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Wie die Eintracht einst Glasgow das Fürchten lehrte

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Von: Thomas Kilchenstein

Eintracht-Torwart Egon Loy.
Eintracht-Torwart Egon Loy. © imago

Als Eintracht Frankfurt vor 62 Jahren durch Europa zog und den großen Rangers aus Glasgow das Fürchten lehrte.

Frankfurt – Egon Loy hat den Schuss aus elf Metern passieren lassen müssen, er sprang nach rechts, der Ball flog nach links. Es war der Ausgleich zum 1:1 an diesem Abend des 13. April 1960, eines Abends, der später rauschend genannt werden sollte. Egon Loy, der Torwächter, damals 28, hatte keine Ahnung, wer der Torschütze war, Eric Caldow, den Namen hatte er nie gehört. Er wusste auch nicht, welche Ecke der Außenverteidiger der Glasgow Rangers für gewöhnlich beim Strafstoß wählt. Er wusste nicht, dass Eric Caldow eine Legende, würde man heute sagen, war, der 14 Jahre bei den Rangers verteidigte in 265 Partien und 40-facher schottischer Nationalspieler war. Egon Loy kannte auch die anderen Mitspieler Caldows nicht, keiner aus dem Team von Eintracht Frankfurt kannte seinerzeit seinen Gegenspieler aus Glasgow.

Spielerbeobachtung, Spielanalyse, mögliche Aufstellung, Infos über den Gegner – das war alles unbekannt. Im anderen Halbfinale, FC Barcelona gegen Real Madrid, schickte die Eintracht ihren Spieler Alfred Pfaff zur Beobachtung, das Rückspiel durfte sich Richard Kreß anschauen, beide berichteten hinterher Trainer Paul Oswald, das war alles. „Wir kannten den schottischen Flachpass und wussten, dass sie stark bei Kopfbällen sind“, erzählt Loy. Auf eines hatte sich die Eintracht einstellen können, auf den Spielball. Trainer Oswald hatte eine Woche vor dem Rückspiel des Europapokal-Halbfinales ein Netz voller Bälle organisiert, mit denen die Glasgow Rangers trainierten, steinhart waren die Bälle, erinnert sich Egon Loy, der am Samstag seinen 91. Geburtstag feierte. Und eigentlich am Mittwoch in Sevilla beim Finale der Eintracht dabei gewesen wäre, doch die Knochen machen nicht mehr so mit, mit dem Laufen hat er ein paar Probleme. Für die Besuche im Waldstadion – zuletzt war der rüstige Rentner beim Halbfinale gegen West Ham da – reicht es aber noch. Loy wird mit Gattin die Partie zu Hause im Fernsehen ansehen, ein Gläschen Wein in der Hand, „die packen das“, sagt er im Gespräch mit der FR.

1960: Eintracht Frankfurt erlebt zwei Festspiele gegen die Glasgow Rangers

Wie sie es damals gepackt haben, vor 62 Jahren, im Halbfinale, als sie die Glasgow Rangers, allesamt Profis, in zwei Spielen förmlich auseinandernahmen, 6:1 in Frankfurt, 6:3 zwei Wochen später im Ibrox-Park. Was waren das für Festspiele.

Dabei hatte es gar nicht gut begonnen für die Frankfurter. Richard Kreß hatte früh (8.) einen Strafstoß vergeben, Caldow prompt (31.) die Frankfurter Führung (29.) durch Dieter Stinka, gemeinsam mit Dieter Lindner einer der ganz jungen Spieler im Eintracht-Team ausgeglichen. Zur Pause stand es 1:1, und nichts deutete darauf hin, dass die dann folgenden 45 Minuten der Eintracht zu einem Rausch gerieten, zu einem Tore-Spektakel, eines schöner herausgespielt als das andere. Nach dem Doppelschlag von Erwin Stein (51., 55.) erhöhte Jungspund Lindner auf 5:1 (73., 84.), und das halbe Dutzend machte Stein (86.) voll, der nach einem weiten Abschlag von Loy das 6:1 erzielte, „auf meine Vorlage“, wie der ewige Torwart sagte. Wie unwirklich dieses Ergebnis war, zeigte auch diese Anekdote: „Ein schottischer Reporter versuchte seinen ungläubigen Kollegen daheim in Glasgow den Spielbericht durchzutelefonieren: „Five-one. Yes – no, not for Rangers: Eintracht 5, Rangers 1 – oh, no! Eintracht 6, Rangers 1!“

Egon Loy erzählte später, dass er fast ein bisschen sauer war wegen des einzigen Gegentores, das nämlich habe ihm zwei Tage Urlaub gekostet. Und das kam so: Mit seinem Arbeitgeber, der Frankfurter Metallgesellschaft (seinerzeit 31 000 Mitarbeiter, Umsatz: 3,1 Milliarden Mark), hatte er vereinbart, für jedes Spiel, in dem er ohne Gegentor bleiben würde, würde er zwei freie Tage erhalten.

