Glücklich vereint, was leider zu wenig der Normalfall ist: Ruwen Filus mit Frau Verena und den Kindern (von links) Marie, Rosalie und Kilian.
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Glücklich vereint, was leider zu wenig der Normalfall ist: Ruwen Filus mit Frau Verena und den Kindern (von links) Marie, Rosalie und Kilian.

Der Abwehr-Profi im Interview

Ruwen Filus lebt im Spagat zwischen Tischtennis-Karriere und seiner Familie

  • Angelika Kleemann
    vonAngelika Kleemann
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Ruwen Filus hat mit seiner schwerbehinderten Tochter Marie in diesem Jahr fast mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als in der Halle. Der 32-Jährige, der als ruhig und besonnen gilt, ist zwar Abwehrspieler von Beruf. In die Defensive lässt sich der Tischtennis-Profi des TTC Fulda-Maberzell aber nicht drängen.

  • Im Tischtennis kämpft Ruwen Filus um Punkte und Titel, im Privatleben um Marie.
  • Im Interview mit unserer Zeitung berichtet der 32-Jährige von seinem Spagat zwischen Tischtennis beim TTC Fulda-Maberzell und seiner Familie in Florstadt.
  • 2020 hat Filus fast mehr Zeit im Krankenhaus als in der Halle verbracht.
Ihr letztes Match datiert vom 8. März. Das war damals eine schwierige Zeit, Tochter Marie lag lange im Krankenhaus. Konnten Sie guten Gewissens trainieren und spielen?
Nein. Ich war 30 Tage mit ihr im Krankenhaus, ohne einmal den Schläger in der Hand oder mich bewegt zu haben. Unser Sohn kam quasi zwischendurch auf die Welt. Als ich dann mit Marie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hatten wir aber noch lange kein gesundes Kind Zuhause. Eineinhalb Wochen vor dem Bundesligaspiel gegen Bremen habe ich begonnen, ein bisschen zu trainieren. Dafür habe ich einigermaßen anständig gespielt.
Was geht vor: Tischtennis oder Familie?
Tischtennis. Außer es ist wirklich etwas ganz Dringendes wie der Krankenhausaufenthalt, bei dem es einige lebensbedrohliche Situationen gab; dann haben natürlich die Marie und meine Familie Vorrang. Aber um Zuhause mit der Familie einfach nur Zeit zu verbringen, da geht Tischtennis klar vor.
Als Marie vor sechseinhalb Jahren nach Sauerstoffmangel bei der Geburt schwerbehindert zur Welt kam, machten die Ärzte Ihnen und Ihrer Frau Verena wenig Hoffnung bezüglich Maries Entwicklung. Wie geht es ihr jetzt, welche Fortschritte hat sie gemacht?
Marie ist in allen Lebensbereichen auf umfassende Hilfe angewiesen. Laufen kann sie zum Beispiel nicht, fährt aber selbstständig in ihrem Rollstuhl überall herum. Sie versteht sehr viel, kann zeigen, was sie will oder nicht will und sich mit Gebärden äußern. Wir haben einen Sprachcomputer mit Augensteuerung angeschafft, stehen damit aber ganz am Anfang und sind dran, dass sie damit mehr und mehr kommunizieren kann.
Was können wir von Marie lernen?
Eigentlich alles, was wirklich wichtig ist im Leben und was im Alltag und unserer Leistungsgesellschaft oftmals zu kurz kommt: Geduld haben und Geduld aufbringen, lernen die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen und sich über die kleinen Dinge freuen. Und natürlich Zeit und Ruhe. Marie ist ein sehr ruhiger Typ, beobachtet sehr gerne, ist zurückhaltend und sehr genügsam, lacht viel und ist ein fröhliches und ausgeglichenes Mädchen.

