Timm Jäger treibt bei Eintracht Frankfurt die Digitalisierung voran, etwa mit der App „mainaqila“.
+
Timm Jäger treibt bei Eintracht Frankfurt die Digitalisierung voran, etwa mit der App „mainaqila“.

Stadion-App „mainaqila“

Eintracht Frankfurt ist Vorreiter in Sachen Digitalisierung - Timm Jäger aus Burghaun ist mitverantwortlich

  • Johannes Götze
    VonJohannes Götze
    schließen

Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt ist Vorreiter im Bereich Digitalisierung. Millionensummen fließen, um als Verein traditionell und unabhängig zu bleiben. Mitverantwortlich ist Timm Jäger aus Burghaun.

Frankfurt - Timm Jäger zieht bald um: Aktuell ist sein Büro im Deutsche Bank Park gelegen, der Heimstätte des Bundesliga-Vereins Eintracht Frankfurt. Das Stadion wird derzeit modernisiert, das Fassungsvermögen im kommenden Jahr durch einen Ausbau auf 60.000 Zuschauer erweitert. Den lieben langen Arbeitstag nimmt Jäger die gespenstische Aura eines leeren Betonklotzes in Augenschein. Traumhaft.

Vor einem Jahr einigte sich die Eintracht mit der Stadt Frankfurt auf einen neuen Stadion-Mietvertrag, der dem Bundesligisten vor allem eines garantiert: Unabhängigkeit. Vermarktungsrechte, Digitalisierungsprojekte. Eintracht Frankfurt hat Macht über das eigene Tun, längst nicht nur im Stadion – ein Luxus, den sich beinahe kein Konkurrent in der Fußball-Bundesliga mehr gönnt. Dafür hat der Club lange gekämpft. Die Zeiten hinter sich gelassen, als aus Geldnot Vermarktungsrechte verramscht und überzogene Stadion-Mietverträge abgeschlossen worden waren. (Lesen Sie hier: Eintracht-Frankfurt-Profi Theresa Panfil erklärt ihre Liebe zum Fußball)

Eintracht Frankfurt: Deshalb investiert der Bundesliga-Verein Millionen in die Digitalisierung

Das Credo des unabhängigen Handelns und der Wahrung der Tradition mit gleichsam visionärem Blick gen Zukunft ist maßgebend, um die Aktivitäten Timm Jägers bei Eintracht Frankfurt zu verstehen. Denn wie passen die Digitalthemen, die Jäger aus Burghaun im Kreis Fulda verantwortet und der dafür bereits einen zweistelligen Millionenbetrag investierte, zu einem sich Tradition auf die Fahne schreibenden Bundesligisten?

Die Losung ist einfach: Mit digitalen Themen lässt sich – richtig angefasst – viel Geld verdienen. Schalke 04 verkaufte jüngst seine Lizenz im Spiel „League of Legends“ für 26,5 Millionen Euro. Gerne wird das der krisengeschüttelte Verein nicht getan haben. Langfristige Planung im Tagesgeschäft Fußball leisten sich die wenigsten. Geld soll vor allem in Beine, vielleicht noch in Steine, aber doch bitte nicht in hochkomplexe Apps, eigene Ticketsysteme oder den Aufbau eines eSports-Teams fließen. Dem schnellen sportlichen Erfolg stehen derlei Investitionen im Weg.

Eintracht Frankfurt: Timm Jäger entwickelt digitale Projekte beim Fußball-Verein - wie die App „mainaqila“

Eintracht Frankfurt geht den konträren Weg: Die neue App „mainaqila“ hat große Spieler wie die Deutsche Bank und Mastercard zusammengebracht, um innovative Bezahltechnologien auf den Weg zu bringen. Eintracht ist Partner und wird gewiss profitieren – nicht nur um den eigenen Fans im und außerhalb des Stadions einen Mehrwert zu bieten. Vielmehr werden solche und andere im Frankfurter Stadtwald vorangetriebenen Projekte früher oder später vermarktet – vielleicht sogar an andere Clubs. Das bringt Geld.

In den Lizenzrechten, die Eintracht Frankfurt für ihre europaweit oftmals einzigartigen Visionen verlangen kann, liegt der Schlüssel zum finanziellen Erfolg. Und weil Eintracht Frankfurt unter Timm Jägers Verantwortung selbst App, Ticketsystem oder Bezahlsystem entwickelt, bleibt der Club unabhängig von Amazon, Eventim und anderen Online-Marktplätzen. Die Eintracht baut dieser Unabhängigkeit wegen eine Wagenburg um sich herum, erschließt neue Geschäftsfelder, kann dadurch auf Investoren wie Lars Windhorst (Hertha BSC) verzichten und trotzdem mit den Großen mithalten, wenngleich nicht mit den ganz Großen, die regelmäßig Champions-League-Millionen kassieren. Geld schießt eben doch Tore.

Zur Person

Nach dem Abitur studierte Timm Jäger (36) Europäische Wirtschaft, Englisch und Spanisch in Bamberg, verbrachte die Hälfte seines Hauptstudiums in Buenos Aires und schrieb seine Diplomarbeit in Rio de Janeiro. Anschließend arbeitete der Burghauner in München bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und bei BMW in der strategischen Planung.

Im Sommer 2017 warb ihn Eintracht Frankfurt für die Stelle als Referent des Vorstands ab, wo er als Teil der Stabsstelle die wirtschaftliche Strategie des Clubs gestaltet. Zusätzlich ist er Geschäftsführer der EintrachtTech GmbH, die für die Eintracht neue digitale Geschäftsfelder entwickelt.

Der 36-Jährige verbrachte seine komplette fußballerische Laufbahn bei RW Burghaun mit einem einjährigen Gastspiel in Mackenzell, und war vier Jahre als Schiedsrichter aktiv.

Die Fans, vor allem die Ultras, haben das verstanden. Wegen eSports gab es noch keine Proteste, die Kommerzialisierung des Produkts Eintracht Frankfurt beschränkt sich auf die Zeit bis und nach Abpfiff. Auf extravagante Lichtershows bei Abendspielen wird trotz modernster LED-Technik verzichtet, vielmehr sollen Dinge wie ein Lieferservice an den Platz dafür sorgen, dass der Fan so wenig wie möglich vom Spiel verpasst. Die 90 Minuten, sagt Jäger, bleiben heilig. Das Spiel im Frankfurter Stadtwald soll nicht anders als in Burghaun sein. Da spielte Jäger einst selbst, träumte als Eintracht-Fan von der Bundesliga. Jetzt realisiert er Großprojekte, die in der digitalen Welt eine gewaltige Aufmerksamkeit auf sich und ihn ziehen.

Alsbald gibt er sein Büro dafür auf. Er zieht um. Einen Steinwurf vom Deutsche Bank Park entstehen Geschäftsstelle und Profi-Campus. Hochmodern, fortschrittlich. Er arbeitet dann in der Straße „Im Herzen von Europa“. Klingt nach Versprechen. Klingt nach Tradition. Klingt nach Eintracht Frankfurt.

Das könnte Sie auch interessieren