Die TSG Lütter (links: Anne Schneider) und der TSV Pilgerzell (rechts: Anna Sophia Enders) sind neben dem SV Gläserzell die erfolgreichsten osthessischen Frauenteams.
+
Die TSG Lütter (links: Anne Schneider) und der TSV Pilgerzell (rechts: Anna Sophia Enders) sind neben dem SV Gläserzell die erfolgreichsten osthessischen Frauenteams.

Spielgemeinschaft als Option

Hessenliga-Abteilungsleiter über die Zukunft des Frauenfußballs: „Bündnis eingehen oder dichtmachen“

  • Steffen Kollmann
    vonSteffen Kollmann
    schließen

Im zweiten Jahr in Folge sind drei Fuldaer Vereine in der Frauen-Hessenliga vertreten. Also alles gut in Osthessen? Leider nein, wie die Abteilungsleiter der Vereine, Gläserzells Melanie Müller (36), Lütters Daniel Bolz (34) und Pilgerzells Marc Leubecher (34), im Gespräch unterstreichen.

Erneut spielen drei Fuldaer Teams in der Hessenliga. Befindet sich der Frauenfußball in der Region in einer guten Situation?
Müller: Das würde ich nicht sagen. Die Zahlen im Frauen- und Mädchenfußball sind eher rückläufig. In der Zukunft wird es sicher schwer sein, mit drei Vereinen auf dieser Ebene zu spielen.
Wo liegen die Probleme?
Bolz: Es kommt zu wenig nach. Wir sind schon an die Schulen gegangen und haben versucht, Mädchen zu akquirieren. Aber das ist momentan ganz schwierig. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass alle drei Clubs im Jugendbereich Spielgemeinschaften eingegangen sind. Wenn Misserfolge kommen, springen viele ganz schnell ab.
Leubecher: Bei meinen Anfängen gab es einen großen Hype aufgrund der Frauen-WM in Deutschland 2011. Für die nächste Weltmeisterschaft bewirbt sich Deutschland 2027, bis dahin sind vielleicht schon einige Vereine tot.
Bolz: Zumal man davon ja nicht sofort profitiert, sondern vier, fünf Jahre später.
Lütter spielt seit 2018 in Hessens Beletage und war gleich in der ersten Saison vor Gläserzell beste osthessische Mannschaft. Wie hat es die TSG nach oben geschafft?
Bolz: Letztlich haben wir sehr von Jürgen Reinhardts Arbeit bei den B-Juniorinnen profitiert. Nur vier oder fünf Spielerinnen im Kader standen nicht unter seinen Fittichen. Zum Glück haben wir in unserer ersten Hessenliga-Saison kaum Anpassungszeit benötigt, trotz einer 1:6-Niederlage zum Auftakt schnell eine Serie gestartet und sind so nie in den Abstiegskampf geraten. Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden, auch wenn wir gerne mal wieder ein Derby gegen Gläserzell gewinnen würden (lacht).
Pilgerzells Marc Leubecher (von links), Gläserzells Melanie Müller und Lütters Daniel Bolz waren Gäste der Redaktion.
Pilgerzell kam ein Jahr später hinzu, hatte mit sechs Niederlagen in sechs Spielen und einem Trainerwechsel aber bislang keine einfache Saison 2020/21.
Leubecher: Wir sind auch nur durch unsere funktionierende Jugendarbeit in der Hessenliga gelandet. Die Vorsaison war für uns schon nicht viel einfacher, wobei wir da als Neuling noch mehr Aufwind hatten. Nun ist in dieser Spielzeit die Trainersituation nach hinten losgegangen, dazu ist der Kader klein und eng. Uns war klar, dass es schwierig werden würde.
Während bei Lütter und Pilgerzell die Hessenliga sicherlich das Maximum ist, spielte Gläserzell schon in der Regionalliga und ist jetzt als Erster auf einem guten Weg. Ist der Aufstieg das Ziel?
Müller: Ich bin immer noch der Meinung, dass wir es auf jeden Fall versuchen sollten, wenn wir es sportlich schaffen – und das wollen die Mädels auch. In der vergangenen Saison gab es noch einige skeptische Stimmen, weil etablierte Spielerinnen gegangen sind. Aber die Jugendspielerinnen machen es super.
Wäre der Verein für die Regionalliga gewappnet?
Müller: Es wäre sicherlich ein hartes Stück Arbeit. Vom Sportlichen abgesehen, müssen Sponsoren generiert werden, da die Regionalliga mit enormen Kosten verbunden ist. Und bei den Frauen ist es anders als im Männerbereich, wo dir die Sponsoren fast hinterherlaufen.
Im Jugendbereich machen Gläserzell und Pilgerzell gemeinsame Sache. Ist das auch bei den Frauen denkbar?
Leubecher: Wenn man Kräfte bündelt, kann man mehr erreichen. Wichtig ist, dass die Bereitschaft der Vereine dazu da ist. Dann wäre die Regionalliga sicherlich ein realistisches Ziel. Sonst schaut jeder Verein für sich, wo er bleibt.