Ohnehin hat Egon Loy an diesem Mittwoch, als die Rangers nach allen Regeln der Fußballkunst ausgespielt wurden, noch gearbeitet, bis auf die Selbständigen Kreß, der eine Apotheke hatte, und Alfred Pfaff mit seiner Gaststätte, gingen alle Helden einer geregelten Arbeit nach. Loy war bis 14.30 Uhr im Büro. Dann ist er vom Reuter Weg am Frankfurter Opernplatz ans Waldstadion gefahren, wo sich die Mannschaft in einer in der Otto-Fleck-Schneise angesiedelten Sportschule getroffen hatte. Es gab Kaffee und Kuchen, es wurde sich ein bisschen ausgeruht, „dann sind wir rüber gelaufen ins Stadion zum Eingang an der Wintersporthalle“, erinnert sich Loy. Vorbei an den ersten Fans, die kamen und den Spielern auf die Schultern klopften. 72 800 durften seinerzeit ins alte Waldstadion, und die veranstalteten, mal glaubt es kaum, einen Höllenradau. Viele hatten Silvesterraketen mitgebracht, Knallfrösche, Böller, sie brannten ähnlich wie die Spieler auf dem Rasen auch auf den Rängen ein Feuerwerk ab. In der Vereinszeitung der Eintracht konnte man in einem veröffentlichten Brief lesen: „Eine Viertelstunde vor Spielbeginn kochte dann das Stadion wie ein Kessel Wäsche oder besser noch wie der Krater eines Vulkans. Rauchschwaden, Raketen, Leuchtkugeln, bengalisches Feuer, wogende Massen und schließlich der große Ausbruch der Stimm-Orkane machten die Illusion fast zur gespenstischen Wirklichkeit – ein surrealistisches Bild.“ Choreographie in den Sixties.

Das erstaunliche war: Auch im Rückspiel im Ibrox-Park kassierten die Schotten, allesamt Profis, gegen die Amateure aus der Oberliga Süd wieder ein halbes Dutzend Tore. Dieses Mal war es zwar enger, aber „wir kamen nie ernsthaft in Bedrängnis, hatten immer geführt“, sagt Loy. Lindner hatte wieder früh (8.) getroffen, der Ausgleich folgte postwendend, Pfaff (20.) und Kreß (27) sorgten für den Halbzeitstand, McMillian verkürzte (53.), ehe Erich „Flutlicht“ Meier (67., 69.) auf 5:2 erhöhte, Wilson (73.) und Pfaff (88.) schafften den Endstand.

Leon Balogun von den Glasgow Rangers im FR-Interview

„Hingabe unserer Fans ist bedingungslos“

Und diese Eintracht, die so furios, so spektakulär, so modern nach vorne spielte, erwarb sich bei den Schotten höchsten Respekt, die 68.578 Fans applaudierten schon häufig während des Spiel gelungenen Kombinationen der Frankfurter, hinterher bildete in der Katakomben die komplette Rangers-Mannschaft, noch in schweißnassen Trikots, Spalier für den verdienten Sieger und spendete Beifall.

Ohnehin waren die Deutschen sehr angetan von der unglaublichen Fairness der Schotten, die die Meisterleistung der Hessen neidlos anerkannten. Wie sehr sich die Frankfurter in die Herzen der schottischen Fans gespielt hatten, zeigte sich auch zwei Wochen später, als die Eintracht zum Finale gegen Real Madrid nach Glasgow zurückkehrte. Bus- und Taxifahrer, so schrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel, weigerten sich aus Anerkennung für die große Leistung, von den deutschen Anhängern Fahrgeld zu kassieren. Das Gros der Fans im prall gefüllten Hampden Park hielt zu den Deutschen und hoffte auf eine weitere Sensation. Die bekanntlich dann ausblieb.

„Die Eintracht hat großartig gespielt“

Doch zuvor prasselte Lob auf Eintracht Frankfurt hernieder: Emil Österreicher etwa, damals umtriebiger Manager von Real Madrid, sagte: „In der Geschichte der Europacupspiele ist es noch nie vorgekommen, dass eine Mannschaft in zwei Vorschlussrundenspielen zwölf Tore schoss. Die Eintracht hat großartig gespielt und wird ein sehr schwerer Gegner für Real im Endspiel sein.“

Interessant übrigens, dass Eintracht Frankfurt schon vor 62 Jahren durchaus zwei unterschiedliche Gesichter in den beiden Wettbewerben zeigte. Der große Journalisten Ludwig Dotzert, der seinerzeit gemeinsam mit Bert Merz für die Frankfurter Rundschau beim 6:3 in Glasgow vor Ort war, schrieb in der FR: „Der Oberliga-Riederwälder und der Europacup-Riederwälder — das sind zwei verschiedene Menschen.“

Nach der Gala übrigens spielte die Eintracht in der Oberliga im nächsten Punktspiel gegen den Tabellenvorletzten Viktoria Aschaffenburg, 4:4 am Ende. (Thomas Kilchenstein)

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