Ruwen Filus hat in diesem Jahr fast mehr Zeit im Krankenhaus als in der Halle verbracht

Inzwischen sind Sie dreifacher Familienvater, Rosalie (2 Jahre) und Kilian (6 Monate) halten die Eltern zusätzlich auf Trab. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Familie und dem Profisport, der doch zahlreiche Reisen und damit Abwesenheit vom hessischen Florstadt bedeutet?
Dieses Jahr war es wegen Corona sehr ruhig. Ich konnte mir die Zeit gut gestalten. Es hätte einen schlechteren Zeitpunkt geben können, zumal im Februar unser Sohn Kilian zur Welt kam und ich so mehr Zeit für die Familie hatte. Ansonsten trainiere ich die Woche über zwei bis drei Tage im Leistungszentrum in Düsseldorf, vor den Spielen dann in Fulda und absolviere noch einmal eine Einheit bei mir im Keller.
Sie haben in Ihrem Haus ein kleines Trainingszentrum eingerichtet. Standen in Corona-Zeiten mit Blick auf geschlossene Hallen Trainingspartner Schlange?
Schlange nicht, aber hin und wieder kamen Fan Bo Meng, Tobias Hippler, Nils Hohmeier und Steffen Mengel zum Training. Thomas Keinath und ich trainieren sowieso öfter zusammen. Mein Raum ist 50 Quadratmeter groß, da kann man anständig was machen.
Wie ist Ihre derzeitige Form?
Marie musste Ende Juli wieder für 35 Tage ins Krankenhaus. Bei einer standardmäßigen OP 2016 wurden die Gallenwege verletzt, inzwischen hat sie massive Leberprobleme. Deshalb ging es in letzter Zeit bei mir sehr drunter und drüber. Ich bin bei weitem nicht in meiner Topform. Aber besser als beim letzten Spiel im März wird es schon sein. Ich befinde mich gerade im Aufbau und bin froh, dass nach dem ersten Spiel morgen in Bad Königshofen eine dreiwöchige Pause kommt, so dass ich beim zweiten Spiel meine volle Leistung bringen kann.
Sie sind jetzt 32 Jahre alt, spielen die achte Saison für Maberzell. „King Kara“ (Alexandar Karakasevic) kehrt jetzt mit 44 in die TTBL zurück. Wie sieht Ihre Planung aus?
Ich bin froh, dass ich in Fulda für zwei Jahre verlängern konnte. Ich fühle mich bei Maberzell sehr wohl und glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit. Es ist ein harmonisches Miteinander. Ich bin nicht abgeneigt, Fulda noch lange zur Verfügung zu stehen.

„Olympia habe ich immer noch im Hinterkopf“

Zur Person

Ruwen Filus (32) begann als Fünfjähriger mit dem Tischtennis beim TuS Niedernwöhren. Zehn Jahre später wurde der moderne Abwehrspieler bereits Schüler-Europameister im Einzel in Novi Sad.

Seine Karriere in der Bundesliga begann Filus in der Saison 2006/2007 beim TTV Gönnern. Weiter Stationen waren die TG Hanau, TTF Ochsenhausen und der TTC Zugbrücke Grenzau, ehe der in Hessen beheimatete Filus seit 2013 für den TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell spielt.

Am 23. November 2010 bestritt Filus sein erstes Länderspiel und ist seitdem fester Bestandteil der Nationalmannschaft. Die Vize-Weltmeisterschaft mit der Mannschaft 2018 im schwedischen Halmstadt ist sein bisher größter Erfolg. Ferner wurde er viermal Mannschafts-Europameister, gewann einmal den EM-Titel im Mixed und erreichte 2017 in Düsseldorf das WM-Achtelfinale im Einzel.

Sein bester Weltranglistenplatz datiert vom Januar 2018 mit Position 18. In der aktuellen Weltrangliste nimmt Filus Platz 42 ein.

Ruwen Filus wohnt in Florstadt, ist verheiratet und hat mit seiner Frau Verena drei Kinder.

