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Eintracht Frankfurt ist nicht nur auf Kuschelkurs

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Von: Ingo Durstewitz

Am Rednerpult: Vorstandsprecher CEO Axel Hellmann.
Am Rednerpult: Axel Hellmann. © Jan Huebner

Eintracht Frankfurt labt sich während der Jahreshauptversammlung nicht nur am Titel – Fischer bleibt Präsident, aber mit mehr als 100 Gegenstimmen.

Frankfurt – Ganz am Anfang schon wurde er hereingetragen und auf einen Ehrenplatz in der Mitte des Podiums gestellt, natürlich stilecht ausgeleuchtet und angestrahlt, das gute Stück, fürwahr das Objekt der Begierde, von Eintracht-Präsident Peter Fischer „unser guter Freund“ genannt. Der gute Freund, „auf den wir eine Ewigkeit gewartet haben und den uns keiner mehr wegnimmt“. Der Europapokal. Errungen in diesem epischen Finale am 18. Mai in Sevilla gegen die Glasgow Rangers, der erste internationale Titel seit 42 Jahren. Peter Fischer, seit mehr als 20 Jahren Präsident von Eintracht Frankfurt, konnte nicht anders und musste kurz rüberhuschen und das Teil liebevoll streicheln. Tosender Applaus brandete auf. So kann man eine Mitgliederversammlung auch eröffnen, die 21. im Eintracht-Leben des 66-Jährigen.

Er wird, das wurde später, eine knappe Stunde vor Mitternacht, klar, für weitere vier Jahre Präsident bleiben. Doch seine Wahl, die sich sonst auf SED-Niveau einpendelte, war nicht so kolossal wie in den Jahren zuvor. Bei weitem nicht. 420 Mitglieder stimmten für den schillernden Vereinsboss, aber auch 106 gegen ihn, 99 enthielten sich. Macht eine Zustimmung von 67,2 Prozent. Das ist für Peter-Fischer-Verhältnisse schon fast historisch mager. „Auch für die, die mich nicht gewählt haben, bin ich weiter der Präsident“, bekundete er. Sicher hat das maue Ergebnis auch mit der geheimen Wahl zu tun. Früher wurde per Handzeichen abgestimmt. Und: Die Ultras hatten schon vorher Gegenstimmen angekündigt. Einige Aussagen des Präsidenten passten ihnen nicht.

Eintracht Frankfurt: „Wir haben Grenzen verschoben“

In der Retrospektive stand natürlich der Triumph in der spanischen Nacht aus dem Mai im Mittelpunkt „Diese magische Nacht ist noch in all unseren Köpfen“, rief Fischer. „Jeder hat seine eigenen Bilder im Kopf.“ Und weiter: „Eintracht Frankfurt hat einen Meilenstein für den deutschen Fußball gesetzt.“

In dieses Horn blies auch Vorstandssprecher Axel Hellmann in seiner Rede vor 800 Mitgliedern in der Wolfgang-Steubing-Halle im Riederwald, dem Herzen der Eintracht. „Wir haben Grenzen verschoben, wir haben ein Ausrufezeichen in Deutschland und Europa gesetzt“, sagte der 51-Jährige. „Wir haben die Fußballromantik nach Europa zurückgetragen.“ Tosender Beifall, natürlich.

Der erfahrene Funktionär sprach erneut von dem „energetischen Band“ im Verein, also die Symbiose zwischen den Fans, der Mannschaft, aber auch Freunden, Mitarbeitenden. Diese Wechselwirkung sei etwas Außergewöhnliches. „Das ist ein Merkmal dieses Vereins, wir können in besonderen Situationen besondere Leistungen abrufen.“ Und um dieses Gesamtkunstwerk „werden wir beneidet“.

Präsident Fischer wartete, zur Untermalung, mit den aktuellen Zahlen der Mitglieder auf: 115 112. Damit liegt die Eintracht bereits in der Spitzengruppe, in Reichweite der 1.FC Köln. „Die haben noch 5000, 6000 mehr. Liebe Kölner, Euch kriegen wir, Euch werden wir überholen. Das verspreche ich“, dröhnte Fischer, frisch von einer Corona-Infektion genesen, vom Podium hinab. Und Mister Eintracht hatte auch noch ein Extralob parat, für einen Spieler, der anwesend war, Makoto Hasebe, der Oldie. Der Japaner wurde auch später von Axel Hellmann noch mit einer kurzen Lobeshymne bedacht. Und die Anwesenden verneigten sich vor dem großen Sportsmann, der den Weg in den Frankfurter Osten genauso wie die Kameraden Evan Ndicka und Kapitän Sebastian Rode gefunden hatte.

Eintracht Frankfurt: Hellmann ermahnt die Fans

Auch das Trainerteam war komplett angereist, Chefcoach Oliver Glasner richtete einige Grußworte ans Plenum. Als die für den Sport verantwortlichen Herren gegen 20.30 Uhr die Halle verließen, erhoben sich die Menschen von ihren Plätzen und geleiteten sie mit im Stehen dargebrachten Ovationen auf den Heimweg.

Doch die Versammlung bestand nicht nur aus Friede-Freude-Eierkuchen-Reden. Der Eintracht-Vorstand erneuerte seine Kritik an Oberbürgermeister Peter Feldmann, der laut Hellmann den Autokorso durch die Stadt verhindern wollte und Sportvorstand Markus Krösche den Zugang auf den Balkon des Römers verweigern ließ. „Ein Oberbürgermeister sollte eine Stadt in einem großen Moment würdig und stilvoll vertreten und sich nicht selbst in Szene setzen und inszenieren“, sagte Hellmann, der nur in einem Nebensatz auf Feldmanns „wirre Rede“ im Kaisersaal einging.

Hellmann ging über zum nächsten Thema, das er selbst als extrem unschön empfindet. Das Verhalten der Fans. Hellmann machte es sich nicht so einfach, die schlimmen Vorkommnisse aus Marseille allein den Gastgebern in die Schuhe zu schieben. „Ich möchte nicht, dass aus einem Eintracht-Block in einen anderen Block auf Menschen geschossen wird“, sagt er bestimmt und stellte rhetorisch die Frage: „Muss es erst einen Toten geben, damit es zu einer Umkehr kommt?“ Auch der Chaot, der in Marseille den Hitlergruß gezeigt hatte, werde nicht, wie kolportiert, von der Eintracht verschont. „Dass wir solche Leute nicht haben wollen, ist doch ganz klar.“ Doch über eine solch inakzeptable Verfehlung müsse der Rechtsstaat richten.

Gute Nachrichten hatte auch Finanzvorstand Oliver Frankenbach nicht mit in der Aktentasche. Er malte ein düsteres Bild zu den Finanzen und warb eindrücklich für eine Kapitalmaßnahme der Fußball-AG, die dann aber den Anteil des Muttervereins verwässern würde. Da das Eigenkapital aber nur noch bei sechs Millionen Euro liege, sei eine Zufuhr unumgänglich. „Das ist eine dramatische Situation.“

Über die – noch nicht brandaktuellen – Pläne folgte eine angeregte Diskussion und ein Dringlichkeitsantrag des Mitglieds Sebastian Braun, der forderte, dass die Anteile des eingetragenen Vereins nicht unter 60 Prozent fallen dürften und ein Investor nicht mehr als 24,9 Prozent halten dürfe, um eine Sperrminorität zu vermeiden. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Harmonischer lief es bei der avisierten Ausgliederung des Nachwuchsleistungszentrums unter das Dach der AG. Dem wurde auf breiter Basis zugestimmt.  (Ingo Durstewitz)

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