Tokio Olympia - Moderner Fünfkampf - Annika Schleu
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Hass im Netz und Enttäuschung über die verpasste Gold-Medaille bei Olympia: Fünfkämpferin Annika Schleu äußert sich im Zeit-Interview zu den Vorwürfen, sie habe das Pferd „Saint Boy“ gequält. (Archivbild)

Olympia-Drama

Fünfkämpferin Annika Schleu wehrt sich nach Höllenritt: „Pferd nicht extrem hart behandelt“

Die Bilder gehen seit Tagen um die Welt: Fünfkämpferin Annika Schleu versucht bei den Olympischen Spielen weinend, ihr Pferd mit der Gerte zum Springen anzutreiben. In einem Interview spricht Schleu jetzt über den Hass, der ihr im Netz entgegenschlägt - und wie sie damit umgeht.

Hamburg - Die Moderne Fünfkämpferin Annika Schleu überlegt, nach dem Reit-Drama bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio zukünftig auf Social-Media-Aktivitäten zu verzichten. „Die vergangenen Tage waren für mich in mehrfacher Hinsicht schockierend. Der Hass, der mir in den sozialen Medien begegnet ist, hat allerdings die Enttäuschung über die verpasste Medaille überlagert.“ Von den Bildern, die sie weinend auf dem Pferd gezeigt hatten, fühle sie sich gedemütigt.

„Natürlich macht das etwas mit mir. Das fühlt sich nicht schön an. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass alles aufgenommen wird. Erst als ich abgestiegen bin und die ganzen Kameras auf mich gerichtet wurden, wusste ich, dass das keine schönen Bilder sind.“ Schleu weiter: „Mit dieser heftigen Bewertung von außen habe ich nicht gerechnet.“ (Lesen Sie hier: Nach Olympia-Skandal melden sich Saint Boys Besitzer zu Wort - So geht es dem Pferd)

Olympia in Tokio: Annika Schleu wehrt sich - „Pferd nicht extrem hart behandelt“

Schleu hatte ihren Instagram-Kanal vor Kurzem deaktiviert, da sie sich über diesen Beschimpfungen und Spott ausgesetzt sah. „Ich will mich nicht diesem Hass aussetzen müssen. Wenn man einmal so etwas erlebt hat wie ich, ist es sehr schwer, sich davon zu erholen“, sagte Schleu im Interview mit der Zeitung „Die Zeit“.

Schleu hatte nach Platz vier bei den Sommerspielen 2016 in Rio eine Medaille in Tokio verpasst, weil im Reiten das ihr zugeloste Pferd Saint Boy verweigert hatte. Nach zwei Disziplinen hatte die Athletin noch klar auf Gold-Kurs gelegen. Schleu blieb im Reiten jedoch ohne Punkte und belegte am Ende Rang 31. (Lesen Sie hier: Olympia-Drama um Annika Schleu - Berufsreiter macht Bundestrainerin Kim Raisner schwere Vorwürfe)

Olympia-Drama im Reiten: Annika Schleu und Bundestrainerin Kim Raisner in der Kritik

Sie habe bereits zu Beginn gemerkt, dass sie mit dem ihr zugelosten Pferd keine Chance hatte: „Ich habe relativ schnell angefangen zu weinen. Ich war so angespannt, weil mir bewusst wurde, dass der Wettkampf vorbei sein könnte, bevor mein Reiten überhaupt angefangen hat. Die Sekunden, die dann verstrichen, haben sich für mich viel länger angefühlt, es war eine ausweglose, schwierige Situation für das Pferd und für mich. Und ich hatte schon im Kopf: Das hat wahrscheinlich keinen Sinn.“

Die Berlinerin gibt im Gespräch allerdings zu: „Ich hätte ein bisschen ruhiger und besonnener reagieren können. Man hat bloß in der Wettkampfsituation, in dem Stress nicht so viel Zeit. Und ich hätte eventuell früher sagen können, okay, es hat einfach keinen Wert.“

Für ihr Verhalten während des Wettkampfes mussten Schleu und auch Bundestrainerin Kim Raisner viel Kritik einstecken. Schleu hatte nach Aufforderung von Raisner vermehrt die Gerte eingesetzt, um das Pferd anzutreiben. Im Gespräch mit merkur.de* sind sich zwei Experten uneins darüber, ob das Verhalten von Schleu vertretbar war.

Video: Hassnachrichten nach Reit-Drama um Fünfkämpferin Schleu

Jedoch wehrte sich Schleu im Gespräch mit der „Zeit“ erneut gegen den Vorwurf, Saint Boy im Wettkampf gequält zu haben. „Es gibt Menschen, die empfinden Reitsport prinzipiell als Tierquälerei. Wenn jemand diese Einstellung hat, ist das sein gutes Recht.“ Schwierig finde sie allerdings diejenigen, „die gar nichts gegen den Reitsport haben, sich auskennen und jetzt so tun, als hätte ich etwas Böses getan. Ich habe das Pferd nicht extrem hart behandelt. Ich hatte eine Gerte dabei, die vorher kontrolliert wurde. Genauso wie die Sporen. Ich bin mir wirklich keiner Tierquälerei bewusst“.

Der Deutsche Tierschutzbund hat nach dem Olympia-Drama und den jüngsten Äußerungen Schleus Strafanzeige gegen die Fünfkämpferin gestellt. Der Vorwurf: Tierquälerei. Heftige Kritik kommt auch von Pferde-Fan und US-Schauspielerin Kaley Cuoco („The Big Bang Theory“). Cuoco hat angeboten, Pferd Saint Boy zu kaufen. „Nennt euren Preis“, schrieb die Schauspielerin.

Ob Annika Schleu nach ihren Olympia-Teilnahmen in London 2012, Rio de Janeiro 2016 und Tokio auch an den Spielen in drei Jahren in Paris teilnehmen wird, hatte die Berlinerin bereits zuvor offen gelassen. (dpa) *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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