Der Vorsitzende des Schützenvereins Petersberg, Frank Urspruch, beobachtet den Bundesliga-Wettkampf vorigen November in Pilgerzell aus sicherer Entfernung.
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Der Vorsitzende des Schützenvereins Petersberg, Frank Urspruch, beobachtet den Bundesliga-Wettkampf vorigen November in Pilgerzell aus sicherer Entfernung.

„Geld und noch mehr Zeit investiert“ 

Petersbergs Vorsitzender ärgert sich über kurzfristige Absage der Schützen-Bundesliga

  • Laurenz Hiob
    vonLaurenz Hiob
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Frank Urspruch (41) ärgert sich als Vorsitzender des Schützenvereins Petersberg nicht so sehr über die Absage des Bundesliga-Wettkampfs. Den Bankkaufmann stört dafür umso mehr der späte Zeitpunkt.

Voriges Wochenende wäre der große Tag gewesen: Bundesliga im Schützenhaus. Ist der Ärger nach der kurzfristigen Absage inzwischen verflogen?
Die Absage an sich hat uns weniger geärgert als der Zeitpunkt. Im August wurde noch beschlossen, dass die Bundesliga stattfinden müsse. Die Vereine müssten flexibel und kreativ sein. Gerade für die Ausrichter der ersten Wettkampfwochenenden ist eine so kurzfristige Absage bitter.
Mit dem Event „Meisterschütze 2020“ hatte der DSB aber keine Probleme. Das Finale ging nahezu planmäßig in Wiesbaden über die Bühne. Bekommt die Absage da keinen faden Beigeschmack?
Die Wettkämpfe waren ja Fernwettkämpfe, und das Finale wurde ohne Zuschauer mit Livestream ausgetragen. Das sind andere Verhältnisse. Wenn zu uns fünf auswärtige Mannschaften inklusive Trainern und Betreuern anreisen, sind das mit unserer eignen Mannschaft plus Helfern mindestens 60 Personen.
Sind dem Schützenverein Kosten entstanden, weil beispielsweise das Propsteihaus für ein Public Viewing gebucht war, aber gar nicht benötigt wurde?
Aufgrund der Beschränkungen war uns sehr früh klar, dass wir nicht nach Pilgerzell in die Florenberghalle gehen können. Mit nur sehr wenigen Zuschauern wäre das nicht kostendeckend möglich gewesen. Allerdings ist unser Schützenhaus zu klein, dass alle anderen Mannschaften permanent im Schützenhaus sein dürften. Da das Propsteihaus frei war, entwickelte unser Sportleiter Michael Döllinger ein schönes Onlinestreaming. Hier mussten beispielsweise Kameras beschafft werden, da wir Videos der Sportler und die Moderation übertragen wollten. Zum Schutz der Aktiven haben wir Trennwände aufgebaut, Desinfektionsmittel und Spender beschafft. Und zur Finanzierung der Saison war ein Begleitheft produziert worden, dessen Druck wir gerade noch stoppen konnten. Das Propsteihaus hat die Gemeinde kostenfrei storniert. Zu den Kosten kommt aber noch die Zeit, wovon wir im Vorfeld richtig viel investiert haben. 
Beteiligt sich der Verband denn an den Kosten?
Vom Schützenbund ist keine Beteiligung zu erwarten.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schützenbund?
Das ist immer unterschiedlich, manche Dinge laufen tatsächlich hervorragend. In der aktuellen Situation war der DSB jedoch wenig hilfreich. Es wurde ein großes Hygienekonzept als Hilfestellung angekündigt, das jedoch nur allgemeine Handlungsempfehlungen beinhaltete. Natürlich ist die Situation für alle neu – und ändert sich ständig. Aber wenn man auf konkrete Fragen vom Dachverband zu hören bekommt, man solle kreativ sein, wundert das in einer Bundesliga schon. 
Der Kontakt müsste aber doch eng sein, schließlich stammt der DSB-Präsident aus dem nahen Herbstein.
Wie alle Vereine und Verbände hat der DSB eine Ressortaufteilung; für die Bundesliga ist Vize Gerhard Furnier zuständig. Direkten Kontakt gibt es mit uns aber nicht. Wir haben stets mit einer sehr freundlichen und hilfsbereiten Sachbearbeiterin zu tun. Ganz anders ist das beim Landesverband. Präsidentin Tanja Frank hat mich zwei Tage nach der Absage angerufen und wollte einfach mal hören, wie wir damit umgehen. Das fand ich klasse.
