Klare Botschaft: Wer Richtung Haupteingang der Arena „Auf Schalke“ geht, wird mit sehr freundlichen Worten empfangen.
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Klare Botschaft: Wer Richtung Haupteingang der Arena „Auf Schalke“ geht, wird mit sehr freundlichen Worten empfangen.

Zusammenhalt zwischen Fans und Verein

Schalke-Fan Jörg Wehner sorgt sich: „Wir brauchen unser Wir-Gefühl“

Schalke dominiert die Schlagzeilen. Der Fanclub „Blue White Queens“ Fliedetal ist mit der aktuellen Situation überhaupt nicht zufrieden. Vorsitzender Jörg Wehner (48) hat Ideen und hofft auf einen Neuanfang.

Schalke feiert seinen 116. Geburtstag. Welchen Stellenwert wird diese Saison einmal in der Vereinshistorie einnehmen?
Die Situation wird in die Geschichte eingehen. Es gab schon einige Skandale um Präsidentschaftswahlen, und in finanzieller Richtung lief in den 1980er Jahren nicht immer alles rund. Man hat sich aber Stück für Stück erholt und schaffte durch sportliche Erfolge – man nehme den UEFA-Cup-Sieg und den dreimaligen Gewinn des DFB-Pokals – eine finanzielle Grundlage. Die momentane Situation ist ja nicht erst gestern entstanden. Wir Fans hoffen, dass man durch die Krise etwas Positives mitnimmt. Denn dafür wird es eine Lösung geben.
Angeblich steht Schalke bezüglich der Schulden an der Spitze der Bundesliga. Ende vergangenen Jahres sollen sich die Verbindlichkeiten auf knapp 198 Millionen Euro summiert haben. Wie konnte es zu einer solchen Zahl kommen?
Ich kann das leider nicht genau erklären. Aber im Bereich Personal könnte ich mir vorstellen, dass langfristige Verträge gemacht worden sind, die zum Beispiel nach Entlassung eines Trainers weiter erfüllt werden mussten. Und das zieht hohe Summen nach sich. Und obwohl wir Fachleute aus dem Bankwesen im Aufsichtsrat haben, verstehe ich leider nicht, dass der Sportliche Vorstand so locker mit dem Geld umgehen kann.
Andererseits sollte man sehen, dass Schalke Eigentum hat wie beispielsweise das Vereinsgelände oder die Arena. Und es wird noch investiert; in das Parkstadion als U23-Stadion, Trainingsplätze, Fan-Haus etc. Es gibt andere Vereine, deren Stadion der Stadt gehört.
Besteht für die organisierten Fan-Mitglieder die Möglichkeit, Einfluss auf die Finanzen zu nehmen? Wäre dies überhaupt wünschenswert?
Auf Schalke gibt es verschiedene Fan-Organisationen. Leider gab es da vor ein paar Jahren eine Spaltung zwischen Fans und Verein. So hat sich in der Richtung einiges verändert – beispielsweise bei der Kartenvergabe. So war es schwierig für uns, Tickets zu bekommen. Und pro Saison haben wir nur einmal die Möglichkeit, als gesamter Fanclub ein Spiel zu besuchen.
Das Finanzielle sollten Leute machen, die sich damit auskennen. Man sieht ja gar nicht, was außerhalb des Sportlichen Bereichs noch so alles an den Finanzen hängt.
Jörg Wehner (48) ist Vorsitzender des Schalke-Fanclubs Blue White Queens.
Schalke ist ein eingetragener Verein. Sollte die Profiabteilung, ähnlich wie vor mehr als 20 Jahren bei Rivale Dortmund geschehen, als GmbH ausgegliedert werden, um neue Sponsoren für sich zu erschließen?
Man sollte einen neuen Weg suchen, und das würde nur noch mit der Ausgliederung funktionieren, wobei das meine eigene Meinung ist – nicht die unseres Fanclubs. Eigentlich haben wir gute Sponsoren. Und sieht man die Umsätze, dürfte es eigentlich keine finanziellen Probleme geben. Aber es gibt ja die erwähnten Altlasten.
In einer Jahreshauptversammlung wird der Verein jedoch keine Mehrheit zur Ausgliederung bekommen, weil viele Mitglieder und Fans hinter unserem Leitbild stehen.
Ich habe vor kurzem mit einem ehemaligen Aufsichtsratsmitglied telefoniert, der Vorsitzender des Schalke-Fanclub-Dachverbands war. Wir haben uns über die alten Zeiten unterhalten. Da gab es noch ein Bindeglied zwischen Fans und Verein. Es wurden Themen in verschiedenen Bezirken in ganz Deutschland besprochen und direkt an den Verein weitergegeben. Dieser Weg ist leider weggebrochen.
Wie bewerten Sie den Rückzug von Herrn Tönnies von allen Ämtern?
Ich denke, es gab keine andere Möglichkeit, da der Druck von außen größer wurde. Wenn es einen Neuanfang geben soll, dann muss man die Führung überdenken. Es ist ja nicht das erste Mal, dass über Tönnies nachgedacht wurde.
Das Verhältnis zwischen Verein und Fans ist sehr angespannt. Es gab vor längerer Zeit schon mal einen Disput, als Rudi Assauer noch das Sagen hatte. Rudi konnte schon lange nicht mehr mit Clemens.
Clemens Tönnies ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und spielte wohl seine Macht aus. Unser Leitbild „Wir leben dich“ rückte dadurch in den Hintergrund. Es muss auf Schalke aber wieder ein Wir-Gefühl entstehen. Dann geht es mit dem Verein bergauf.
Wie gelingt einem Vegetarier oder Veganer eigentlich der Spagat zwischen seinen moralischen Grundsätzen und einem Verein anzuhängen, dessen ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender pro Tag bis zu 20 000 Schweine schlachten lässt?
Warum werden so viele Schweine geschlachtet? Weil der Markt es verlangt! Ein kleines Beispiel: Die Grillsaison ist gerade am Laufen und renommierte Grillanbieter machen wieder einen richtig guten Umsatz. Der Käufer geht dann zum Discounter und holt sich das billige Fleisch. Ein teurer Grill ist wichtiger als das Fleisch.
Aktuell werden die Fleischpreise mal wieder überdacht. Die „Geiz-ist-geil“-Haltung sollte mal runtergefahren werden, und man sollte seine ortsansässigen Metzger wieder häufiger besuchen.