Die Vereine

Der TSV Pilgerzell hat im Jahr 2010 seine Frauenabteilung ins Leben gerufen. Die Bilanz seitdem: vier Meisterschaften, nur ein Abstieg. 2019 gelang mit der Verbandsliga-Meisterschaft der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Der TSV befindet sich nun in seinem zweiten Hessenliga-Jahr.

Die erste Frauenmannschaft des SV Gläserzell wurde bereits 1971 gegründet. Seit 2006 spielt der Club stets mindestens auf Hessenliga-Ebene und hat sich seit einigen Jahren den Status als Osthessens Nummer eins verdient. Größte Erfolge waren die Hessenliga-Meisterschaften in den Jahren 2013 und 2015, in der Saison 2013/14 spielte der SVG in der Regionalliga.

Die TSG Lütter geht bei den Frauen seit der Saison 2013/14 eigenständig an den Start. Zuvor wurde seit 2006 eine Spielgemeinschaft mit dem FC Eichenzell gebildet. 2018 glückte der Aufstieg in die Hessenliga, mit dem fünften Platz war die TSG in der darauf folgenden Saison vor Gläserzell bestes osthessisches Team.

Lesen Sie hier: Erinnerungen an Bundesliga-Zeiten in Schwarzbach

Also gab es schon konkrete Gespräche?
Leubecher: Bislang nicht. Aber irgendwann wird es so kommen. Bei dieser Entwicklung muss man entweder irgendwann dichtmachen oder ein Bündnis eingehen.
Müller: Gerade wenn man höherklassig spielen will, muss man langfristig wahrscheinlich einen Verein bilden.
Wäre es dann eine Möglichkeit, auch Lütter mit ins Boot zu holen und beispielsweise eine FSG Fulda zu gründen?
Bolz: Wir haben uns in dieser Richtung noch gar keine Gedanken gemacht. Wir wollen so lange wie möglich eigenständig sein und Hessenliga spielen.
Momentan werden 50 Jahre Frauenfußball gefeiert. Welche Verbesserungsansätze seht ihr, zum Beispiel in Sachen Zuschauerzuspruch?
Bolz: Der Zuschauerzuspruch ist bei uns richtig gut, sowohl in der ersten als auch der zweiten Mannschaft. Zum Derby gegen Gläserzell hätten coronabedingt beispielsweise nicht viel mehr Leute an den Sportplatz kommen dürfen. 250 waren maximal erlaubt.
Leubecher: Es ist immer schade, dass die mediale Aufmerksamkeit nicht mehr so da ist wie früher. Der Frauenfußball macht nicht mehr den großen Kreis, den er mal gemacht hat.
Und wie wird die Frauenfußball-Abteilung generell in den Vereinen gesehen? In Lütter und Pilgerzell gibt es diese erst seit etwas mehr als zehn Jahren.
Bolz: Anfangs gab es ein paar kritische Stimmen, die ruckzuck verschwunden waren. Es herrscht ein Zusammenspiel, die Herren machen bei den Spielen der Damen die Theke und andersrum. Auch bei den Einstands- und Weihnachtsfeiern sind in normalen Zeiten alle da. Es herrscht ein großes Miteinander.
Leubecher: Lütter ist da sicherlich der Vorreiter. Bei uns ist ebenfalls das Interesse zwischen den Teams da. Auch die alteingesessenen Zuschauer, die anfangs kritisch waren, kommen an den Sportplatz.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema