War einst ein beinharter Verteidiger: Oliver Glasner.
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War einst ein beinharter Verteidiger: Oliver Glasner.

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Eintracht Frankfurt: Wie tickt der neue SGE-Trainer Oliver Glasner?

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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Oliver Glasner trifft bei Eintracht Frankfurt auf ein bestelltes Feld - und doch muss er seinen Platz noch finden.

Wenn Anfang Juli der neue Frankfurter Trainer Oliver Glasner die Eintracht-Profis zur Ballarbeit bittet, sollten die sich auf unangenehme, kräfteraubende Stunden einstellen: Der Coach, der Landsmann Adi Hütter nachfolgt, verlangt einiges. Als er in seinen ersten Wochen beim VfL Wolfsburg die gleiche Trainingsintensität und den gleichen Umfang betreiben wollte, wie er das zuvor beim Linzer ASK gewohnt war, begehrten die Wolfsburger auf, ihnen wurde es zu viel.

„Ich hätte meine Linie durchziehen können“, aber dann auch Muskelverletzungen riskiert, sagte der 46 Jahre alte Fußballlehrer vor zwei Jahren dem Onlineportal Spox, also habe er sich angepasst und das Trainingsvolumen erst nach und nach gesteigert. Mit dem Effekt, dass der VfL Wolfsburg, den der Oberösterreicher im ersten Jahr in die Europa League und im zweiten in die Champions League geführt hat, eines der laufstärksten und draufgängerischen Teams der Liga ist.

Neuer Eintracht-Trainer: Oliver Glasner ist ein detailversessener Arbeiter

Sie sind sich in ihrem Spielstil nicht unähnlich, Frankfurter und Wolfsburger. Beide Teams suchen ihr Heil in der Offensive, drängen, stressen und pressen, üben enormen Druck auf den Gegner aus, schießen ziemlich viele Tore - nur kassierte der VfL (37) deutlich weniger Gegentore als Eintracht Frankfurt (57). Der Ex-Profi (519 Erstliga-Spiele für die SV Ried und LASK) hat eine sehr klare Vorstellung davon, wie seine Mannschaften spielen sollen, und eine sehr detailgenaue Arbeitsweise, mit denen er das seinen Spielern auch vermittelt. Viele machten unter ihm zuletzt in Wolfsburg einen großen Leistungssprung. Insofern scheint Oliver Glasner, dem Philipp Köster, Chefredakteur der „11 Freunde“ einmal bescheinigte, mit seinem „milden Ministerpräsidentinnen-Lächeln“ könne er auch „neue Ortsumgehungen“ einweihen, der richtige Mann in Frankfurt zu sein.

Eintracht Frankfurt: Vorstand vom Vizemeister, Trainer vom Tabellenvierten geholt

Das könnte passen, zumal der Eintracht nach der personellen Fluktuation an der Führungsspitze an einer gewissen Erfahrung gelegen war. Die Aufgabe in der neuen Saison mit hoher Erwartungshaltung und Dreifachbelastung ist anspruchsvoll. Andererseits ist dem Klub in einer Phase der Vakanz gelungen, in aller Stille und sehr professionell („Sorgfalt vor Tempo“) einen Sportvorstand (Markus Krösche) vom Tabellenzweiten RB Leipzig und einen Trainer vom -vierten anzuheuern - und zudem noch zehn Millionen Euro an Ablöse zu kassieren.

Kein ganz schlechtes Geschäft, Eintracht Frankfurt ist damit gut aufgestellt, zumal sich Krösche in Timmo Hardung (neuer Leiter der Lizenzspielerabteilung) und Ole Siegel (Referent des Sportvorstands) zwei ausgewiesene Fachmänner, wie gewünscht, zur Seite geholt hat. Und bei den Hessen, die sich nicht haben treiben lassen, ist Glasner, mit Vertrag bis 2024 ausgestattet, anders als in Wolfsburg auch nicht die B-Lösung - eigentlich wollte man Marco Rose verpflichten -, sondern Wunschkandidat.

War einst ein beinharter Verteidiger: Oliver Glasner.

