Am 24. August starten die Paralympics in Tokio. Physiotherapeut Uli Niepoth aus Schlitz ist bereits zum siebten Mal dabei.
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Am 24. August starten die Paralympics in Tokio. Physiotherapeut Uli Niepoth aus Schlitz ist bereits zum siebten Mal dabei.

4400 Athleten aus 160 Ländern

Paralympics in Tokio: Physiotherapeut Uli Niephot aus Schlitz ist zum siebten Mal dabei

  • Angelika Kleemann
    VonAngelika Kleemann
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Vom 24. August bis zum 5. September finden in Tokio die Paralympics statt. Mit dabei ist der Schlitzer Physiotherapeut Uli Niepoth.

Schlitz - Die Koffer sind gepackt, die Vorfreude ist groß. Heute geht es für Uli Niepoth los. Der Physiotherapeut aus Schlitz im Vogelsbergkreis zählt wieder zum Aufgebot des Deutschen Behindertensportverbandes für Tokio. Für den 53-Jährigen sind es die siebten Paralympics. 

Nach den Olympischen Spielen sind die Inzidenzwerte in Tokio hochgeschnellt. Ist es sinnvoll, die Paralympics überhaupt durchzuführen?
Im deutschen Team und im Olympischen Dorf sind so gut wie keine Probleme aufgetreten. Die Bubble hat funktioniert. Die Japaner kontrollieren sehr streng. Aus sportlicher Sicht müssen die Paralmypics stattfinden, sonst bricht es der Bewegung das Genick. Es ist nicht nur, dass sich die Athleten fünf Jahre vorbereitet haben. Europa- und Weltmeisterschaften finden unter ferner liefen statt. Nur bei Paralympics ist eine mediale Präsenz gegeben. Das ist unsere Möglichkeit, die Bewegung des Leistungssports für Behinderte in die Welt zu bringen. Würden die Paralympics nicht stattfinden, wäre das eine Katastrophe für den Behindertensport.
Wie groß ist die Vorfreude?
Als ein Teil des deutschen Teams vergangene Woche ins Trainingslager nach Japan geflogen ist und Bilder aus dem Flugzeug gepostet hat, alle in Deutschlandklamotten, da habe ich Gänsehaut bekommen. Die Vorfreude steigt. Es soll endlich losgehen. Sicherlich werden es andere Spiele sein, aber auf ihre Weise auch unvergesslich. (Lesen Sie hier: Kugelstoßerin Sara Gambetta aus dem Vogelsberg wird bei Olympia Achte - mit neuer Bestleistung)

Paralympics in Tokio: Physiotherapeut Uli Niephot aus Schlitz ist zum siebten Mal dabei

Ist im Koffer noch Platz?
Ich packe schon seit Tagen die Taschen, habe den Behandlungskoffer befüllt und zurecht gemacht. Nur noch Zahnbürste und Laptop muss ich einpacken. Bei zweimal 23 Kilo Freigepäck und dem Behandlungskoffer als Sondergepäck ist noch genügend Platz für das ein oder andere Souvenir.
Was sind beliebte Mitbringsel?
Ein Handtuch mit Logo oder Magnet-Pins. Das Handtuch 2004 aus Athen war der Renner. Im Olympischen Dorf gibt es einen Souvenirladen, mal gucken was die alles anbieten. Auf jeden Fall werde ich das gleich am Anfang erledigen, sonst sind bei T-Shirts Größen wie XL gleich weg.
Was sind Ihre größten Bedenken?
Die Hitze ist eines der Hauptthemen. Die Leichtathletik ist nun mal eine Outdoorsportart. Also trinken, trinken, trinken, zusätzlich Natrium zuführen, nie ohne Kopfbedeckung und Sonnencreme vor die Tür gehen. Die Entfernungen zwischen Olympischem Dorf und Stadion kann ich nicht einschätzen. Wie viel Zeit das benötigt, wie mürbe es macht und den Tag verlängert. Oder wo wir die Physioabteilung einrichten. Haben wir genügend Platz, um Abstand zu halten, die Hygienemaßnahmen umzusetzen, und können wir den Bedürfnissen der Athleten gerecht werden. Zudem müssen wir erstmals die Behandlungen dokumentieren, um Statistiken führen zu können. Das kostet natürlich Zeit. (Lesen Sie hier: Olympia-Skandal um Annika Schleu: Berufsreiter macht Trainerin Kim Raisner einen Vorwurf)

