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Kamada verbreitet Angst und Schrecken

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Von: Frank Hellmann, Ingo Durstewitz

Simply the Best: Daichi Kamada von Eintracht Frankfurt ist Japans stärkster Spieler.
Simply the Best: Daichi Kamada von Eintracht Frankfurt ist Japans stärkster Spieler. © dpa

Der geschmeidige Eintracht-Regisseur ist glänzend aufgelegt und könnte Deutschland gefährlich werden.

So ein Mannschaftsfoto muss gar keine stocksteife Angelegenheit sein. Ehe sich die japanischen Nationalspieler am vergangenen Samstag wirklich brav auf die Stühle gesetzt oder gestellt hatten, alberten die Akteure ständig herum. Zogen Grimassen oder Hosen an und aus. Im Hintergrund ging auf dem Trainingsplatz des katarischen Erstligisten Al Sadd SC bereits die Sonne unter, weshalb der Teambetreuer zur Eile mahnte. Erst dann standen wirklich alle in ihren knallblauen Jerseys stramm. Verschränkten die Hände hinterm Rücken, streckten die Brust raus. Fertig war das gemeinsame Bild, auf dem sich Daichi Kamada in die zweite Reihe gestellt hatte. Links neben ihm Daizen Maeda.

Während der Mittelfeldspieler von Eintracht Frankfurt für die fast 200 Fotografen sanft lächelte, schaute der kahlköpfige Stürmer von Celtic Glasgow furchterregend wie ein Samurai. Ihre Mimik symbolisierte Eigenschaften, die Deutschland zum WM-Auftakt am Mittwoch (14 Uhr/ ARD) gefährlich werden könnte: Optimismus und Finesse, Entschlossenheit und Widerstandsgeist. Wobei für Ersatztorwart Daniel Schmidt vom belgischen Klub VV. St. Truiden feststeht: „Unser bester Spieler ist Daichi.“

Neuer mit großem Respekt

Der 1,96-Meter-Riese überzeugt sich in jedem Training von Kamadas Qualitäten. „Seine Schüsse sind kaum zu halten“, sagt der Tormann mit deutschen Vorfahren, der gerade unter einem deutschen Trainer, Bernd Hollerbach, spielt. Und wie der Zufall so will: Beim belgischen Klub verbrachte Kamada als Leihspieler die Saison 2018/2019, als er noch kein Bundesligastar und WM-Hoffnungsträger war und sich über diesen Umweg an die Anforderungen in Deutschland gewöhnte. Ein gelungener Schachzug.

Auch Nationaltorwart Manuel Neuer hat mächtig Respekt vor dem geschmeidigen Taktgeber. Auf die Frage nach dem gefährlichsten Gegner, entgegnete der deutsche Kapitän: „Natürlich Daichi Kamada. Er ist ein sehr guter Spieler, der eine Position hat, die für uns gefährlich werden kann“, sagte Neuer. „Er ist oft hinter den Spitzen und stößt auch vorne ganz in die Tiefe rein. Er bewegt sich in den gefährlichen Räumen, ist zudem sehr ballsicher und schwer zu packen. Und er ist technisch sehr versiert, kann mit beiden Füßen abschließen.“

In 22 Pflichtspielen sind ihm bereits zwölf Tore und fünf Vorlagen gelungen. Ein herausragender Wert. Kamada schoss die Eintracht zudem in den entscheidenden Partien der Champions League gegen Olympique Marseille (2:1) und bei Sporting Lissabon (2:1) mit seinen Treffern ins Achtelfinale.

Der 22-fache Nationalspieler (sechs Tore) wird auch für sein Land immer wichtiger. Auf seiner zentralen Position hat er dem von Nationaltrainer Hajime Moriysu lange als Regisseur bevorzugten Takumi Minamino (AS Monaco) den Rang abgelaufen. Naoki Tsumura, der als Technischer Direktor aus Düsseldorf die in Europa angestellten Nationalspieler beobachtet, beschreibt Kamadas Fortschritte so: „Er ist mental stärker und athletisch besser geworden.“ Dazu führt er die Hand an die Kinnspitze und hebt den Kopf. Soll heißen: Auch das Selbstbewusstsein ist gestiegen.

Das Besondere: In seinem Verein spielt Kamada zumeist eine Position defensiver, was ihm aber nichts von seiner Torgefährlichkeit genommen hat, er ist fast noch stärker aus der Tiefe des Raums. Findet auch Kapitän Sebastian Rode: „Daichi ist einer der entscheidenden Faktoren bei uns, spielerisch brutal gut. Aber auch, wie er die Zweikämpfe gewinnt und Bälle erobert.“ Zudem habe er eine spezielle Haltung zum Spiel: „Er hat diese Mentalität: Ihr könnt mir alle nix.“

Dabei fragten sich zu Saisonbeginn viele, ob Kamada und Mario Götze zusammen würden spielen können. Mittlerweile ist das kongeniale Duo sogar der größte Mosaikstein des Frankfurter Erfolges: Sie harmonieren perfekt, sind im Einklang, profitieren voneinander, beide heben sich gegenseitig auf das nächste Level. Gut, dass Trainer Oliver Glasner ein Veto einlegte, als Kamada kurz vor einem Wechsel zu Benfica Lissabon stand.

In der Form seines Lebens

Die Kehrseite der Medaille: Dass so einer seinen 2023 auslaufenden Vertrag verlängert, gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Es soll gar schon mit einem Topklub Einigkeit über einen ablösefreien Wechsel bestehen, mit den entsprechenden Verdienstmöglichkeiten und der Verlockung auf ein üppiges Handgeld im hohen einstelligen Millionenbereich. Borussia Dortmund soll aussichtsreich im Rennen liegen.

Kamada aber redet jetzt erstmal nur über die WM. Noch nie kam Japan über das Achtelfinale hinaus. „Unser Ziel ist das Viertelfinale. Zunächst einmal gilt es, die Vorrunde in dieser schwierigen Gruppe zu überstehen“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Er sehe eine klare Verbesserung. „Viele Akteure sind in Europa tätig, das ist eine tolle Entwicklung. Ich denke, es ist eines der stärksten japanischen Teams, das bei einer WM bisher angetreten ist.“ Mit einem Daichi Kamada in der Form seines Lebens.

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