Oliver Glasner bringt seinen langjährigen Co-Trainer Michael Angerschmid mit zur SGE

Oliver Glasner, der erst Sport und Geographie studierte und dann an der Fernuni in Hagen Wirtschaftswissenschaften, wird so schlau sein, aus seinen ersten beiden Jahren in der Bundesliga Lehren zu ziehen. In Wolfsburg war er zuletzt umstritten, weil er, der bei seinen Stationen in Linz und zuvor Salzburg auch als Sportkoordinator tätig war, alle sportlichen Entscheidungen allein treffen wollte. Das konnte er in Wolfsburg nicht, das wird er auch in Frankfurt nicht können. Glasner bringt seinen langjährigen Co-Trainer Michael Angerschmid, 47, mit in den Stadtwald.

Neuer Eintracht-Trainer Glasner verurteilt Rassismus und Populismus aufs Schärfste

Glasner, ein höflich und immer verbindlicher Zeitgenosse, ist einer, der sich Gedanken macht, über den Tellerrand hinausschaut, der seine Augen vor gesellschaftspolitischen Vorgängen nicht verschließt. In Österreich ist er einmal bei einem Spiel wutentbrannt aufs Feld gelaufen, um den Schiedsrichter auf einen Zuschauer aufmerksam zu machen, der Spieler rassistisch beleidigt hatte. Rassismus, Populismus, verurteilt er aufs Schärfste, das Aufkommen rechtsnationaler Partien stört ihn gewaltig. Die Aktion der „Wölfe“ die Regenbogenbinde, die alle VfL-Kapitäne als sichtbares Zeichen für Vielfalt und Toleranz tragen, „finde ich super“.

Glasner, dreifacher Familienvater, gilt als besonnen, eher nachdenklich denn aufbrausend. Er verkörpert eine gewisse Bodenständigkeit. „Wenn wir 5:0 gewinnen, laufe ich nicht drei Tage mit erhobenen Händen durch Wolfsburg, wenn wir 0:5 verlieren, mache ich nicht die Rollläden runter“, hat er mal gesagt. Er weiß die Balance zu halten, weiß viele Dinge richtig einzuordnen, gerade in der überdrehten Fußballwelt.

Oliver Glasner hat OP-Bilder auf dem Handy - für die unzufriedenen Tage

Das hat natürlich mit einem einschneidenden Erlebnis in seinem Leben zu tun, eine Zäsur. Im August 2011 war es, als eine Notoperation sein Leben rettete: Es war bei einem Europacup-Spiel mit Ried in Kopenhagen, ein paar Tage zuvor hatte Verteidiger Glasner eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. Nach dem Abschlusstraining vor der Partie gen Bröndby IF verspürte er nach Kopfballtraining plötzlich Kopfschmerzen und Schwindel.

Im Krankenhaus wurde ein Gerinsel zwischen Gehirn und Hirnhaut entdeckt. Glasner musste sofort operiert werden, „Ich gehe davon aus, dass mir die Kopfbälle tatsächlich das Leben gerettet haben. Ohne sie wären die Blutungen vielleicht nicht entdeckt worden“, sagte Glasner der „Wolfsburger Allgemeinen“: Die Bilder dieser Operation hat er im Handy gespeichert, die er immer dann anschaut, wenn er sich unzufrieden fühlt. Dann weiß er: Es gibt Schlimmeres.

Um ein Haar wäre Glasner statt in Frankfurt bei Bayer Leverkusen gelandet

Nach diesem Drama musste er auf Anraten der Ärzte seine Karriere mit knapp 37 beenden, schnell reifte der Plan, die Trainerlaufbahn einzuschlagen. Bei RB Salzburg begann er als Sportkoordinator, dann wurde er Co-Trainer unter Roger Schmidt. Mit ihm wäre er ums Haar zu Bayer Leverkusen gewechselt, mit Rudi Völler war schon alles besprochen. Doch dann, 2014 war es, schneite ein Angebot seines Heimatvereins SV Ried ins Haus. Glasner blieb in Ried. Dort hatte nämlich Adi Hütter seine Zusage zurückgezogen, um als Schmidt-Nachfolger in Salzburg anzufangen. (Thomas Kilchenstein)

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