Moderner Abwehrer und Gummiwand: Maberzells Ruwen Filus.
Ist mit 32 Jahren der Leistungshöhepunkt erreicht?
Ich glaube, bei mir ist noch Luft nach oben vorhanden. Ich besitze noch Potenzial, das ich ausreizen kann.
Sie sind seit mehr als zehn Jahren Mitglied der deutschen Nationalmannschaft. Was sind Ihre internationalen Ziele. Sind die Olympischen Spiele 2021 in Tokio oder die WM ein Thema?
Olympia habe ich immer noch im Hinterkopf. Das ist natürlich das große Ziel, es einmal zu schaffen. Allerdings ist dies mit meinem Spielsystem als Abwehrspieler schwer, da muss ich schon sehr, sehr überzeugen. Was realistischer ist und bisher gut geklappt hat, sind regelmäßige Teilnahmen an Europa- und Weltmeisterschaften.
Spüren Sie schon den Atem der deutschen Nachwuchshoffnungen?
Die Nationalmannschaft ist in den letzten Jahren sowieso schon sehr stark geworden, die ersten sieben Spieler sind unter den Top 50 der Welt zu finden. Da merkt man den Druck und muss sich behaupten und beweisen. Dazu kommt noch die U 23, die nach vorne drängt. Aber ich bin guter Dinge, dass ich mein Niveau noch ein paar Jährchen halten und weiter in der Nationalmannschaft spielen kann.
Ihr Verein, der TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell, ist seit Jahren eine gute Adresse in der Bundesliga. Ein Titel fehlt noch. Ist der mit Ruwen Filus möglich?
Ja, der ist möglich, aber es wird noch zwei, drei Jahre dauern. Fan Bo Meng hat vergangene Spielzeit schon gute Ansätze in der Bundesliga gezeigt und wird sich noch steigern. Wenn er sich so weiterentwickelt und in absehbarer Zeit zur deutschen Spitze im Herrenbereich zählen wird, könnte es mit einem Titel klappen.
Am Wochenende startet die TTBL. Auf welchem Platz steht Maberzell am Ende der Saison?
Auf Platz sechs. Das hängt allerdings davon ab, wie oft der Hongkongchinese Siu Hang Lam eingesetzt werden kann.
Corona und Quarantäne machen vor der TTBL nicht Halt, die erste Partie ist schon verschoben. Glauben Sie an eine ordnungsgemäße Runde?
Es ist davon auszugehen, dass das ein oder andere Spiel nicht stattfinden wird. Wie das Beispiel Saarbrücken zeigt, geht es schnell. Auf jeden Fall sollte die TTBL auf Sicherheit gehen und Spielern nach Ablauf der Quarantäne erst grünes Licht für die Bundesliga geben, wenn ein negatives Testergebnis vorliegt. Sonst kann es ganz schnell nach hinten losgehen. Damit ist niemandem geholfen. Bei mir ist die Situation privat durch Marie deutlich angespannter, Marie zählt zur Hochrisikogruppe. Deswegen kann man nur an den gesunden Menschenverstand aller Beteiligten appellieren, die Pandemie und die ganzen Auflagen ernst zu nehmen, denn die Gesundheit sollte hier klar im Vordergrund stehen, Bundesliga hin oder her.

Das größte Glück? „Wenn Marie nicht mehr ins Krankenhaus müsste“

Seit Sie fünf Jahre alt sind, spielen Sie Tischtennis. Immer noch mit ähnlicher Leidenschaft?
Ja klar, wenn nicht mit noch mehr.
Würden Sie Ihren Kindern raten, denselben Weg einzuschlagen?
Wenn sie das möchten, unterstütze ich sie dabei. Aber aktiv dahin fördern würde ich nicht. Sie sollen das machen, was sie wollen. Wenn sie sich entschieden haben, bin ich da und unterstütze sie.
Sie sind ein guter Mixed- und Doppelspieler. Wenn Rosalie und Kilian Talent besitzen, ist ein Duo mit dem Papa vorstellbar?
Das ist nicht auszuschließen.
Sie sind Profi und Sportsoldat bei der Bundeswehr. Welchen Beruf stellen Sie sich für Ihre Zeit nach dem Sport vor?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Mein Fernstudium im Maschinenbau musste ich abbrechen, da mir die Zeit dafür gefehlt hat. Ich muss am Karriereende überlegen, was ich überhaupt machen will. Ich besitze die A-Lizenz und könnte – so ich die Möglichkeit bekomme – als Trainer einsteigen. Aber so richtige Gedanken habe ich mir noch nicht gemacht. Meine Frau und ich haben zwar schon mal darüber gesprochen und sind übereingekommen, dass ich ein, zwei Jahre schaue, was ich machen möchte, und sie in dieser Zeit ein bisschen mehr arbeiten geht. Wir handhaben das flexibel.
Was wäre für Sie das größte Glück?
Wenn Marie nicht mehr ins Krankenhaus müsste. Dann ginge es ihr besser, wir hätten weniger Sorgen, die private Situation mit wesentlich weniger Planerei wäre entspannter und unsere Familie würde nicht ständig auseinander gerissen werden. Und ich könnte deutlich regelmäßiger trainieren.

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