Handballtrainer Jakub Kowacki (Porträtbild) steht einem Handball in der Hand vor einer grauen Wand.
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Trainer Jakub Kowacki zieht es nach Flieden.

Handballtrainer Kowacki 

Abschied nach fünf bewegten Jahren aus dem Kinzigtal

Knapp fünf Jahre lang war Jakub Kowacki Trainer der ersten Herrenmannschaft der HSG Kinzigtal. Zur neuen Saison wechselt der 39-Jährige, der zuvor die TGS Niederrodenbach coachte, zu Bezirksoberligakonkurrent TV Flieden.

Herr Kowacki, wie stehen Sie dem abrupten Saisonende gegenüber: Hätten Sie sich auch eine andere Lösung vorstellen können?

Wir sind davon alle überrascht worden. Die Entscheidung war sicherlich die schwerste, die HHV-Funktionäre in ihrer Amtszeit treffen mussten, sie war jedoch absolut richtig. Zum Glück ist der Verband von der ursprünglichen Idee abgekommen, Vereine absteigen zu lassen. Das wäre jenen gegenüber, die sich sportlich noch hätten retten können, nicht fair gewesen. Die Ligen nun aufzustocken, war richtig.

Kinzigtal kam in 20 Spielen zu vier Siegen und einem Remis. Woran lag es, dass die HSG so viel kleinere Brötchen backen musste als in den Jahren zuvor?

Hat der Bäcker wenig Mehl, kann er auch keine großen Brötchen backen. Bereits vor der Saison hatte sich abgezeichnet, dass es ganz schwer werden würde. Uns hatten Daniel Hrobar, der Zweiter der Torschützenliste war, Tamas Szabo, Benjamin Krso, Lukas Heil, Jan Wagner, Lutz Dernesch und Lars Bayer verlassen. Mir war die prekäre Lage früh bewusst. Überraschend gingen dann auch noch Tom Krüger sowie Jan und Kim Rocskai – plötzlich standen wir ohne diese zehn Spieler da, die Spielzeit glich einem Himmelfahrtskommando. Und dann kam Ralph Tarka nur auf sechs Einsätze und Maxi Lotz sogar nur auf zwei. Fast über die gesamte Spielzeit standen mir nur zwei gelernte Rückraumspieler zur Verfügung. Umso höher muss man uns den zum Zeitpunkt des Abbruchs sportlich erreichten Klassenerhalt anrechnen. Nur an zwei Spieltagen standen wir auf einem Abstiegsplatz.

Werden HSG-Spieler Sie nach Flieden begleiten?

Aus Respekt der HSG gegenüber habe ich aktiv um keine Spieler der HSG geworben, die dort auch weiterhin bleiben möchten. Ich habe bei der HSG Spieler kennengelernt, die ich sowohl menschlich als auch sportlich sehr schätze, und für diese Spieler hätte ich in jeder Mannschaft, die ich trainiere, einen Platz. Ich denke, viel hängt mit der weiteren Perspektive bei der HSG zusammen.

Was trauen Sie der HSG in der kommenden Runde zu?

Man muss sehr realistisch bleiben. Wenn nicht was Verrücktes passiert, wird es sehr schwer für die HSG. Diese Runde hat gezeigt, dass – selbst wenn alle Spieler bleiben würden – diese Mannschaft Verstärkungen braucht, um in der Klasse zu bleiben.

Bei der HSG habe Ihnen, so heißt es, in sportliche Angelegenheiten niemand hineingeredet. Bei Ihrem neuen Verein ist das Umfeld lebhafter. Glauben Sie, dass beim TV Flieden der Leistungsdruck auch für Sie als Trainer wesentlich höher sein wird?

Ja, das stimmt. Ich durfte in sportlichen Angelegenheiten bei der HSG frei entscheiden. Dafür und für das Vertrauen, besonders in den schweren Zeiten, will ich mich beim Vorstand an dieser Stelle ausdrücklich bedanken. Mit steigenden sportlichen Ambitionen wächst auch der Druck auf den Trainer, die Mannschaft und das Umfeld. Für mich waren diese Ambitionen mit ein Grund, zum TV Flieden zu wechseln. Jedoch sollte das Umfeld realistisch bleiben und Ziele an vorhandene Gegebenheiten und Möglichkeiten anpassen.

Kann es sein, dass Flieden einfach mehr Geld in die Hand nimmt und daher für Spieler attraktiver als Kinzigtal ist? Oder was macht den Reiz aus, lieber in Flieden als bei der HSG zu spielen?

Ich kenne die finanziellen Möglichkeiten beider Vereine nicht. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Vereine, die Spieler bezahlen können, bestimmt mehr und schneller Erfolge erzielen. Dies ist aber auf Dauer nicht gesund, vor allem wenn man über seine Verhältnisse lebt. Sicherlich können gewisse Entschädigungen für einige Spieler eine entscheidende Rolle spielen, vor allem wenn man eine weitere Anfahrt hat. Aber ich würde dem Thema Geld in dieser Liga keine übergeordnete Rolle zusprechen. Es ist doch so: Beide Vereine, HSG wie TVF, versuchen auf eigene Spieler zu setzen. Seit Bestehen der HSG haben viele gute Einheimische den Verein verlassen und das nicht nur Richtung Flieden, sondern vor allem in größere Städte, um arbeiten oder studieren zu können. Meiner Meinung nach ist es deshalb wichtiger, den verbliebenen, ehrgeizigen Spielern Anerkennung und eine gewisse sportliche Perspektive zu bieten. Zur Zeit ist da der TVF mit dem Umfeld und der Perspektive im Vorteil.

Was haben Sie sich mit dem TV Flieden vorgenommen?

Das rein sportliche Ziel ist es, sich weiterhin in der Spitzengruppe der Bezirksoberliga zu bewegen. Dies wollen wir mit attraktivem Handball erreichen. Weiterhin ist es sehr wichtig, talentierte und ambitionierte Spieler aus der eigenen Jugend zu fördern. Und im gesamten Verein möchten wir ein gemeinsames Konzept etablieren.

Wie nutzen Sie die durch Corona bedingte handballfreie Zeit?

Bis Ende Mai bin ich an die HSG Kinzigtal gebunden. Spiel- und Trainingsbetrieb sind eingestellt und untersagt. Mannschaftssport kommt also nicht infrage. Leider ist das Ende der Vorsichtsmaßnahmen nicht in Sicht. Jeder aktive Sportler sollte sich aber weiterhin fit halten. Zur Zeit versuche ich, die Vorgaben der Regierung umzusetzen und verbringe viel Zeit ohne soziale Kontakte außerhalb meiner Familie.

rd

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