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Der Showdown in der Hitze Sevillas

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Von: Ingo Durstewitz

Es ist angerichtet: Bei fast 35 Grad in Spanien will die Eintracht den Europacup nach Deutschland holen, wo plötzlich alle SGE-Fans sind.

Frankfurt/Sevilla – Der Himmel azurblau, ein paar harmlose Schleierwölkchen am Firmament, Sonne satt, aber ganz schön heiß, verdammt heiß sogar, 33, 34 Grad in Andalusien. Mitte Mai. Puh. Nichts für den geneigten Mitteleuropäer, aber besser als Regen und allemal prima für die zigtausend Fußballfans, die alle möglichen Strapazen, Kosten und Umwege auf sich nehmen, um in den Süden Spaniens zu kommen. Schlecht ist so ein drückendes Klima eher für die Spieler, aber, nun gut, sind ja Berufssportler und demnach topfit. Das malerische Sevilla zeigt sich dieser Tage von seiner besten Seite, hat sich rausgeputzt für das große Fußballfest, den ultimativen Showdown: Europa-League-Finale 2022, Mittwochabend (21.00 Uhr/RTL), Eintracht Frankfurt gegen Glasgow Rangers. Ein Abend für die Ewigkeit.

Am Dienstag schwebt die Frankfurter Entourage mit einer Sondermaschine ein, um ihre große Mission zu einem guten Ende zu bringen: Noch ein Sieg trennt sie vom größten Erfolg seit einer gefühlten Ewigkeit (oder 42 Jahren). Es ist ein Spiel, auf das die Fußballwelt blickt, es ist ein Spiel, in dem Helden geboren oder Dramen aufgeführt werden. „Es ist historisch“, wie Eintracht-Vorstandssprecher Axel Hellmann sagt. Die Spannung steigt parallel zur Hitze am Finalort, aber auch bei den vielen zu Hause gebliebenen Fans. Es geht ums Ganze. „Mit dem Einzug ins Finale haben wir uns den ersten Traum erfüllt“, sagt Torwart Kevin Trapp. Doch dabei soll es nicht bleiben. „Wir haben noch ein Spiel, um das Ganze zu vollenden.“

Eintracht Frankfurt auf einer „unglaublichen Reise durch Europa“

Die Eintracht ist in aller Munde, sie ist plötzlich Everybody’s Darling. Sogar Ex-Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm outete sich als heimlicher Sympathisant: „Alle in Deutschland drücken ihnen die Daumen. Sie haben eine unglaubliche Reise in der Europa League gemacht. Die Herzen der Deutschen fliegen ihnen zu. Alle unterstützen die Eintracht.“

Fans lassen sich auf der Plaza de Espana in Sevilla mit dem UEFA Europa League Pokal fotografieren.
Fans lassen sich auf der Plaza de Espana in Sevilla mit dem Pokal fotografieren. © IMAGO/Andrew Milligan

In bester Tradition hat sie daher nichts an ihrem gewohnten Ablauf geändert, so ein bisschen abergläubisch sind ja fast alle Fußballer. Die Frankfurter werden also ganz in weiß spielen, weil sie in Spanien, wie Vorstandssprecher Axel Hellmann stolz erzählt, „Bestia Blanca“ genannt werden, die weiße Bestie, die nach Betis Sevilla auch den schillernden FC Barcelona aus dem Wettbewerb gekickt hat und die Weltmarke dabei auf Normalmaß hat schrumpfen lassen. Natürlich werden auch die Eintracht-Fans wieder eine weiße Mauer bilden. Trainer Oliver Glasner hat seine blaue Glückshose rechtzeitig aus der Reinigung geholt, auch ansonsten wird an der bewährten Vorbereitung nicht gerüttelt, was bedeutet, dass die Eintracht ihr Abschlusstraining am Dienstag noch im heimischen Stadtwald und nicht im Estadio Ramón Sánchez-Pizjuá abhält. Erst danach reist der Tross nach Spanien.

Das ist nicht im Sinne der Uefa, aber weil es ja kein besseren Botschafter für den Wettbewerb gibt als die Hessen, stimmten die Gralshüter zähneknirschend zu. Normalerweise machen sie das nicht. Immerhin lässt sich die Eintracht noch auf eine fünfzehnminütige Platzbegehung im Stadion am frühen Abend ein, ehe Oliver Glasner zur Presse sprechen und die Eintracht ihre rund 800 geladenen Gäste, darunter Anthony Yeboah, Uwe Bein, Andy Möller, Uli Stein, in der „Frankfurter Botschaft“ in der stilvollen Hacienda La Soledad auf das heiße Finale einstimmen wird. Großes Kino in der Wiege des Flamencos.

Eintracht Frankfurt gegen Glasgow Rangers: Glasner muss Balance finden

An Trainer Glasner ist es, die Balance zu finden zwischen Spannung und Leichtigkeit, zwischen dem Laufenlassen und dem Zügeln, das Adrenalin will kanalisiert werden. Es geht, ganz pragmatisch, darum, dieses Spiel nicht zu überhöhen, obwohl es das größte Spiel der jüngeren Historie ist. „Wir hatten in den K.o.-Duellen immer eine gewisse Lockerheit auf dem Platz“, sagt der 47-jährige. „Das ist wichtig, um nicht zu verkrampfen.“ Er fordert von seinen Spielern nichts Außergewöhnliches, außer, dass sie bei sich bleiben sollen, die Partie einfach so angehen, wie sie es immer machen, gerade international. „Ich möchte Eintracht-Frankfurt-Fußball sehen“, fordert Glasner. „Wir müssen unseren Spirit auf den Platz bringen.“ Hat bisher immer geklappt.

Sonst wäre das Team in zwölf Begegnungen nicht ungeschlagen geblieben, hätte nicht in Antwerpen, Piräus, Sevilla, Barcelona und West Ham gewinnen können. Der Siegeszug durch Europa ist ein Statement. Zum Vergleich: Die Rangers haben auf internationalem Rasen fünf Partien verloren.

Glasgow-Profi Balogun im FR-Interview

„Hingabe unserer Fans ist bedingungslos“

Mit leichter Verwunderung haben sie im inneren Zirkel der Eintracht daher die keinesfalls abschätzig gemeinte Aussage von Glasgow-Verteidiger Leon Balogun vernommen, der den Kontrahenten zwar ausgiebig lobte, aber auch sagte: „Ich denke auf jeden Fall, dass das für uns eine machbare Aufgabe ist.“ Eigentlich nicht schlimm, aber vor so einem aufgeladenen und auch medial bis in den letzten Winkel ausgeschlachteten Endspiel kann jeder kleine Motivationsschub helfen, weshalb die Eintracht die Aussage des früheren Darmstädter und Mainzer Profis sogar prominent auf ihrer Homepage veröffentlichte.

In solch einem Finale, das, wie viele meinen, absolut ausgeglichen sein wird, weil beide einen ähnlichen körperbetonten Ansatz wählen, werden gewiss Kleinigkeiten entscheiden. Es kommt darauf an, dass die Korsettstangen nicht einknicken und die Spieler ihre Nervosität im Griff haben.

Mental wankelmütige Spieler wie Almamy Touré müssen die Konzentration hochhalten, kapitale Böcke bleiben in solchen Spielen nur selten unbestraft. Und es muss eine Prise Unbekümmertheit ins Spiel getragen werden, denn Angst vor Fehlern ist im Fußball so ziemlich das Hinderlichste, was es gibt.

SGE im Europa League-Finale

Wie die Eintracht einst Glasgow das Fürchten lehrte

Und doch könnte der Clash von Sevilla auch durch nur schwer zu beeinflussende Faktoren entschieden werden: die Tagesform, die Verletzung eines Leistungsträgers, ja sogar die bessere Toleranzfähigkeit der klimatischen Bedingungen oder eine frühe Hinausstellung. Das Rückspiel im Halbfinale gegen West Ham wurde für die Eintracht auch deshalb eher zur Routineveranstaltung, weil die Engländer schon nach 19 Minuten nach einer Notbremse mit einem Mann weniger auskommen mussten. Die Vorentscheidung. Und sicher ist es vorteilhaft, wenn die Torhüter besser Unhaltbare halten, als bei Haltbaren vorbeizugreifen. Da ist die Eintracht gut aufgestellt, ihr Schlussmann Kevin Trapp ist in der Form seines Lebens, gibt Rückendeckung und Sicherheit. Wer Titel gewinnen will, braucht einen Torwart, der eben auch mal rettet, wenn es eigentlich schon zu spät ist.

Und sie ist angewiesen auf einen Filip Kostic in Topform. Der 29-Jährige hat die Eintracht mit seiner Gala in Barcelona fast im Alleingang ins Halbfinale geschossen. Interessant: Er trifft auf den Kapitän der Schotten, James Tavernier, der als Rechtsverteidiger beachtliche 18 Pflichtspieltore gemacht (davon sieben in der Europa League) und 17 Treffer vorbereitet hat. Es sind auch diese Schlüsselduelle, die das Spiel der Spiele, die über Glückseligkeit und Trauer entscheiden werden – an diesem Mittwochabend, 21 Uhr, im Estadio Ramón Sánchez-Pizjuán. (Ingo Durstewitz)

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