Sebastian Kehl trägt einen Mund-Nasen-Schutz mit Dortmund-Emblem
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Sebastian Kehl im Interview mit unserer Zeitung: Ohne Fans ist der Fußball nichts!

Großes Sport-Interview

Sebastian Kehl: „Ich hoffe, dass im Herbst wieder Fans im Stadion sind“

  • Thomas Schafranek
    vonThomas Schafranek
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Sebastian Kehl (40) hat in den vergangenen Tagen ziemlich gelitten. Der Stachel der 0:1-Heimniederlage gegen Bayern München sitzt noch immer tief. Dennoch blickt der Leiter der Lizenzspielerabteilung von Borussia Dortmund nach vorne. Der Lahrbacher äußert sich im Gespräch mit unserer Zeitung unter anderem über das Titelrennen, die Coronakrise und das Homeschooling im Hause Kehl.

  • Sebastian Kehl äußert sich im Interview zu den Corona-Auflagen.
  • Der 40-Jährige hofft im Herbst diesen Jahres auf Bundesliga-Spiele mit Zuschauern.
  • Zudem stärkt er Trainer Lucien Favre nach Spekulationen über dessen Zukunft in Dortmund den Rücken.
Sieben Punkte Rückstand auf die Bayern bei nur noch sechs ausstehenden Spielen: Das Titelrennen ist gelaufen, oder?
Wenn man die Tabelle realistisch betrachtet, ist mit unserer Niederlage am Dienstag eine Vorentscheidung gefallen. Es müsste schon ziemlich viel passieren, damit Bayern München sich das noch nehmen lässt. Wir sind noch immer sehr enttäuscht, weil wir nach dem Restart richtig gute Spiele abgeliefert haben und die Hoffnung groß war, das Titelrennen bis zum Ende offen zu gestalten.
Trainer Lucien Favre fand das Spiel gegen die Bayern ja gar nicht so schlecht. Waren Sie mit der Leistung der Mannschaft auch zufrieden?
Wir sind stark gestartet und haben insgesamt auch ein gutes Spiel gemacht, aber eben kein sehr gutes. Und das wäre gerade in dieser Situation notwendig gewesen, um Bayern München zu schlagen. Unter dem Strich müssen wir konstatieren, dass die Bayern etwas cleverer, reifer waren und eine außergewöhnliche Aktion, ein Geniestreich von Joshua Kimmich dieses Spiel entschieden hat, auch weil wir am Ende zu wenige Torchancen kreiert haben, um das Spiel noch zu drehen.
Kurz nach dem Bayern-Spiel hat Favre Spekulation um seine Zukunft beim BVB angeheizt, das aber später vor der Presse aufgeklärt. Gehen Sie davon aus, dass er kommende Saison noch Ihr Trainer sein wird? 
Lucien ist missverstanden worden und hat seine Aussagen danach sofort präzisiert. Wir haben trotz der Niederlage gegen die Bayern eine Top-Rückrunde gespielt. Deshalb gibt es von Vereinsseite überhaupt keinen Grund, seine Arbeit und die Fortsetzung seines Vertrags bis 2021 infrage zu stellen. Wir wollen nun gemeinsam Vize-Meister werden. Das ist unser neues Ziel. Und damit fangen wir am Sonntag in Paderborn an.
Drei Corona-Spieltage sind gespielt. Haben Sie mit einem so reibungslosen Ablauf gerechnet? Sind Sie mit dem Hygienekonzept und der Umsetzung zufrieden?
Die Liga hat ein hervorragendes Konzept auf die Beine gestellt. Alle Vereine mussten und müssen großen Aufwand betreiben, um alle Vorgaben einzuhalten. Das klappt in meinen Augen bis auf kleinere Ausnahmen bislang hervorragend. Aber: Wir dürfen da jetzt auf keinen Fall nachlassen. Wir wollen die Saison bis Ende Juni zu Ende spielen. Deshalb müssen wir alle weiterhin sehr diszipliniert sein.
Was heißt das konkret? Wie läuft so ein Tag für die Spieler ab?
Spieler, Trainer, Staff etcetera leben in einer Art häuslicher Quarantäne. Sie halten sich nahezu ausschließlich zu Hause auf, fahren von dort aus zum Training. Geduscht wird daheim. Auch gemeinsame Mittagessen auf dem Trainingsgelände gibt es nicht. Soziale Kontakte, auch für alle Familienangehörigen, sind auf ein absolutes Minimum reduziert. Oft beziehen wir vor dem Spieltag noch ein Hotel. Mehr als die eigenen vier Wände, das Trainingsgelände und ein Hotel sehen alle derzeit nicht.
Wie oft werden die Spieler und das Personal getestet?
