Bei Wind und Wetter läuft Mareike Dulz jeden Tag rund 20 Kilometer und hat während der Challenge die 555 locker erreicht.
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Bei Wind und Wetter läuft Mareike Dulz jeden Tag rund 20 Kilometer und hat während der Challenge die 555 locker erreicht.

Sieg bei RhönEnergie Challenge

Für ihre verstorbene Tochter: Mareike Dulz läuft 555 Kilometer in 35 Tagen

  • Celina Lorei
    VonCelina Lorei
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555 Kilometer in 35 Tagen – Mareike Dulz aus Flieden hat eine besondere Herausforderung während der Challenge gemeistert. Ihr Ziel hat sie eine Woche vor Ende der virtuellen Auflage im wahrsten Sinne des Wortes erlaufen. Mehr Kilometer hatte kein anderer Einzelläufer.

Flieden - Vier Uhr morgens. Draußen dämmert es gerade, als der Wecker von Mareike Dulz zum wiederholten Male klingelt. Auf dem Bettvorleger liegen schon die Sportklamotten bereit, das Handy zum Aufzeichnen der Strecke ebenfalls zum Greifen nahe. 541,22 Kilometer ist sie in den vergangenen viereinhalb Wochen als „Reike Run“ schon gelaufen, heute will sie die 555 vollmachen.

Doch wie kam die 54-Jährige überhaupt auf die Idee, sich während der virtuellen Ausgabe der RhönEnergie-Challenge im Kreis Fulda diese ganz persönliche zusätzliche Challenge aufzuerlegen? „Der Laufsport gehört bereits seit 14 Jahren zu meinem Leben. Nächste Woche werde ich 55. Warum also nicht 555 Kilometer laufen?“, fragt die Fitnesstrainerin. Meist läuft sie zweimal am Tag – früh morgens vor der Arbeit, weil „es morgens einfach herrlich ruhig ist“, und in ihrer Mittagspause noch einmal. Samstag kommt noch die Laufeinheit mit ihrem Fitnessstudio-Lauftreff hinzu. (Lesen Sie auch hier: „Plogging“ bei der RhönEnergie-Challenge: Projekt für Schulen rückt Nachhaltigkeit in den Fokus)

Fulda: Mareike Dulz läuft für ihre verstorbene Tochter 555 Kilometer in 35 Tagen

„Ich glaube, so langsam erkennen mich die Menschen schon, wenn ich morgens mal wieder um die Ecke gelaufen komme“, sagt sie lachend. Egal ob Wind, Regen oder 36 Grad – die Fliedenerin ist nicht zu bremsen und hat ihr Ziel – die 555 – klar vor Augen. „Bei der Hitze war es schon echt hart, dass muss ich zugeben, aber aufgeben ist keine Option gewesen. Ich wollte das auf jeden Fall durchziehen. Da waren es halt eben mal nur sechs Kilometer pro Laufeinheit anstelle von normalerweise zehn.“

Ihr Weg zum Sport ist alles andere als leicht. Mit 40 lernt sie ihren heutigen Mann kennen. Als Mutter von drei Kindern wünscht sie sich ein weiteres Kind – und wird schnell schwanger. Doch nach mehreren Monaten der Schwangerschaft dann die erschütternde Nachricht: Das kleine Mädchen wird mit einer Behinderung zur Welt kommen. Zunächst ist nicht klar, um welche Art der Beeinträchtigung es sich handelt. Im sechsten Monat dann die Gewissheit: Es ist Trisomie 18 – eine Chromosomenstörung, die zu einer intellektuellen Behinderung und körperlichen Fehlbildung führt. Das Schlimme: Kinder mit Trisomie 18 leben im Durchschnitt nur neun Tage oder kommen gar tot zur Welt.

„Durch den Verlust meiner Tochter habe ich verstanden, was im Leben wirklich zählt“

Eine Abtreibung kommt für Mareike Dulz nicht infrage. Sie bringt die kleine Mia zur Welt, was übersetzt „gewünschtes Kind“ bedeutet, und weiß erst einmal nicht wohin mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz.

„Irgendwann hat mich ein Gefühl gepackt: ,Ich muss hier unbedingt raus.‘ Ich habe meine Sportsachen geschnappt und bin Joggen gegangen“, erinnert sie sich. Der gelaufene Kilometer fühlte sich für sie wie hunderte an, doch sie blieb dran und steigerte sich von Mal zu Mal. „Ich bin mir sicher, alles passiert aus einem bestimmten Grund“, sagt die Fliedenerin.

Einzelläufer
Reike Run555 Kilometer
Klaus Vey\t321,7 Kilometer
Tamara Glotzbach-Kerfouf258,13 Kilometer
Gabriele Schäfer257,71 Kilometer
Iris Greil229,97 Kilometer
Michael Wiegand\t225,19 Kilometer
Sarah Kolb218,56 Kilometer
Maria Kempf-Weiden215,52 Kilometer
Manu Pomnitz200,40 Kilometer
Fatima Sagis\t193,70 Kilometer

Vor fünf Jahren krempelte sie ihr Leben schließlich komplett um, kündigt ihren Bank-Job und macht seitdem, was sie wirklich liebt: Sport. Nach etlichen Trainerausbildungen leitet sie nun das Fitnessstudio „Fit4Life“ in Neuhof und gibt Bungee-Kurse in Fulda. „Durch den Verlust meiner Tochter habe ich verstanden, was im Leben wirklich zählt und wie wichtig es ist, auf sich und seine Gesundheit zu achten.“

Video: Lauf des Lebens: 94-Jähriger joggt der Corona-Krise davon

Zu Beginn ihrer „Lauf-Karriere“ setzte sie sich ein festes Ziel: Sie möchte für ihre verstorbene Tochter Mia einen Marathon laufen. 2018 erfüllt sie sich diesen Traum schließlich in Hamburg, 2019 folgte der Berlin-Marathon. In diesem Jahr stehen nun die 42,195 Kilometer in Frankfurt auf ihrem Programm.

Heute blickt sie mit gemischten Gefühlen auf die wohl schwerste Zeit ihres Lebens zurück. „Es war alles andere als einfach, das wünsche ich keinem. Aber ich bin stark zurückgekommen. Wer weiß, ob ich überhaupt den Weg zum Laufsport gefunden hätte, wäre all das nicht passiert.“

Doch „Reike Run“ wäre nicht sie, wenn sie noch kein neues Ziel hätte: Mit 60 möchte sie den New-York-Marathon laufen – für Mia.

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