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Martin Hinteregger sollte sich am Riemen reißen

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Von: Thomas Kilchenstein

Eintracht-Verteidiger Martin Hinteregger sollte die Zeichen erkennen und sich am Riemen reißen - sonst hat er keine Zukunft in Frankfurt.

Frankfurt – Wäre der Frankfurter Verteidiger Martin Hinteregger eine Popgruppe, man könnte mühelos zwischen zwei Saisons eine „Best of“-CD herausbringen, mit den größten Aufregern des 29 Jahren alten Kärtners. Das „nichts Positives sagen können“ über den Trainer Manuel Baum beim FC Augsburg wäre drin, die Rucksack-Affäre, die ausgeartete eigene Geburtstagssause bis in den Morgen im Trainingslager der österreichischen Nationalelf, natürlich das tieftraurige Bild nach dem beim FC Chelsea verschossenen Elfmeter, die Hinti-Army-Aufnahme, ein paar Hubschrauber-Flüge mit ihm als Piloten, die zehn besten Grätschen wären natürlich auch dabei, keine Frage, ebenso sein willensstarker Einsatz jüngst beim Ausgleichstor gegen Betis Sevilla, und als Zugabe: Wie er seine Siegermedaille in irgendeiner Kneipe in einen Plastikbecker Bier tunkt und abschleckt. Mühelos gäbe es Material für eine Doppel-CD.

Tja, der Hinti, der ist schon eine Marke. Eine ganz spezielle Type, einer zum Anfassen, unverstellt, authentisch, einer wie du und ich, mitten aus dem Leben, sympathisch, nahbar.

Eintracht Frankfurt: Martin Hinteregger ist eine Identifikationsfigur

Aber Martin Hinteregger ist auch ein Fußballspieler, ein professioneller, ganz sicher einer der Besseren, 67-facher Nationalspieler, EM-Teilnehmer. Furcht- und kompromisslos, einer, der heidewitzka dazwischenfunkt, weder sich noch den Gegner schont, einer, an dem sich im Spiel die anderen, jüngeren Fußballer aufrichten, auch von ihm und seiner Ruhe und Abgebrühtheit profitieren. Auf den Rängen ist der Mann längst Kult, eine Identifikationsfigur, ein Publikumsliebling, weil er eben so ist, wie er ist. Mit Ecken und Kanten, nicht glatt gebügelt.

Eintracht Frankfurt
Oliver Glasner und Martin Hinteregger im Abschlusstraining vor dem Halbfinalrückspiel gegen West Ham. © Arne Dedert / dpa

Im Augenblick sieht es aber so aus, als habe die Liaison mit Eintracht Frankfurt ein paar Risse erhalten. „Sehr viel“ sei „in die Brüche gegangen“, ließ sich der Abwehrspieler dieser Tage zitieren, weil Eintracht Frankfurt ihm im Spätherbst und vor dem Barcelona-Spiel nahegelegt habe, im Sommer den Klub zu verlassen. Diese Aussage, jüngst im österreichischen Boulevardblatt „Kronen-Zeitung“ nachzulesen, hat Eintracht Frankfurt durchaus irritiert, weil mittlerweile und nach einem längeren Gespräch mit Trainer Oliver Glasner längst geklärt war, dass Hinteregger sehr wohl auch im kommenden Jahr eine Rolle spielen werde in Frankfurt. Dass dem Klub aber der unstete, wenig professionelle Lebenswandel des Verteidigers vernehmlich stört, ist verbrieft, ebenso die im Frühjahr angedachte Trennung.

Eintracht Frankfurt: Martin Hintereggers Berater mit merkwürdigen Statements

Die ausschweifenden Ausflüge ins Nachtleben mit entsprechenden Videos und Bildern in den einschlägigen Portalen haben dem Klub missfallen. Zudem soll Hinti die Verabschiedung der den Verein verlassenden Spielern, etwa Stefan Ilsanker oder Danny da Costa, geschwänzt haben; als einziger aus dem Kader. Schließlich sind die Einlassungen des in Frankfurt wenig geschätzten Beraters Christian Sand, der einst bei Adi Hütter eine seltsame Figur abgab, eher kontraproduktiv: Hinteregger „hätte in Neapel das Doppelte verdienen können“, oder „jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für eine Vertragsverlängerung über 2024 hinaus“ kamen nicht gut an.

Martin Hinteregger, man muss es so sagen, ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Dass er anders ist als gewöhnliche Musterprofis, dass er lange ein Klapp-Handy bevorzugte und die Smartphone-Manie der Kollegen geißelte, dass er offen über seine Depressionen schreibt, dass er zur Motivation Ohrfeigen braucht, wie er selbst sagte, dass er zuweilen mit Übergewicht aus dem Urlaub kommt, dass er in seiner Heimat in Sirnitz an einem von ihm organisierten Freizeitfußballturnier („1. Hinti Cup“) mit 40 Teams selbst mitspielen will, dass er mit einem Kumpel in der Altstadt von Kronberg die Gaststätte „Zum Adler“ eröffnete, sein offener Umgang mit seiner Vorliebe für Bier - all das ist solange toleriert worden, solange seine Leistungen stimmten. Aber die stimmten zu Beginn der Rückrunde nicht mehr. Er hatte sich dann reingebissen, hatte sich am Riemen gerissen. Fakt ist aber: Halbfinal-Rückspiel und Finale in der Europa League hat die Eintracht ohne Hinteregger gewonnen, der verletzt ausgefallen war. Trotzdem: Für ihn war es einer der Höhepunkte seiner Karriere, den er auskostete, beeindruckend seine sentimentale Ode auf dem Römerbalkon für Torwart Kevin Trapp („Neuer auf die Bank“).

Frankfurter Neuzugang: Hrvoje Smolcic.
Frankfurter Neuzugang: Hrvoje Smolcic. © imago images/LaPresse

Es bleibt zu hoffen, dass Martin Hinteregger die Zeichen richtig deutet. Viel darf sich der Unangepasste nicht mehr erlauben, zumal er längst nicht mehr die einzige Identifikationsfigur im Team ist. Zu denken sollte ihm geben, dass der Boulevard, bislang auf seiner Seite, inzwischen einen anderen Kurs fährt. („Letzte Chance für Hinti“, „So verliert Hinti seinen Helden-Status“).

Am Dienstag verkündete die Eintracht die fixe Verpflichtung von Hrvoje Smolcic (HNK Rijeka), der einen Fünfjahresvertrag erhält. Seine Stärken: Innen- und Linksverteidigung. Die Positionen von Martin Hinteregger. (Thomas Kilchenstein)

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