Pro Woche gibt es zwei verbindliche Testungen, die über ein Labor in Recklinghausen abgewickelt werden. Einmal direkt vor dem Spieltag und einmal zu Beginn der Woche, um sicherzustellen, dass die Spieler und ihre Angehörigen bestmöglich geschützt werden und sich nicht angesteckt haben. Die Tests sind zwar keine Garantie, aber die Möglichkeit zur Verbreitung des Virus wird dadurch so gut wie eben möglich minimiert.
Wie erleben Sie ganz persönlich so einen Geister-Spieltag? Allein die Anreise ohne Fans und Verkehr auf den Straßen muss doch schon seltsam sein?
Definitiv. Der Weg von unserem Hotel bis zum Stadion dauert jetzt nur noch knapp fünf Minuten. So schnell schafft man das normalerweise nicht. Die Straßen sind leer, es sind keine Fans unterwegs, rund ums leere Stadion ist alles erschreckend ruhig. Das sind alles Dinge, die sehr gewöhnungsbedürftig und teilweise skurril sind. 
Und wie fühlt es sich während des Spiels an?
Genauso. Aber das Spielen ohne Zuschauer war nun mal die einzige Möglichkeit, um überhaupt wieder starten zu können. Die Situation ist nicht leicht, aber am Ende für alle gleich. Und wir haben das sehr gut angenommen und machen das Beste daraus. Man merkt den Spielern zudem an, dass sie ganz einfach richtig Lust haben, wieder zu kicken. Und die Einschaltquoten haben gezeigt, dass sich die Fans auf den Fußball gefreut haben – selbst wenn sie erst mal nicht im Stadion sein können.
Gewöhnt man sich an so eine Geister-Atmosphäre?
Ungern. Gerade die Top-Spiele gegen Schalke und Bayern, die normalerweise ja sehr emotional sind, ohne unsere Zuschauer auszutragen, tut schon sehr weh, und das ist sicher auch kein Vorteil. Die Extra-Motivation durch unsere treuen Fans fehlt den Spielern natürlich. Wir versuchen, andere Wege zu finden, um uns zu motivieren, uns gegenseitig auf dem Platz zu helfen, laut zu sein. Aber das ist natürlich nicht dasselbe. 
Ist das ein Grund dafür, dass es an den ersten drei Geister-Spieltagen in 27 Partien nur 5 Heimsiege gab?
Das glaube ich schon. Gerade die Mannschaften, die ihre Fans dringend brauchen, um vielleicht mal einen vermeintlich übermächtigen Gegner schlagen zu können, spezielle Spiele daraus zu machen mit der extra Atmosphäre, haben es jetzt schwerer. Deshalb hat sich nach dem Restart durchaus gezeigt, dass die Kluft zwischen den Teams, die um die ersten fünf Plätze spielen, und den anderen ziemlich groß ist und sich die Qualität am Ende durchsetzt.
Die Fans sind also wichtig. Aber gibt es vielleicht auf der anderen Seite Anzeichen dafür, dass einige Spieler ohne den Druck von 80 000 Fans im Rücken befreiter aufspielen?
Das sehe ich eher nicht. Für die Spieler ist es viel schwieriger, sich mental auf eine Begegnung ohne Fans einzustellen. Das ist ja für alle eine komplett neue Situation. In schwierigen Phasen von außen keine Unterstützung zu bekommen, fehlt vielen Spielern definitiv – selbst wenn sich alle freuen, wieder auf dem Platz stehen zu dürfen. 
„Es gibt überhaupt keinen Grund, die Arbeit von Lucien Favre in Frage zu stellen“, meint Sebastian Kehl.
Ist diese neue mentale Herausforderung für die Spieler der Grund, warum Sie Ihren ehemalige Torhüter Philipp Laux als neuen Sportpsychologen an Bord geholt haben? 
Es war fest eingeplant, Philipp Laux zur kommenden Saison zum BVB zu holen, um dem wichtigen Bereich der Sportpsychologie eine größere, angemessene Bedeutung zu geben. Wegen der neuen, ungewohnten Situation für alle und den damit einhergehenden Herausforderungen haben wir uns dann gemeinsam dazu entschlossen, Philipp schon jetzt zu verpflichten. Wir wollen dauerhaft in allen Bereichen noch besser, noch professioneller werden. Und deshalb ist Philipp jetzt Teil des Teams.  
Was sind seine konkreten Aufgaben?
Philipp ist Ansprechpartner für das komplette Team. Er bietet somit mit seiner großen Erfahrung ein zusätzliches Angebot, das alle annehmen können, aber nicht müssen. Sein Fokusbereich ist jetzt vor allem den Spielern zu helfen, mit der aktuellen Situation und ihren ganz persönlichen Themen besser umzugehen. Perspektivisch wird er uns darüber hinaus in der Team- und Persönlichkeits-Entwicklung, im mentalen Coaching sowie bei der interdisziplinären Zusammenarbeit mit unseren Abteilungen unterstützen.