Paralympics in Zahlen

4400 Athleten aus 160 Ländern sind in Tokio am Start.

22 Sportarten werden angeboten.

134 Athleten umfasst das deutsche Aufgebot.

16 Physiotherapeuten betreuen die deutschen Sportler.

63 Stunden übertragen ARD und ZDF.

Was genau ist Ihr Aufgabengebiet?
Ich bin mit drei weiteren Kollegen für die Leichtathleten zuständig, vornehmlich für die Bereiche Sprint, Sprung und Kugelstoß. Da die Leichtathletikwettbewerbe über die kompletten Paralympics aufgeteilt sind und die 30 Athleten auch noch trainieren, sind wir gut beschäftigt.
Werden Sie außer Ihrem Behandlungszimmer im Olympischen Dorf und im Stadion überhaupt etwas anderes sehen und etwas von den Paralympics mitbekommen?
Eher nicht, was aber nicht auf die Corona-Maßnahmen zurückzuführen ist. In Rio vor fünf Jahren bin ich auch nicht rausgekommen. Am letzten Tag wurde ein Sightseeingprogramm aus dem Boden gestampft. Ich war aber so kaputt, dass ich lieber am Pool geblieben bin und in Ruhe die Taschen gepackt habe. Dieses Mal habe ich mir aber vorgenommen, zumindest ein Basketball-Halbfinale zu besuchen. Auf meiner Akkreditierung steht ein Symbol, dass ich alle Sportstätten besuchen darf. Vielleicht ist das auch ein Hintergedanke des DBS, den Niepoth können wir überall hinschicken. Das würde ich aber auch machen, wenn es brennt.

Uli Niephot über die Paralympics: „Es fasziniert und begeistert mich einfach“

Was erwarten Sie von den Paralympics für sich und Ihre Sportler?
Unser Leichtathletik-Team wird die meisten Medaillen für den DBS holen. Das ist sehr wichtig. Ich möchte dabei mithelfen, dass die Athleten erfolgreich sind und ihr Bestes abrufen können. Niemand soll wegen einer Verletzung nicht antreten können. Natürlich kommen wir an die Riesennationen wie China und die USA nicht ran, sondern sind froh wenn wir im Gesamtmedaillenspiegel unter den Top Ten rangieren. Wir wollen Deutschland in der Welt vertreten, gut repräsentieren und faire Botschafter sein. Wir kommen sympathisch, sportlich frisch rüber. Das wird uns immer wieder gesagt.
Sie sind gut drei Wochen in Tokio. Nach Urlaub hört es sich nicht an. Gut bezahlt wird es auch nicht. Warum nehmen Sie das alles schon so viele Jahre auf sich?
Wegen des Geldes sicherlich nicht. Im Behindertensport gibt es kein Geld zu verdienen. Seit 1991 bin ich dabei. Das sind meine siebten Paralympics. Es fasziniert und begeistert mich einfach, ich kriege Gänsehaut, wenn ich sehe, wie einer ohne Arme Tischtennis spielt mit dem Schläger im Mund. Oder Leute, die blind sind und Fußball spielen. Wenn Markus Rehm 8,60 Meter weit springt oder der Oberschenkelamputierte Léon Schäfer über 7 Meter kommt und sie Weltrekorde knacken, dann sind das meine Athleten. Ich habe mitgeholfen. Das ist ein tolles Gefühl. Deshalb mache ich das.

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