HFV-Präsident Stefan Reuß (rechts) sprach mit Johannes Götze im Eschweger Schlosspark.
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HFV-Präsident Stefan Reuß (rechts) sprach mit Johannes Götze im Eschweger Schlosspark.

„Operativ eingemischt“

HFV-Präsident Stefan Reuß vergleicht DFB-Präsident Fritz Keller mit der Queen

  • Johannes Götze
    vonJohannes Götze
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Fritz Keller, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hat seinen Rücktritt angekündigt. Stefan Reuß, Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV), sagt im Interview, dass sich Keller immer wieder operativ eingemischt habe. Er sollte aber vorwiegend repräsentieren - wie die Queen.

Eschwege - Stefan Reuß ist Krisenmanager in fordernden Zeiten: Nicht nur als Landrat des Werra-Meißner-Kreises, sondern zusätzlich als ehrenamtlicher Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes. Da kommt die hausgemachte Krise des Deutschen Fußball-Bundes zur Unzeit. Im Interview spricht er über die DFB-Krise rund um Präsident Fritz Keller, Respekt im Ehrenamt und die Corona-Pandemiebekämpfung im Verband.

Herr Reuß, das Bild, das der DFB derzeit abgibt, ist erschreckend, oder?
Früher war der DFB ein stolzer, geachteter Verband, der viel Gutes getan hat und eine Autorität war. Diese Autorität ist verlorengegangen. 
In Pandemie-Zeiten ein noch größeres Problem als ohnehin schon. 
Genau. Wenn sich alles um den kleinen Kosmos Führungsspitze dreht, deswegen aber die dringlichen Fragen auf der Strecke bleiben, ist das unsäglich und fatal. Eigentlich müsste sich damit beschäftigt werden, wie wir die Kinder wieder auf den Platz bekommen, wie wir finanziell gebeutelte Vereine unterstützen können. Das kommt zu kurz. In dieser Situation werden wir in der Politik nicht mehr ernst genommen. Das ist unser Hauptproblem.
Also sollte nun personelles Großreinemachen anstehen?
Mir geht es nicht vorrangig um Personen, sondern es muss über Strukturen und Zuständigkeiten diskutiert werden. Schaut man sich die Pläne „Projekt Zukunft“ des DFB an, profitieren in erster Linie erneut Profis und nicht die Amateure. Es ist an der Zeit, dass klar geregelt wird, für was DFB und für was DFL zuständig sind, damit wir den Amateurbereich stärken können und die Schnittstellen beider Institutionen wie Nationalmannschaft, TV-Grundlagenvertrag oder Jugend- und Trainerausbildung gemeinsam beackern. Gibt es klare Regeln zwischen den beiden Lagern, könnten Streitigkeiten und Animositäten aufhören. 

Eschwege: Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes Stefan Reuß über die DFB-Krise

Hätten Sie DFB-Präsident Fritz Keller vor drei Wochen den Nazi-Richter-Vergleich gegenüber Vize Rainer Koch zugetraut?
Nein.
Also muss er dazu getrieben worden sein. 
Das glaube ich nicht. Aber ich weiß, dass, wenn man den größten Dachverband der Welt leitet, jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Dem Amt kommt eine hohe Verantwortung zu und das muss einem bewusst sein. Dass wir ihn mit den Landes- und Regionalverbänden zum Rücktritt aufgefordert haben, damit ist eigentlich alles gesagt.
Täte eine international anerkannte Person wie Rudi Völler oder Karl-Heinz Rummenigge an der DFB-Spitze nun gut? 
Dafür muss klar sein, was die Aufgabe ist. Fritz Keller soll mehr repräsentieren und weniger operativ tätig sein, das ist sein Auftrag, das ist festgelegt. Er hat sich aber immer wieder operativ eingemischt, was zu vielen Streitigkeiten geführt hat. Die Queen in England soll auch nur repräsentieren, was seit mehr als 75 Jahren hervorragend funktioniert. Aber ob Völler oder Rummenigge, die so viele Jahre operativ tätig waren, so etwas können oder überhaupt wollen? Da setze ich mal ein Fragezeichen.