Gibt es bei den Spielern Bedenken oder gar Ängste? Wenn jemand sagen würde, er möchte nicht spielen, würden Sie ihn freistellen?
Wir haben unsere Spieler von Anfang an sehr intensiv begleitet, sie immer wieder über die neuesten Entwicklungen informiert. Aufgrund der wachsenden Anforderungen haben wir unseren medizinischen Stab ebenfalls erweitert und haben nun einen festen Hygienebeauftragten. Wir nehmen die Situation insgesamt sehr ernst und sind uns unserer Verantwortung auch absolut bewusst. Ich habe das Gefühl, dass unsere Mannschaft und das Team hinter dem Team deshalb großes Vertrauen in unsere Arbeit und ins DFL-Konzept haben. Und natürlich gab es Nachfragen und ganz persönliche Themen. Aber kein Spieler hat Bedenken geäußert oder gesagt, dass er es sich nicht zutraut, zu spielen.
Sie sitzen in der DFL-Kommission „Fußball“, die sich damit befasst, ob sich nach Corona im Profifußball etwas ändern muss. Wie ist da der Stand der Dinge?
Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich der Fußball der Kritik, die in den vergangenen Monaten aufgekommen ist, stellen muss und sie vor allem ernst nimmt. Sicherlich gehören einige Punkte auf den Prüfstand, die wir in der Kommission offen diskutieren. Was die Gehaltsfragen, Transfersummen etc. betrifft, ist halt immer die Frage, was am Ende realistisch umsetzbar ist unter Berücksichtigung aller Interessensvertreter und der Rechtslage.
Gibt es denn aus Ihrer Sicht irgendeine Hauptlehre, die der Fußball aus und nach Corona ziehen sollte?
Eines ist uns allen wohl bewusst geworden: Ohne Fans und die Akzeptanz in der Gesellschaft ist der Fußball nichts! 
Hat es Sie überrascht, dass die Fans so mitziehen, dass es keine Proteste oder Zusammenkünfte vor den Stadien gibt?
Die Vereine, Verbände und Institutionen haben hier gute Arbeit geleistet und bei den Fangruppen immer wieder für Verständnis geworben. Für die Fans, für die Fußball einen sehr großer Lebensinhalt bedeutet, ist es sicherlich auch keine leichte Situation, echt hart. Aber auch für sie gibt es keine andere Alternative. Ich stehe selbst mit vielen von ihnen in Kontakt. Irgendwann werden wir ja wieder zusammen im Stadion feiern können. 
Aber wann? Würden Sie eine Prognose wagen, wann wir wieder Zuschauer in den Stadien sehen werden?
Darauf eine realistische Antwort zu geben, ist derzeit extrem schwierig. Die Frage ist ja, wann es in unserer Gesellschaft wieder eine gewisse Normalität geben wird und welchen Kurs unsere Politik hierbei einschlagen wird. Aber ich habe die Hoffnung, dass wir vielleicht im Herbst dieses Jahres wieder Spiele mit Fans sehen werden.  
Wie könnte das dann aussehen? Ist eine Stufenlösung denkbar, wie sie in Schweden angedacht ist?
Natürlich können wir nicht gleich wieder das gesamte Stadion füllen. Aber einen gewissen Teil unserer 80 000 Plätze könnte man anfangs für die Fans schon öffnen. 
Zurück zum Sportlichen: Sonntag geht´s nach Paderborn. Wie gehen Sie es an? Wie ist die Personalsituation?
Erling Haaland und Mo Dahoud werden leider ausfallen. Andere Spieler kommen aber zurück. Lucien Favre kann also ein sehr schlagkräftiges Team auf den Rasen schicken. Klar ist, dass wir in Paderborn gewinnen wollen und müssen. Schon allein deshalb, um die Diskussionen der vergangenen Tage zu beenden. Und vor allem, um Platz zwei zu festigen. 
Zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Auch im Hause Kehl gab oder gibt es doch sicherlich Home-Schooling. Wie haben Sie das als Familie bewältigt?
Ich war leider tagsüber gar nicht so häufig zu Hause, wie man sich das vielleicht in der Corona-Zeit vorstellen würde, da in den vergangenen Wochen beruflich einfach sehr viel zu tun war. Trotzdem habe ich natürlich alles mitbekommen. Aber letztlich hat meine Frau die Hauptlast getragen, war Lehrerin für unsere Kids. Wie die meisten anderen Familien haben auch wir gemerkt, dass es sowohl für Kinder als auch für die Eltern keine leichte Zeit war und ist. Deshalb ist es gut und wichtig, dass der Unterricht in der Schule jetzt zumindest tageweise wieder angelaufen ist.

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