Einmal paddeln, immer paddeln: Johannes Baumann (links, mit Bruder Josef) organisierte anlässlich des Fulda-Rennens 2019 ein Jedermann-Rennen für Veteranen des Kanu-Sports.
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Einmal paddeln, immer paddeln: Johannes Baumann (links, mit Bruder Josef) organisierte anlässlich des Fulda-Rennens 2019 ein Jedermann-Rennen für Veteranen des Kanu-Sports.

„Im Sommer fehlt uns Wasser“

Kanu-Weltmeister Johannes Baumann aus Fulda über die Trockenheit und die Zukunft des Paddelns

  • Laurenz Hiob
    vonLaurenz Hiob
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Johannes Baumann ist einer der erfolgreichsten Paddler des Kanu-Club Fulda – vielleicht sogar der erfolgreichste. Mit Lars Walter wurde der 39-Jährige im Zweier-Canadier 2011 in Augsburg Weltmeister. Seine Jagd nach Medaillen und Erfolgen ist passé, wenngleich sich älter werdende Kanuten noch in ihren Altersklassen messen.

Das Wettkampfgen ist bei den Paddlern schon sehr ausgeprägt. Selbst beim Jedermannrennen, das Sie voriges Jahr organisiert haben, wollte sich niemand geschlagen geben. „Just for fun“ können Kanuten nicht, oder?
Ich jedenfalls nicht. Es fällt mir schwer, selbst zu Freunden gewordene Konkurrenten ziehen zu lassen. Mit meiner aktuellen Fitness lässt sich aber kein Blumentopf mehr gewinnen. Also muss ich versuchen, mich gegen meine Kinder zu behaupten.
Ihr WM-Titel ist knapp zehn Jahre her. Wie präsent ist der noch?
Kaum. Es war eine tolle Zeit. Wenn ich Bilder oder den Film von Kaspar Zoth sehe, läuft es mir kalt den Buckel runter.
Wird der Titel noch regelmäßig thematisiert?
Hin und wieder werde ich im Verein oder an der Arbeit darauf angesprochen. Dann ist es eine schöne Erinnerung.
Wie eng ist der Kontakt zu Ihrem Canadier-Partner Lars Walter, der ja inzwischen in Hamburg lebt?
Wir telefonieren manchmal. Leider sind unsere geplanten Treffen dieses Jahr Corona zum Opfer gefallen, aber die Besuche für nächstes Jahr sind schon fest terminiert.

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Bis zum Einzeltitel 2011 war es ein langer Weg.
Einen Masterplan hatten wir nicht, aber das große Ziel, uns jedes Jahr zu verbessern, um international mal ganz oben zu stehen. Als wir 2010 erfahren haben, dass die erste reine Sprint-WM im Wildwasserrennsport in Augsburg stattfinden soll, war uns klar, dass wir dort um den Titel kämpfen wollen. Mit Trainer Harald Piaskowski haben wir uns komplett auf diesen Wettkampf konzentriert. Bei vorherigen nationalen Rennen hatten wir gezeigt, dass wir das sehr spezielle Presswasser des Eiskanals schnell bezwingen können. Es war natürlich eine riesige Motivation, vor heimischem Publikum zu paddeln.
Seit Jahrzehnten bringt der KCF international erfolgreiche Paddler hervor. Seit Ihrem Titel hat es kein Osthesse mehr in die Spitze geschafft. Fehlt der Jugend die Bereitschaft, sich durchzubeißen?
Ganz sicher nicht! Die aktuellen Sportler haben in diesem schwierigen Jahr gezeigt, dass sie sich durchbeißen können. Sie mussten mehrfach ihren Saisonhöhepunkt verschieben und waren trotzdem immer topfit. Ich bin mir sicher, dass wir in den kommenden Jahren wieder sensationelle Ergebnisse sehen, zum Beispiel von Christina Massini und anderen KCF-Sportlern.
Woran fehlt es denn?
Erfolgreiche Kanuten müssen täglich bei Wind und Wetter trainieren und die Wochenenden irgendwo in Europa auf Lehrgängen oder Wettkämpfen verbringen. In der Leistungsklasse sind mindestens zehn Einheiten pro Woche angesetzt. Natürlich bekommt man unvergessliche Momente mit seinen Freunden und darf den tollsten Sport der Welt ausüben. Das Gefühl, sich aus eigener Kraft durch Wellen und Walzen zu kämpfen, ist einmalig. Aber es braucht Zeit bis man in der Spitze ankommt. Bei mir waren es 15 Jahre.
Als Außenstehender gewinnt man den Eindruck, dass sich mehrere Strömungen im KCF herauskristallisieren.
Der Kanu-Club Fulda hat sich entwickelt. Es gibt inzwischen nicht mehr nur den Wildwasserrennsport, sondern viele Strömungen. Der KCF bietet Freizeit- und Leistungssport in vielen Bereichen. Im Freizeitbereich geht das vom „Paddeln mit dem Kindergarten“ über „SUP“ oder „Wander- und Marathonpaddler“ bis hin zum Kanu-Polo. Im Leistungsbereich sind unsere „Sportler mit Handicap“, die Slalompaddler und der Wildwasserrennsport zuhause. Das ist eine tolle Entwicklung.
Wie sieht es denn überhaupt um die Zukunft des Paddelns aus?
Nachwuchsprobleme haben wir nicht. Es gibt aber starke und schwache Jahrgänge in den Disziplinen. Die viel größere Aufgabe ist das trockene Wetter. Wir haben fallende Wasserstände auf der Fulda. Das Training in den Sommer- und Herbstmonaten ist meist nur mit Einschränkungen möglich. Durch das niedrige Grundwasser erholen sich die Pegel selbst nach Regenfällen nur kurzzeitig.
Sie haben drei Kinder. Sitzen die schon im Boot? Ist da vielleicht schon ein Champion unterwegs?
Das wird sich zeigen. Jasper, der älteste, ist sein erstes Rennen gefahren. Janosh und Jussi sitzen noch mit Papa im Boot und sammeln Erfahrung – ohne baden zu gehen.
Wie häufig sitzen Sie selbst noch im Boot?
Im Wettkampfboot sitze ich nur noch selten. Und wenn, dann drehe ich mit Lars oder meinem Bruder ein paar Runden und quatsche. Im Sommer mache ich das Mini-Club-Training mit den ganz Kleinen, da bin ich aber eher als Gondoliere gefordert. Ich hoffe, dass ich wieder mehr Zeit zum Paddeln finde.

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