Frank Urspruch findet die kurzfristige Absage der Bundesliga „bitter“.
Es gab außer dem Meisterschützen noch Ranglistenturniere und Marathonschießen – teilweise sogar vor Zuschauern. In den unteren Klassen hat die Saison gerade voll begonnen. Aber die Bundesligisten kriegen das nicht hin? Was macht den Unterschied?
Das kann ich nicht auf Anhieb beantworten. Hier müssen viele Faktoren berücksichtigt werden. So gibt es ja ein Beherbergungsverbot in einigen Bundesländern für Personen aus Risikogebieten. Eine Sportmannschaft muss aber am Wettkampfort übernachten. Das geht dann nicht. Wir haben sogar die ganze Saison ohne unsere indische Schützin Vinita Bhardwaj geplant, die Situation dort ist ja noch mal eine ganz andere, so dass an Ausreise aktuell sowieso nicht zu denken ist. Andere Vereine sind noch stärker auf die ausländische Unterstützung fokussiert und hatten vielleicht Bedenken. Ohne großen Heimwettkampf mit Zuschauern können wir keine Einnahmen für den Verein generieren, haben aber alle Reise- und Hotelkosten einer normalen Saison. Als kleiner Verein ist das eine echte Herausforderung.
In Hessen und unserem Schützenbezirk werden die Wettkämpfe ja grundsätzlich als Fernwettkämpfe ausgetragen – also jede Mannschaft an ihrem Heimstand. Ein Konzept, das zwar nicht den gleichen Wettkampfstress aufkommen lässt, aber wenigstens einen ermöglicht. Dabei kommt Spannung auf, wie wir bereits bei den ersten Wettkämpfen erlebt haben.
Die ganze Bundesliga-Saison ist abgeblasen. Haben die Petersberger Topschützen dann überhaupt Wettkämpfe?
Für uns war ganz schnell klar, dass wir unsere Stammschützen nach der Absage nicht in den unteren Klassen einsetzen. Das wäre nicht fair. Aktuell gibt es Bestrebungen von einzelnen Vereinen und großen Bundesliga-Partnern, Ersatzwettkämpfe auszutragen. Manche bevorzugen hier Präsenzwettkämpfe, wir favorisieren Fernwettkämpfe. Mit Mengshausen stehen wir in engem Austausch, um unserem Team sportliche Herausforderungen zu bieten. Es wird also sicherlich der ein oder andere Wettkampf noch kommen. 
Haben Sie sich noch häufig an den ersten Petersberger Bundesliga-Wettkampf vergangenes Jahr in Pilgerzell erinnert?
Oh ja, wir haben unter anderen ein Zeitraffer-Video vom kompletten Wettkampf inklusive Auf- und Abbau angesehen. Die paar Minuten haben wir uns tatsächlich schon öfter angeschaut. Einfach toll.
Mit einem Jahr Abstand: Das war trotz der knappen Niederlage schon eine überraschend große und stimmungsvolle Angelegenheit. Lässt sich das denn überhaupt wiederholen, wenn die Pause jetzt immer länger wird?
Die Wettkämpfe in Pilgerzell waren einfach nur gelungen. Die eigene Niederlage war aus sportlicher Sicht natürlich sehr schade, allerdings waren wir als Verantwortliche einfach nur glücklich, dass alles so toll gelaufen ist und wir so viel Publikum erreicht haben. Von Seiten der Offiziellen und der anderen Mannschaften haben wir nur Lob für die Veranstaltung bekommen. Das hätten wir natürlich gerne wiederholt. Ich gehe schon davon aus, dass die Menschen wiederkommen werden und wir erneut tolle Wettkämpfe mit Atmosphäre und Stimmung vor einem großen Publikum sehen werden. Alles Weitere müssen wir aber abwarten.
Wie gelingt es den Schützen, das Niveau zu halten, um 2021 voll anzugreifen?
Viel lässt sich mit Training und der richtigen Einstellung erreichen. Natürlich ist das kein vollständiger Ersatz für Wettkämpfe vor Publikum, aber ich vertraue da dem Team und Trainerin Anja Heck. 

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