Früher hieß das favorisierte Getränk Bier, heute bevorzugen Eva Muschik (links) und Marie-Luise„Rilo“ Kling einen gepantschten Sekt. Josef „Joschi“ Flügel sagt Prost.
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Früher hieß das favorisierte Getränk Bier, heute bevorzugen Eva Muschik (links) und Marie-Luise„Rilo“ Kling einen gepantschten Sekt. Josef „Joschi“ Flügel sagt Prost.

Legendäre Auswärtsfahrten

Frauenfußball in Osthessen: „Geld gab‘s keins“ - Erinnerungen an Bundesliga-Zeiten in Schwarzbach

  • Ralph Kraus
    vonRalph Kraus
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  • Johannes Götze
    Johannes Götze
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Marie-Luise „Rilo“ Kling, Eva Muschik und Josef „Joschi“ Flügel sind drei prägende Gesichter des Frauenfußballs in Schwarzbach. Das Trio spricht im Interview über die „guten, alten Zeiten“, die wohl niemals mehr zurückkehren werden.

Frauenfußball-Bundesliga am Dorf. Ist das heute noch denkbar?
Kling: Selbst die Regionalliga hätte uns schon in den Spätjahren das Genick gebrochen, weil die finanziellen Mittel gefehlt haben. 
Flügel: Ohne hohe Fernseh- und Sponsorengelder ist so etwas schlicht nicht mehr möglich. Damals haben wir 10 000 Mark Fernsehgelder in einer Saison bekommen. Aber das hat auch nur für das Billigste vom Billigen gelangt.
Wie ist das zu verstehen?
Muschik: Wir hatten das Glück, dass wir bei Auswärtsfahrten schon immer nur den Sprit bezahlen mussten. Winnie, Rilos Mann, hat den Bus gefahren, der uns kostenlos gestellt wurde. Bei den Auswärtsspielen sind wir in den billigsten Jugendherbergen eingezogen. Ich kann mich noch an eine in Dresden erinnern, die war richtig abgefuckt, da wolltest du die Badelatschen nirgends ausziehen.
Aber dennoch sollen die Auswärtsfahrten legendär gewesen sein.
Muschik: Da ging die Post ab. Samstags ging es los, Winnie fuhr den Bus und die Fans haben da schon Gas gegeben. Und wenn wir sonntags auf dem Heimweg waren, da gab es auch schon mal eine Polonaise im Bus.
Flügel: Aber es waren nicht nur die Spiele. Als Sebastian Kehl bei Freiburg gespielt hat, organisierte er uns 20 Karten gegen Leverkusen. Wir haben das Stadion nicht gefunden, dann hat uns ein Polizist auf dem Motorrad über einen Feldweg zum Stadion eskortiert. Das sind Geschichten, die du nie vergisst.
Und was blieb für die Spielerinnen hängen?
Muschik: Trainingsanzüge, Taschen. Einmal gab es für das ganze Team die neuen roten Puma King-Schuhe von einem Sponsor. Die waren richtig geil, die habe ich mir später noch mal gekauft. Aber Geld gab’s keins.
Flügel: Nur in der Bundesliga gab es für die Spielerinnen von weiter weg etwas Spritgeld.
Was war der Reiz?
Kling: Natürlich ging es darum, so hoch wie möglich zu spielen. Aber es hat auch immer der Zusammenhalt, die Kameradschaft gezählt. Das war das A und O. Heute ist das nicht mehr vorstellbar.
Muschik: Da waren drei, vier Radler nach dem Training normal. Das dürfen unsere Töchter aber besser nicht wissen.
Es ging gegen Weltstars. Wer war die beste Gegenspielerin, Frau Muschik?
Muschik: Birgit Prinz natürlich, und auch Steffi Jones. Aber das Schöne war, dass auch solche Stars nie arrogant aufgetreten sind, sie haben eher mal geflachst. Wenn wir gegen Heidi Mohr gespielt haben, hat immer Fiedel (Anita Mihm, d. Red.) gegen sie verteidigt. Das wollte sie, für so Spiele hat sie gebrannt. 
Zwei Saisons war Schwarzbach Mitte der 90er in der Bundesliga. Gab es zu dieser Zeit Spielerinnen, die auch langfristig auf diesem Niveau hätten spielen können?
Flügel: Sonja Rehm mit ihrer Schnelligkeit, Fiedel mit ihrem Bumms und ihrer Kraft, Heike Möller mit ihrer Technik. Da waren schon Raketen dabei. Es war ja nicht so, dass manche Spielerinnen nicht wussten, was ein Ball oder ein Tor ist. Ganz im Gegenteil.
Und Sie, Herr Flügel, haben Entwicklungsarbeit geleistet?
Muschik: Joschi hat uns im Winter durch den Schnee gescheucht. Wir sind gejoggt, er mit dem Auto hinterhergefahren und hat uns ausgeleuchtet, damit wir was sehen konnten. Wenn eine Spielerin mal nicht mehr konnte, ist sie fünf Minuten ins Auto gestiegen. Danach ging es weiter. Joschi hat die Grundlagen geschaffen. Michael Schäfer und noch später Stefan Dresel waren für Technik und Taktik zuständig. Das waren aber alles wirklich tolle Trainer.
Wird es solche Zeiten noch mal geben?
Flügel: Es müsste jemand in die Hand nehmen. Und es ist auch eine Kostenfrage. Wenn es weitergegangen wäre, wäre ich sicherlich noch volle Pulle dabei.
Kling: Die Kameradschaft und der Idealismus sind nicht mehr da, um solche Zeiten noch einmal zurückzuholen. Ich bin schon sehr traurig, dass die Zeit vorbei ist.
Muschik: Die Zeiten, die wir erlebt haben, die wird keiner mehr erleben. Das steht fest.

Lesen Sie hier: Der Hünfelder SV hatte einst einen Nationalspieler in seinen Reihen.

Zu den Personen

„Rilo“ Kling (63) gehört zu den Pionieren des Frauenfußballs in Schwarzbach. In ihrem Heimatort Langenberg kickte sie gemeinsam mit ihren Brüdern und war bei der Geburtsstunde des Frauenfußballs unter ihrem Geburtsnamen Vilmar im Jahr 1977 dabei. Ihre Töchter Daniela und Sylvia spielten später ebenfalls für Schwarzbach. Ihr Mann Winfried war in den Glanzzeiten des Vereins der ehrenamtliche Busfahrer.

Heute wohnt Kling unweit von Eva Muschik, geborene Hildenbrand, in Mackenzell. Die inzwischen 51-Jährige wechselte als Zwölfjährige nach Schwarzbach und erlebte die komplette Glanzzeit des Vereins auf dem Platz als Verteidigerin mit gefürchtetem Kopfballspiel. Heute besitzt sie das größte Archiv über diese Zeit.

Ohne „JoschiFlügel (64) wäre Frauenfußball in Schwarzbach wohl nicht möglich gewesen. Er war neun Jahre Trainer, Abteilungsleiter, Vorstand. Das männliche Gesicht des Schwarzbacher Frauenfußballs.

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