Schnelligkeit, Athletik und Reaktionsfähigkeit: Anna Voß-Garden (rechts) und Robin Löhler wissen um den Facettenreichtum ihrer Sportart, des Fechtens.
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Schnelligkeit, Athletik und Reaktionsfähigkeit: Anna Voß-Garden (rechts) und Robin Löhler wissen um den Facettenreichtum ihrer Sportart, des Fechtens.

Fuldas Fechter messen sich seit 1880

Schachzüge mit dem Florett: Die Fuldaer Turnerschaft ist in Sachen Fechtsport eine Exklave

In Sachen Fechtsport ist Fulda eine Exklave. Mit FT Fulda verfügt nur ein Verein der Region über eine Fechtabteilung. Dort hat der Sport eine große Tradition.

Fulda - „Fechten ist wie Schach.“ Das sagt Robin Löhler über seine Sportart, und ein größeres Kompliment könnte der Trainer der Fuldaer Turnerschaft dem Fechten wohl kaum machen. Denn der Vergleich mit Schach ist nicht nur beliebt, er ist auch eine Adelung. Fußball und American Football bezeichnen sich selbst gerne als „Schach auf Rasen“, und auch von den Klitschko-Brüdern ist mehrfach die Phrase überliefert: „Boxen ist wie Schach“. Das Fechten also auch.

Und die Analogie zum königlichen Spiel liegt ja irgendwie auch nahe. Die Ursprünge des Fechtsports liegen unter anderem in der europäischen Adelskultur. Kein Wunder ist also, dass das Fechten von der breiten Öffentlichkeit meist als eher elitärer Sport wahrgenommen wird. Dieser Unterstellung aber widersprechen Robin Löhler und Anna Voß-Garden energisch. „Das ist Quatsch“, sagt die 37-Jährige entschieden. „Jeder ist bei uns willkommen.“ Seit rund anderthalb Jahren engagiert sich Voß-Garden als Abteilungsleiterin bei FT und teilt sich das Amt mit Larissa Behr.

Fechten bei FT hat lange Tradition: 1880 wurde Abteilung ins Leben gerufen

Die Türen bei FT stehen nämlich allen Einsteigern offen. Beim wöchentlichen Training, das in der Corona-freien Zeit immer dienstags zwischen 18.30 und 21.30 Uhr in der Fuldaer Winfriedschule stattfindet, mischen sich Jung und Alt ebenso wie Anfänger und Fortgeschrittene. Um den Einstieg zusätzlich zu erleichtern, wird Anfängern die notwendige Ausrüstung zunächst gestellt. Erst wer länger dabei ist, sollte sich Maske, Jacke, Waffe und Co. selbst zulegen. Gefochten wird bei FT übrigens hauptsächlich mit dem Florett. Es sei nie zu spät, um mit dem Sport anzufangen, sagt Voß-Garden. Für Kinder und Jugendliche veranstaltet der Verein zudem regelmäßig Anfängerkurse. Da jedes FT-Mitglied, gleich aus welcher Abteilung, jederzeit auch das Training der anderen Abteilungen besuchen kann, ist das eine oder andere Probetraining insbesondere für Vereinsmitglieder attraktiv.

Das Fechten hat bei FT eine lange Tradition: 1880 wurde die Abteilung ins Leben gerufen und besteht seitdem mit einigen Unterbrechungen. Zeitweise nahm Fulda sogar eine Spitzenstellung in Hessen ein und brachte erfolgreiche Athleten hervor, Inge Nüchter etwa oder Winfried Scharlipp. Mit den Deutschen Einzel-Meisterschaften 1953 und den Deutschen Mannschafts-Meisterschaften 1955 sowie dem Länderkampf der Damen zwischen Deutschland und England 1956 war die Fuldaer Orangerie zudem Austragungsort bedeutender Wettkämpfe.

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Fulda: Neben der Fuldaer Turnerschaft verfügt kein weiterer Verein der Region über Fechabteilung

Heute hingegen ist Fulda in Sachen Fechtsport eine Exklave. Neben der Fuldaer Turnerschaft verfügt kein weiterer Verein der Region über eine Fechtabteilung. Die nächsten Standorte finden sich erst in Gelnhausen und in Alsfeld, wo zugleich der Landesstützpunkt Mittelhessen angesiedelt ist. Bei FT, dem mit rund 1600 Mitgliedern in mehr als zehn Abteilungen größten Breitensportverein der Region, sind derzeit 40 Fechter aktiv. Die Zahl ist seit einigen Jahren zwar tendenziell rückläufig – 2014 etwa waren es noch 60 Mitglieder –, langfristig betrachtet aber relativ stabil.

Aufgrund der geographischen Lage wird bei FT der Fokus eher auf die Breite statt auf den Wettkampfsport gelegt. Zu Turnieren reisen Löhler und Co. aufgrund des dafür notwendigen Aufwands nur selten, zudem müsste dafür das Trainingspensum deutlich erhöht werden. Stattdessen werden regelmäßig interne Turniere veranstaltet. „Mitten im Nirgendwo“, sagt der 32-Jährige, sei Fulda mit Blick auf die deutsche Fecht-Landkarte. Löhler begann im Rheinland mit dem Sport und war später zunächst in Alsfeld tätig, ehe es ihn zu FT verschlug. Dort gibt er seit etwa drei Jahren sein Wissen als Trainer weiter. Neben Löhler ist Immanuel Quarch für das Training verantwortlich. Ebenfalls leistungsorientiert fing Anna Voß-Garden in Rheinland-Pfalz mit dem Sport an, 1994 wurde sie Südwestdeutsche Meisterin. Das Know-how ist bei FT also groß.

Trainer der Fuldaer Turnerschaft Robin Löhler: Fechten ist facettenreich

Der Adrenalinausstoß bei einem Kampf mache die Attraktivität des Fechtens aus, sagt Voß-Garden. „Man ist natürlich geschützt, so dass nichts passieren kann“, erklärt die Abteilungsleiterin. „Aber das Szenario sorgt trotzdem für eine extreme Spannung.“ Schnelligkeit, Athletik und Reaktionsfähigkeit erfordere der Sport, dazu taktisches Verständnis. „Das Fechten ist unglaublich facettenreich“, ergänzt Löhler. „Man muss sich auf den Gegner einstellen und immer drei, vier Schritte vorausdenken. Und man kommt nie an den Punkt zu sagen: Jetzt kann ich alles.“

Und dann sagt er noch: „Während eines Kampfes spielt man im Kopf Schach.“ (wip)

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