1. Fuldaer Zeitung
  2. Sport
  3. Lokalsport

Reportage in der ARD: Amateurfußballer erhalten halbe Milliarde Euro

Erstellt:

Von: Steffen Kollmann

Arne Steinberg (links) im Zweikampf mit Großenlüders Fabian Lehmann.
Arne Steinberg (links, gegen Großenlüders Fabian Lehmann) spielte früher unter anderem für den SVA Bad Hersfeld und ist nun einer der Autoren der ARD-Dokumentation. © Rolf Herchen/Charlie Rolff

Im deutschen Amateurfußball fließen im Monat mehr als 100 Millionen Euro in die Taschen von Amateurspielern. Die Dokumentation „Milliardenspiel Amateurfußball: Wenn das Geld im Umschlag kommt“, die heute Abend nach dem DFB-Pokal um 23.30 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird, legt erschütternde Zahlen auf den Tisch.

Fulda - Pro Saison verdienen Amateurfußballer mehr als eine Milliarde Euro. Davon werden mutmaßlich 500 Millionen Euro als Schwarzgeld gezahlt. Diese hochgerechneten Ergebnisse basieren auf einer Online-Befragung mit mehr als 10.000 Amateurfußballerinnen und -fußballern, die dank einer gemeinsamen Kooperation von torgranate.de mit CORRECTIV und dem rbb veröffentlicht werden darf.

Antworten von 8085 Amateurfußballern zwischen 18 und 39 Jahren aus ganz Deutschland wurden in die Stichprobe eingerechnet, die als Grundlage für die Hochrechnungen diente – darunter 854 Fußballer aus Hessen. Aus der errechneten Stichprobe gaben 90 Prozent der Spieler aus der fünfthöchsten Spielklasse (hierzulande Hessenliga) an, dass sie im Oktober 2020 Geld fürs Fußballspielen erhalten haben. Ihr mittleres Einkommen lag bei 500 Euro.

18,2 Prozent der befragten Fußballer haben sogar schon einmal Sachwerte oder Dienstleistungen entgegengenommen, zum Beispiel ein Auto, Nebenjob oder Baugrundstück. Und auch unterklassig fließt mächtig Kohle: In der neunten Liga (Kreisoberliga) haben 36,8 Prozent der Befragten schon einmal Geld erhalten, der Median liegt bei 200 Euro. (Lesen Sie auch: Corona zwingt erste Mannschaft in die Knie: Beim TuSpo Bad Salzschlirf wird kein Seniorenfußball mehr gespielt)

Fußball: Amateurspieler in Deutschland bekommen halbe Milliarde Euro Gehalt

„Dass in der Kreisoberliga – oder in anderen Verbänden der Kreisliga – jeder Dritte Geld kassiert, ist schon krass“, sagt Arne Steinberg, einer der Autoren der Reportage. Der 31-Jährige spielte in Osthessen einst für Niederaula/Hattenbach, den SVA Bad Hersfeld sowie Barockstadt Fulda-Lehnerz II und war sich den Problemen im Vorfeld bewusst – die nackten Zahlen überraschten aber selbst den Journalisten an der ein oder anderen Stelle.

Die Umfrage startete im Oktober 2020, anschließend wurde lange an der Reportage gearbeitet, bis sie heute in der ARD beziehungsweise schon zuvor in der Mediathek ausgestrahlt wird.

Mit Gerhard Klapp kommt zudem ein hessischer Mäzen zu Wort, der bei den Verbandsligisten Lichtenauer FV und SSC Sand wirkt. Laut eigener Aussage hat er zwischen 1,5 und 2 Millionen Euro in den Amateurfußball investiert. Für ihn ist der Sport „freie Marktwirtschaft“, erklärt er. „Wer genug hat als Verein, der kann sich die Guten leisten. Und wer kein Geld hat, muss den Rest nehmen.“

Das gefällt nicht jedem: Befragte äußern teils deutliche Kritik: „Bezahlung kann sehr viel in der Mannschaft kaputtmachen“, heißt es in Richtung der Vereine. Aber auch die Spieler werden kritisiert: „Jeder, der geradeaus laufen kann, will Geld.“ Viele der Teilnehmer erhalten das Geld bar in Umschlägen. Das ist nicht nur problematisch, sondern auch gesetzeswidrig: Laut DFB-Spielordnung darf ein Amateurspieler nur 250 Euro erhalten, sonst braucht es einen Amateurvertrag.

Arne Steinberg: „Wir wollen auf Missstände aufmerksam machen“

„Wir wollen das Vereinswesen und den Amateurfußball nicht kaputt machen. Aber wir wollen Probleme aufzeigen und auf Missstände aufmerksam machen“, betont Steinberg. Der renommierte Sportjurist Thomas Summerer prophezeit im Interview mit der ARD, dass diese Recherche „ein kleines Erdbeben“ auslösen werde. (Lesen Sie auch: Get a kick! - Initiative für inklusiven Fußball in Osthessen)

„Wenn es schwarze Kassen gibt, (…) dann ist das per se schon ein Straftatbestand, nämlich Untreue. Und das ist natürlich auch im Sportrecht relevant, denn es ist auf jeden Fall ein Verstoß gegen die Statuten sowohl des DFB als auch der FIFA und der UEFA. Dementsprechend können Sanktionen verhängt werden.“ Den Vereinen drohen der Entzug der Gemeinnützigkeit oder hohe Nachzahlungen. Spieler würden wegen Steuerhinterziehung bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafen riskieren.

Auch interessant