Der Fanclub

Der Fanclub Blue White Queens Fliedetal wurde 1994 ins Leben gerufen und zählt derzeit 55 Mitglieder. Zu den Aktivitäten zählen unter anderem: regelmäßige Treffen zum Fußballschauen, Ausflüge, Besuche von Schalke-Spielen, Organisieren von Fan-Club-Bezirkstreffen, Empfänge von Spielern.

Viele Schalker waren schon im Königreich: Hamit Altintop, Christian Fuchs, Thilo Kehrer, Timon Wellenreuther sowie „Eurofighter“ Martin Max.

Darüber hinaus veranstaltet die „Knappenschmiede“ Trainingscamps beim SV Buchonia Flieden. Zudem weilte schon die Traditionsmannschaft der Schalker zu einem Freundschaftsspiel in Flieden gegen die alte Meistermannschaft der Buchonen.

Der Vorstand zeigt „Verständnis“ für die Fan-Wut: „Wir glauben, nur im Dialog lässt sich das notwendige Vertrauen für eine bessere Zukunft zurückgewinnen, und wir sind dazu jederzeit bereit.“ Wie kommt eine solche Aussage bei den Fans an?
Die Wut ist berechtigt, da von Vereinsseite leider zu wenig mit den Fans gesprochen wird. Wir brauchen jemanden, der den Verein als Kumpel und Malocher repräsentiert. Leider kam nach Rudi Assauer keiner mehr, der diesen Verein so gelebt und es in der Öffentlichkeit gezeigt hat. Ich denke, an einem solchen Posten sollte man arbeiten. Das gibt dem Ganzen wieder einen neuen Stellenwert.
Und der Slogan in unserem Vereinslied „Tausend Freunde, die zusammensteh’n, dann wird der FC Schalke niemals untergeh’n“ beschwört den Zusammenhalt. Der Vorstand muss sich dann fragen: Was haben wir verkehrt gemacht?
Der Führungsbereich muss neu aufgestellt werden. Da gab es ja nicht nur eine Person, die im Bereich Finanzen falsch gewirtschaftet hat.
Noch eine Frage zum Sportlichen. Schalke hat einen Negativrekord aufgestellt und 16-mal in Folge nicht gewonnen. Was muss der Verein aus Ihrer Sicht anders machen, um auf Dauer in einem internationalen Wettbewerb mitzuspielen? 
Wir Fans fragen uns, warum man eine so tolle Vorrunde spielt und danach die schlechteste Rückrunde der Vereinsgeschichte. Wir haben eine der teuersten Mannschaften in der Bundesliga, aber es ist in den letzten Jahren viel falsch gemacht worden: Leihgeschäfte, langfristige Verträge mit Spielern, die ohne jede Entwicklung im Mittelmaß rumeiern – und leider großes Verletzungspech. Da stelle ich mir schon die Frage, ob das an unseren Physios oder dem Trainer liegt.
Wir hatten auf Schalke die beste Jugendausbildung – die Knappenschmiede. Man sollte wieder mit der Jugend arbeiten und bei null starten. Wir brauchen Führungsspieler, die junge Talente führen. Vielleicht lassen sich ehemalige Spieler in die Mannschaft integrieren, die die Jungs dann sogar außerhalb des Platzes formen können.
Der momentane Zustand der Mannschaft ist leider unteres Mittelmaß. Daher wird es eine gewisse Zeit dauern, bis wir wieder auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen werden. Darauf hoffen wir.

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