuft, muss ich alles dransetzen, damit es wieder läuft. Es kann sein, dass es Menschen gibt, die mich nicht leiden können. Aber ich muss nicht allen gefallen.

Eintracht Frankfurt: Lindström arbeitet mit Mentalcoach

Sie wirken sehr abgeklärt.

Ich arbeite, wie gesagt, viel mit meinem Mentalcoach, dem ich vertraue. Wir arbeiten seit zwei, drei Jahren zusammen. Er tut mir gut, hilft mir sehr. Ich glaube, er kitzelt ein, zwei Prozent mehr aus mir heraus, und das ist im Fußball viel. Im Fußball macht das Mentale mindestens 50 Prozent aus, eher mehr.

Man hat den Eindruck, Sie sind zufrieden mit dem Schritt, Kopenhagen verlassen zu haben und in Frankfurt gelandet zu sein.

Auf jeden Fall. Der Klub ist gut, ich habe eine schöne Wohnung, meine Freundin ist da, meine Familie nur eine Flugstunde entfernt. Der Verein ist Toplevel. Es ist perfekt für mich hier.

In die Bundesliga haben Sie es geschafft, Sie haben Ihre Tore geschossen. Was sind noch Ziele von Ihnen? Die WM?

Ich tue, was ich kann. Ich habe Kontakt zum Nationaltrainer, aber es ist natürlich seine Entscheidung. Ich kann am Wochenende nur zeigen, dass ich gut genug für das A-Team Dänemarks bin. Und wenn nicht, dann spiele ich in der U21. Und mit der Eintracht will ich nach Europa, wir haben das Selbstvertrauen und die Fähigkeit, das zu schaffen. Ich persönlich will vor allem nach Europa, weil ich es liebe, viele Spiele zu haben – und im Europapokal spielt man alle drei Tage.

Interview: Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz

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