Carsten Sostmeier kommentiert für die ARD die Reitsport-Veranstaltungen bei den Olympischen Spielen in Tokio.
+
Dem Pferdesport zugewandt: Der Huttener Carsten Sostmeier kommentiert emotional.

Gefeiert im Internet

Dressur wird Poesie: Carsten Sostmeier begeistert mit seinen Reitsport-Kommentaren bei Olympia die Massen

  • Sabine Kohl
    VonSabine Kohl
    schließen

Das Interesse an einer im Fernsehen übertragenen Sportveranstaltung steht und fällt auch mit der Originalität und Individualität der sie begleitenden Kommentare. Ein regelmäßig gefeierter Sprecher ist Carsten Sostmeier aus Schlüchtern, der für die ARD die olympischen Reit-Wettkämpfe kommentiert. 

Tokio/Schlüchtern - Jedem Fußballfan ist sicher noch jener Moment aus dem WM-Finale 2014 vor dem geistigen Auge präsent, als Mario Götze zum Siegtreffer ansetzte. „Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götzeeee“, gab es für ARD-Reporter Tom Bartels damals kein Halten mehr.

Bei einer Massensportart wie Fußball ist es allerdings kein Kunststück, die Daheimgebliebenen in einen Freudentaumel zu stürzen. Wesentlich schwieriger gestaltet sich dieses Unterfangen allerdings bei Randsportarten, die vor allem bei Olympischen Spielen wie aktuell in Tokio in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Und gerade beweist der in Schlüchtern aufgewachsene Carsten Sostmeier mal wieder, dass er es wie kaum ein Anderer versteht, seine Sportart auch Nicht-Pferdesport-Begeisterten näher zu bringen, für die Trabtraversale, Galopppirouette und Piaffe große Unbekannte verkörpern.

Bei Olympia gefeiert: Carsten Sostmeier aus Schlüchtern begeistert mit seinen Reitsport-Kommentaren

Dank seiner blumigen, teils poetischen Sprache hat sich der gelernte Bankkaufmann ein Unverkennbarkeits-Merkmal erarbeitet. Den Gewinn von Mannschaftsgold durch die deutschen Dressur-Reiterinnen bei den Olympischen Spielen in Tokio begleitete der 61-Jährige aus dem Main-Kinzig-Kreis in der ARD mit Sätzen, in denen sich eine Liebe zum Detail, aber auch zur Poesie widerspiegelt: „Sofort vom Fleck angetrabt, gleich macht sich Showtime groß unter dem Sattel seiner Reiterin. Er zeigt, welche Bewegungsdynamik in ihm vorhanden ist und kann diese gleich mit großer Schubkraft aus der Hinterhand in starkem Trab, mit so eleganter Freiheit in der Schulter uns wunderbar zelebrieren.“

Oder: „Wissen Sie, Dressurreiten, das ist nicht das Hineinpressen eines Pferdes in eine Schablone, sondern das behutsame Entwickeln seiner Talente zu einer edlen Silhouette.“ Drittes Beispiel: „Jetzt beginnt die Passage. Wunderschön leicht durch den Körper von hinten herangetragen durch das ganze Pferd hindurch; schwingend eben, und dann aus dem höchsten Moment der Tragkraft des Pferdes die direkte Entwicklung in die Schubkraft, wo die Hinterhand vermehrt antritt, die Schulterfreiheit gegeben sein sollte, und auch ist, für den starken Trab, und dann sofort wieder dieses Zurückschalten in die Tragkraft hinein. Das ist die hohe Kunst und funktioniert nur mit einer blinden Selbstverständlichkeit zwischen einer Reiterin und ihrem Pferd.“

Aus Dressur wird Poesie: Internet-Gemeinde feiert Olympia-Kommentare von Carsten Sostmeier

Dementsprechend groß ist das Lob, das dem Träger des Deutschen Fernsehpreises (2004) auch 2021 wieder in Kommentaren aus dem Netz wie diesen entgegenschlägt: „Carsten Sostmeier könnte auch ein Spiel des 1. FC Köln so kommentieren, dass man Lust darauf bekäme.“ „Wenn Carsten Sostmeier Dressurreiten kommentiert, dann lasse ich alles stehen und liegen.“ „Da hat einer seine Berufung gefunden. So was sollte es wirklich öfters geben und würden einigen anderen Sportarten gut tun.“

Carsten Sostmeier selbst freut sich über die „große, positive Resonanz“, die seine Kommentierung bewirkt. „Ich wünsche mir, dass der Reitsport dadurch ein paar neue Fans gewinnt“, sagt der Kommentator gegenüber unserer Zeitung. Er selbst bleibe aber bodenständig und freue sich viel mehr über die „fantastischen Leistungen der Aktiven mit ihren wunderbaren Pferden.“

Carsten Sostmeier: „Es ist manchmal ganz lustig, welche Gedanken durch das Netz galoppieren“

Wie die meisten Kommentatoren arbeitet Sostmeier in diesem Jahr nicht live vor Ort in Tokio, sondern aus einem Studio in Mainz. Einen Unterschied macht das für ihn laut eigener Aussage aber kaum: „Das Kommentieren selbst beschränkt sich auch für mich auf das, was der Zuschauer sehen kann, also das TV-Bild.“ Dennoch freut er sich, wenn ihn Freunde, die derzeit in Tokio weilen, bei Bedarf mit hilfreichen Informationen unterstützen.

Und wie wäre es für Carsten Sostmeier, zur Abwechslung tatsächlich einmal ein Fußballspiel zu kommentieren? Immerhin trauen ihm das im Internet ja offenbar einige seiner Fans zu, wünschen es sich gar. Diese Idee entlockt dem Pferdesport-Experten ein Schmunzeln: „Es ist manchmal ganz lustig, welche Gedanken durch das Netz galoppieren. Der Gedanke ehrt mich schon, aber ich darf die schönste Sportart der Welt kommentieren. Und das ist meine Bestimmung, denn die Pferde sind mein Leben!“ (Paul Schmitt/Sabine Kohl)

Das könnte Sie auch interessieren