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Als HFV-Präsident sind Sie operativ tätig. Sind Sie zufrieden mit Ihrem bisherigen Krisenmanagement durch die Pandemie?
Das müssen andere beurteilen. Wir als Verband wollten einerseits immer schnell aufklären, was die neuesten Entwicklungen sind. Wir haben Auslegungshinweise erarbeitet, auf die selbst der DFB aufgesprungen ist. Wir haben im Bereich Jugendfußball eine Zeitlang die beste Lösung in Deutschland gehabt. Aber auf der anderen Seite wollten wir in Spielbetriebsfragen keine Schnellschüsse wagen, ein breites Meinungsbild einholen und versuchen, im Sinne der Vereine zu handeln. 
Wie waren die Rückmeldungen an Sie zu diesen Themen?
Die Rückmeldungen erhalte ich schnell. Die neuen Medien helfen dabei, und das ist gut so. Grundsätzlich sind sie positiv, wenngleich manche sagen: Ihr beraubt uns unseres sportlichen Erfolgs. Aber: Wenn man für mehr als 2100 Vereine Verantwortung trägt, ist das anders, als wenn man nur Verantwortung für einen Verein trägt.
Und was kann der Verband aus der Pandemie lernen?
Die demografische Schere geht im Bundesland zunehmend auseinander. Im Rhein-Main-Gebiet fehlen Sportplätze, im ländlichen Raum Spieler. Ein großes Missverhältnis. Es ist entscheidend, dass wir flexible Spielmodelle mit einer möglichst hohen Attraktivität implementieren. Da sind jetzt die Spielplaner gefragt. Ein Traditionalist darf man nicht mehr sein. 

Zur Person

Stefan Reuß (50) wurde in Kassel geboren, er studierte Wirtschaftspädagogik in Göttingen, lehrte fünf Jahre in der Erwachsenenbildung, bevor er 2006 zum Landrat des Werra-Meißner-Kreises gewählt wurde. Der SPD-Politiker befindet sich derzeit in seiner dritten Amtszeit. Zuletzt bekam der zweifache Familienvater mehr als 88 Prozent der Stimmen.

Als Funktionär begann er als Schriftführer in seinem Heimatverein SV Velmeden. Seit 2000 ist er im HFV-Präsidium vertreten. Er war Pressewart, Schatzmeister und Vizepräsident für Wirtschaft und Finanzen. 2016 wurde er einstimmig zum ehrenamtlichen Präsidenten gewählt. Er löste Rolf Hocke ab, der zuvor 19 Jahre die Geschicke des HFV geleitet hatte und nun Ehrenpräsident ist.

Als Fußballer begann Stefan Reuß bei der SG Meißner als Verteidiger und wurde später zum Stürmer umfunktioniert. Karriere machte er allerdings als Schiedsrichter. Für den SV Velmeden, ein Stammverein der SG Meißner, pfiff er mehrere Jahre in der seinerzeit drittklassigen Regionalliga und assistierte zwei Jahre in der Zweiten Liga.

Was nervt Sie in Bezug auf Corona und Fußball am meisten?
Das nervigste ist, dass wir nicht in der Lage sind zu sagen, wann es wieder losgeht. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir mit dem Voranschreiten der Impfungen und flankierenden Maßnahmen wie Testungen ähnlich wie im Vorjahr starten können.
Was ebenfalls nervt, ist, dass wir zum Prellbock für Dinge gemacht werden, die wir nicht verantworten. Wir haben uns die Coronakrise nicht ausgedacht und wir sind am Ende nicht der Reparaturbetrieb für alles. Ich mache das alles ehrenamtlich, da sind die Floskeln mit „die da oben“ einfach fehl am Platz. Dass die Menschen dünnhäutiger werden, ist in so einer Zeit normal. Aber der Respekt geht verloren, das ist nicht schön. Ich hoffe, dass nach Ende der Pandemie wieder mehr innegehalten wird.

Das Interview lesen Sie auch im E-Paper und in der Samstagsausgabe der Fuldaer Zeitung.

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